Datum16.05.2026 17:14
Quellewww.spiegel.de
TLDRMedizinstudentinnen berichteten beim Deutschen Ärztetag von sexueller Belästigung, darunter Kommentare und körperliche Übergriffe. Betroffene und andere Teilnehmer zeigten sich schockiert und sprachen von einem systemischen Problem. Die Bundesärztekammer kündigte Aufklärung an und will Machtmissbrauch und Diskriminierung zum Hauptthema des nächsten Ärztetags machen. Eine Umfrage bestätigte das Ausmaß von Übergriffen im medizinischen Umfeld.
InhaltHände auf Rücken und Gesäß, Einladungen ins Hotelzimmer, Kommentare zum Ausschnitt: Medizinstudentinnen berichten von Grenzüberschreitungen beim Deutschen Ärztetag – andere Teilnehmer zeigen sich schockiert. Eigentlich geht es beim alljährlichen Deutschen Ärztetag um Positionen zur Gesundheitspolitik und zum Berufsrecht. Es ist die Hauptversammlung der Bundesärztekammer, also der Berufsvertretung aller Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. In diesem Jahr endete die Veranstaltung jedoch mit einem Eklat. Wie das "Deutsche Ärzteblatt" berichtet , schilderte eine Delegation von Medizinstudentinnen grobe Grenzüberschreitungen bis hin zu sexueller Belästigung durch männliche Teilnehmer der Veranstaltung. "Uns allen fünf weiblichen Mitgliedern unserer Delegation sind in den letzten drei Tagen Übergriffe passiert", heißt es in einer Erklärung, die das "Ärzteblatt" in voller Länge veröffentlichte. Einige der Anwesenden hätten sich demnach den Delegierten "und sicherlich auch anderen Personen gegenüber" übergriffig und inakzeptabel verhalten. Konkret geht es um Kommentare über "hübsches Auftreten" oder den Ausschnitt, "Hände auf Rücken und Gesäßen" oder Einladungen ins Hotelzimmer. "Das sind Beispiele, die uns in den letzten Tagen exakt so passiert sind", heißt es in der Erklärung weiter. Dieser Umgang sei auf einer Veranstaltung mit Akademikern im Gesundheitswesen nicht nur respektlos, sondern absolut inakzeptabel. "Wir möchten uns bewusst nicht als Einzelfälle hinstellen, sondern auf ein systemisches Problem hinweisen und aufmerksam machen." Laut der Erklärung erlebten mehr als 70 Prozent der Studentinnen im Praktischen Jahr sexualisierte Gewalt. Die Erfahrungen der Delegierten haben offenbar schon vor Ort eine Debatte über Sexismus und übergriffiges Verhalten in der Medizinbranche ausgelöst. Andere Teilnehmer waren dem Bericht des "Ärzteblatts" zufolge erschüttert über die Schilderungen. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, sagte demnach: "Es ist zutiefst verstörend, und wir werden uns daran machen, die Vorfälle aufzuklären." Mehrere Teilnehmer, die danach ans Rednerpult traten, rangen dem Bericht zufolge um Fassung und forderten, Machtmissbrauch und Diskriminierung zum Kernthema des nächsten Ärztetags zu machen. Die Neurologin Anne Kandler habe von ähnlichen Erlebnissen auf Ärztetagen berichtet. "Wir sollten nicht den Mund halten. Macht weiter und guckt nicht weg", wird die Ärztin aus Hessen zitiert. Im Nachgang des 130. Deutschen Ärztetags äußerte sich auch die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Marion Charlotte Renneberg, zu den Vorfällen auf der Veranstaltung. "Die Schilderungen der Kolleginnen und Studentinnen haben mich tief erschüttert und sprachlos gemacht", sagte Renneberg laut einer Mitteilung auf der Website der Ärztekammer. Es sei absolut inakzeptabel, dass Frauen derart in ihrer Würde verletzt werden, solch ein Verhalten sei mit dem ärztlichen Berufsethos nicht vereinbar. Bereits im Vorfeld des Ärztetags habe eine Umfrage des Marburger Bunds das Ausmaß von Machtmissbrauch, Demütigung und sexueller Belästigung gegenüber Ärztinnen und Ärzten im Arbeitsumfeld gezeigt. Nahezu die Hälfte der Befragten berichtete demnach, Machtmissbrauch insbesondere durch Vorgesetzte erfahren zu haben. Entsprechende Vorfälle würden meist aus Angst vor persönlichen Nachteilen nicht gemeldet. Nach den Redebeiträgen stimmten die Delegierten des Ärztetags laut dem Bericht des "Deutschen Ärzteblatts" mit großer Mehrheit dafür, dass es bei der Veranstaltung im kommenden Jahr ausführlich um Machtmissbrauch und Übergriffe in der Medizin gehen soll.