Datum16.05.2026 14:21
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel kritisiert das neue Heizungsgesetz von Ministerin Reiche. Es erlaubt weiterhin Gas- und Ölheizungen, was übermäßige Bürokratie und hohe Kosten für Mieter zur Folge haben kann. Der Normenkontrollrat bezeichnet den Entwurf als praxisfern. Stattdessen plädiert der Autor für energetische Sanierung und den Einsatz von Wärmepumpen oder Fernwärme, um Klimaziele zu erreichen und Importabhängigkeit zu reduzieren.
InhaltNach dem viel kritisierten Gebäudeenergiegesetz von Robert Habeck wollte Schwarz-Rot alles einfacher machen. Doch der neue Entwurf der Wirtschaftsministerin kann für Deutschland und für viele Verbraucher teuer werden. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat den Entwurf für ein neues Heizungsgesetz durchs Kabinett gebracht. Die schwarz-rote Koalition hält es für Fortschritt, wenn auch künftig wieder kaputte alte Heizungen durch neue Gas- und Ölheizungen ersetzt werden dürfen. Weil dieselbe Koalition aber schon weiß, dass ein solcher Austausch primär für Mieter teuer werden kann, müssen im selben Gesetz diese Mieter vor den Folgen des Gesetzes geschützt werden – mit richtig viel Bürokratie (mehr dazu lesen Sie hier). Sogar der Normenkontrollrat hält den Gesetzentwurf von Ministerin Reiche für eines der "handwerklich schwächsten und praxisfernsten Vorhaben", das er seit Jahren zu Gesicht bekommen hat. Fortschritt geht anders. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Die 83,5 Millionen Einwohner Deutschlands leben in 43 Millionen Wohnungen, verteilt auf 19,6 Millionen Häuser. 58 Prozent von uns wohnen dabei zur Miete – so ermittelte es der letzte Zensus im Jahr 2022. Für Heizung und Warmwasser in diesen Wohnungen wird ein großer Teil der fossilen Energie verbraucht, die wir im Ausland teuer kaufen müssen. Mehr als die Hälfte der Wohnungen wird immer noch mit Gas beheizt, ein Viertel mit Öl. Zwei Drittel aller Wohnungen benötigen aktuell deutlich zu viel Energie. Gerade mal 0,67 Prozent aller Wohnungen sind im vergangenen Jahr energetisch saniert worden, Tendenz fallend. Um die vom Grundgesetz gebotenen und in der EU vereinbarten Klimaziele zu erreichen, müssten dreimal so viele Wohnungen im Jahr saniert werden. Beim bisherigen Tempo brauchen wir 150 Jahre für einen Sanierungszyklus. Statt hoher Geschwindigkeiten auf deutschen Autobahnen sind höhere Geschwindigkeiten auf Deutschlands Baustellen notwendig. 2030 soll geprüft werden, ob das neue Heizungsgesetz Deutschland auf dem Weg hinreichend vorangebracht hat. In der Präambel des Gesetzeswurfes heißt es im ersten Absatz auf Seite eins unmissverständlich: "Die Klimaschutzziele gelten." Notwendig ist das auch knallhart finanziell: Deutschland ist aktuell mit zwei Dritteln seines Energieverbrauchs von Importen abhängig, sagt die staatliche Förderbank KfW. Bei Öl und Gas werden jeweils 95 Prozent oder mehr eingeführt. In diesem Jahr werden wir wegen der drastisch gestiegenen Preise vermutlich wieder für mehr als 100 Milliarden Euro fossile Brennstoffe importieren. Das wären dann 30 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Die Hälfte der Importe brauchen wir hierzulande für die Wärmeerzeugung, wiederum die Hälfte davon für Raumwärme. Und die besonders schlecht gedämmten Wohn- und Bürogebäude verbrauchen ungefähr 50 Prozent dieser Gebäudeenergie in Deutschland, schreibt der Bundesverband Gebäudehüllen. Das ist ein Verein, in dem sich Fensterhersteller wie Schüco mit dem Chemieriesen BASF und Dämmstofffabrikanten wie Rockwool zusammengetan haben. Und der weiß natürlich, was man dagegen tun könnte – dämmen. Und anschließend anders heizen: Hersteller von Wärmepumpen haben wir in Deutschland einige am Start. Die Antworten auf das 100-Milliarden-Euro-Problem sind nahe liegend: Lasst uns vernünftig dämmen, um den notwendigen Energieeinsatz zu verringern, danach vorwiegend elektrisch heizen mit heimischen Wärmepumpen, in jedem Fall aber erneuerbar – und, wenn nötig und vernünftig möglich, über Fernwärme. Sind wir Deutschen also zu träge, zu behäbig für die notwendigen Veränderungen? Warum liegen wir beim Bestand und beim Einbau von Wärmepumpen auf einem der letzten Plätze in Europa? Behäbigkeit kann es eigentlich nicht sein. Denn in Bereichen, in denen wir uns Vorteile ausrechnen können, sind wir in Deutschland schnell. Bei der Solarenergie waren wir damals fix am Start. Bei Teilen der Energiewende auch. Die Industrie hat ihren Energieverbrauch sehr viel deutlicher reduziert als private Haushalte. Landwirte haben im vergangenen Jahrzehnt praktisch immer ein Solardach installiert, bevor sie den nächsten Trecker gekauft haben. Fast fünf Millionen Solardächer in Deutschland sprechen eine deutliche Sprache. Hunderttausende Haushalte haben in den vergangenen zwei Jahren eine Balkonsolaranlage installiert , die man einfach an die Steckdose hängen kann. 81 Prozent der 2024 genehmigten Wohngebäude heizen bereits primär mit Wärmepumpen . Und im ersten Quartal 2026 hat der Einbau von Wärmepumpen in Deutschland noch mal um 34 Prozent zugenommen, verglichen mit dem ersten Quartal 2025. Haben Sie schon mal versucht, die finanziellen Folgen zu verstehen, wenn Sie eine Gasheizung neu einbauen, schlimmer noch, wenn Ihr Vermieter das macht? Die Folgen sind schwer abzusehen, weil sie so langfristig sind. Meine Kollegin Sandra Duy von "Finanztip" hat schon mal vorgerechnet, wieso eine Wärmepumpe trotz doppelt so hoher Anschaffungskosten für ein 150 Quadratmeter großes Haus auf 20 Jahre insgesamt über 25.000 Euro Heizkosten einsparen kann. Die wichtigsten Vorteile: keine CO₂-Abgabe, keine höheren Brennstoffkosten und keine explodierenden Netzentgelte für die Gasleitung. Dabei nutzt die Wärmepumpe Umweltenergie und erzeugt aus einer Kilowattstunde Strom drei oder mehr Kilowattstunden Wärmeenergie. Die Vorteile sind für selbst nutzende Eigentümer evident. Und was ist mit den erwähnten 58 Prozent der Menschen, die zur Miete wohnen? Die sind eher arm dran – und in der Regel dem Vermieter ausgeliefert: Dieser kann eine für ihn günstige Gasheizung (oder Ölheizung) einbauen und bezahlen. Die Mieter bleiben bisher ganz allein auf dem sitzen, was danach kommt: die hohen Gaskosten. Und diese Gaskosten werden in Zukunft realistisch gesehen nur eine Richtung kennen : Nach oben. Wie teuer die Gasheizung am Ende vor allem für Mieter wird? Darauf hat der Gesetzentwurf keine Antwort. Dort heißt es im Begründungsteil: "Eine belastbare Abschätzung der in der Zukunft zu erwartenden Kosten ist derzeit nicht möglich." Immerhin hat die Regierung eine Lösung für das selbst geschaffene Problem am Start: Baut der Vermieter eine neue Gasheizung ein, muss er in Zukunft die Hälfte dieser Kostenbestandteile übernehmen. Mieter und Vermieter teilen sich also das stetig steigende Risiko. Wie hoch der Vermieteranteil an der Gesamtrechnung dann konkret sein wird, kann man für die Zukunft nur abschätzen. Wir haben uns bei "Finanztip" aber einen Modellfall vorgenommen, bei dem der Vermieter Wohnungen vermietet, die jeweils 10.000 Kilowattstunden (kWh) Heizleistung benötigen. Ergebnis: Bei der Entscheidung für eine neue Gasheizung muss der Vermieter in dem Musterfall 2030 für jede Wohnung 275 der 1300 Euro Heizkosten pro Jahr tragen. Dazu kommt ein erheblicher bürokratischer Aufwand, um die Kosten mit den Mietern ordentlich abzurechnen. Wenn Sie bald eine neue Heizung brauchen, prüfen Sie vorwiegend die Möglichkeiten der Wärmepumpe und die Frage, wie wahrscheinlich und wie günstig ein baldiger Fernwärmeanschluss ist. Lassen Sie die Finger von Gas oder Öl. Dann schauen Sie mit einem Energieberater , welche kostengünstigen Sanierungsmaßnahmen Sie schnell umsetzen können, um den Energiebedarf Ihrer Immobilie zu senken. Je weniger Energie Sie künftig benötigen, desto günstiger wird die neue Heizung am Ende. Lassen Sie sich nicht einreden, dass sich die Sanierung in Ihrem Altbau nicht lohnt. Am einfachsten können Sie all diese Maßnahmen Schritt für Schritt vom Finanzamt mitfinanzieren lassen. Dabei sind bis zu 40.000 Euro Förderung drin. Alternativ lassen Sie sich den Einbau der Wärmepumpe so fördern wie einst noch von der Ampelkoalition beschlossen: 30 Prozent garantiert, noch mal 20 Prozent, wenn die alte Heizung vor dem Ausbau noch funktioniert, und weitere Prozente, wenn Sie wenig Geld verdienen . "Die Förderung bleibt, wie sie ist", hat Unionsfraktionschef Jens Spahn im Februar in der ARD versprochen . Haben Sie noch vor Kurzem eine Gas- oder Ölheizung eingebaut – schade. Aber kein Grund aufzugeben. Alle Maßnahmen, die günstig Ihren Energiebedarf senken, helfen auch Ihnen, wenn die Preise fürs Heizöl oder für Gas und die Netzentgelte künftig nach oben schießen. Insbesondere die eben erwähnte steuerliche Förderung von bis zu 40.000 Euro können Sie natürlich auch nutzen. Wählen Sie als Vermieter den langfristig günstigen Weg mit einer ordentlichen, ökologischen Heizung, die Sie von den Preisentwicklungen bei Öl und Gas und vom Kampf um Biogas- und Wasserstoffquoten sowie der deutschen Bürokratie unabhängig macht. Wärmepumpe oder Fernwärme (wenn sie denn bei Ihnen kommt). Das schützt Sie außerdem davor, sich jedes Jahr erneut mit ihren Mietern über Kostenbeteiligungen an Netzentgelten und Brennstoffkosten auseinandersetzen zu müssen. Auch Mieter können hier Ihren Teil tun. Meine Kolleginnen und Kollegen bei "Finanztip" haben die 15 größten Spartipps für Ihre Heizung zusammengestellt. Mein Fazit: Diese Heizungsnovelle braucht es nicht. Ich jedenfalls werde den Verdacht nicht los, dass die Regierung hier viel politisches Kapital für eine überflüssige Reform verschwendet. Tatsächliche Heizungsideologie. Handwerker und Schornsteinfegerverbände haben in den vergangenen Wochen nur den Kopf über das Gesetzesvorhaben geschüttelt. Mir gegenüber und auf öffentlichen Veranstaltungen. Umweltverbände ohnehin. Aber wie oben schon geschrieben, schauen Sie nicht zu sehr auf diese Regierung. Machen Sie Ihr Ding. Und machen Sie es besser.