Meinung: Österreich: Ex-ORF-Chef Weißmann inszeniert sich als Opfer

Datum16.05.2026 09:39

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer ehemalige ORF-Chef Roland Weißmann trat nach Vorwürfen sexueller Belästigung zurück, bezeichnet die Beziehung aber als einvernehmlich. SPIEGEL-Recherchen deuten jedoch auf Zweifel an dieser Darstellung hin, mit Beweisen wie Chats und Fotos, die eine einvernehmliche Beziehung zu widerlegen scheinen. Weißmann fordert nun fast vier Millionen Euro Entschädigung vom ORF und hat Anzeige gegen die Mitarbeiterin erstattet, die sich diffamiert fühlt.

InhaltRoland Weißmann trat als ORF-Chef zurück, nachdem er eine Mitarbeiterin sexuell belästigt haben soll. Er selbst sagt, die Beziehung sei einvernehmlich gewesen. SPIEGEL-Recherchen wecken Zweifel an dieser Darstellung. Der Frühling 2026, in dem der ORF eigentlich mit dem Eurovision Song Contest  über die Grenzen Österreichs hinaus glänzen wollte, wird beim öffentlich-rechtlichen Sender als Krisenphase in Erinnerung bleiben – als "gschissana Zeit", wie sie in Wien sagen. Eine Reihe von Aufregern und Enthüllungen  erschüttert den Branchenriesen, der Hauptstrang des Affärenstrudels betrifft die Führungsspitze: Generaldirektor Roland Weißmann trat am 8. März zurück, nachdem eine Mitarbeiterin den Vorwurf der sexuellen Belästigung erhoben hatte. Kerstin K. (Name von der Redaktion geändert) hatte sich diskret an die Spitze des Stiftungsrats, des Aufsichtsgremiums des ORF, gewandt. Ihre Anschuldigungen hatte sie mit Chats, Fotos und Abschriften von mitgeschnittenen Telefonaten untermauert. Der SPIEGEL konnte Mitte April das Material einsehen. K. wollte unter anderem, dass sich Weißmann zurückzieht und 25.000 Euro an ein Frauenhaus spendet. Der Vorgang wurde öffentlich, obwohl sämtliche Beteiligte genau das angeblich verhindern wollten. Nun schwelt die Affäre weiter. Der ORF kündigte seinem Ex-Boss, der klagt dagegen. Er behauptet sogar, er sei zum Rücktritt gezwungen worden – und verlangt fast vier Millionen Euro Entschädigung vom ORF. Die Beziehung mit K., beteuert Weißmann, sei "einvernehmlich" gewesen. Diese Aussage steht im Widerspruch zu Chats, intimen Fotos und Audioabschriften, die SPIEGEL und "Standard" einsehen konnten. Weißmanns Anwälte bezeichnen die Vorwürfe als "ungeprüft" und berufen sich auf eine milde Beurteilung  einer Compliance-Kommission. Weißmann selbst sagte in einem Interview, es stelle sich "schon auch die Frage, wer hier das Opfer ist". Recherchen von SPIEGEL und "Standard" belegen nun, dass K. bereits im Juni 2022 einem ORF-Betriebsrat berichtet  hatte, dass sie Weißmanns Avancen zurückweist. Wie passt das zur Behauptung, es gebe ein "einvernehmliches" Verhältnis? STANDARD und SPIEGEL erklären, was Österreich bewegt, ordnen politische Debatten ein, erzählen unbekannte Besonderheiten und analysieren die Hintergründe der Macht. Inside Austria erscheint jeden Samstag als Newsletter und Podcast. Für Inside-Austria Hörer- und Leserinnen gibt es jeweils ein besonderes Angebot: 4 Wochen SPIEGEL+ für 1 €, danach 5,99 € pro Woche sowie 1 Monat STANDARD Smart für 1 € statt 14,90 € . Weißmann verbreitete in einer Medienkampagne seine Erzählung, inzwischen gibt er sich wortkarg. Auf aktuelle Fragen des SPIEGEL ging er nicht ein. Sein Anwalt schrieb, dass "wir von weiteren medialen Äußerungen derzeit Abstand nehmen und auf die laufenden Verfahren verweisen." Weißmann hat Anzeige  gegen K. erstattet. Er wirft ihr unter anderem Erpressung vor. Der SPIEGEL hat mit Kerstin K. schon im April gesprochen. "Ich fühle mich durch die offenkundige Täter-Opfer-Umkehr öffentlich diffamiert", sagte sie. Sie habe nie eine Beziehung zu Weißmann unterhalten. "Keine Affäre, kein Kuss, keine körperlichen Intimitäten, kein Sex" – und erst recht "keine Liebe". Eine fünfteilige Serie widmen unsere Podcast-Hosts Lucia Heisterkamp und Antonia Rauth dem Wiener Sigmund Freud, dem Erfinder der Psychoanalyse. In der dritten Episode geht es um Freuds Forschung zur Welt der Triebe. Die Kolleginnen schreiben: Rauchen, Trash-TV, Fleisch, Ballerspiele: Wir alle haben Laster. Dinge, die wir tun, obwohl wir glauben, dass sie nicht gut für uns oder unsere Umwelt sind. In Folge drei wollen wir verstehen, wie Freuds Theorie vom Unbewussten uns dabei helfen kann, solche Laster besser zu verstehen. Uns beschäftigt die Frage, wie wir solche Triebe loswerden – oder ob das überhaupt notwendig ist. Außerdem erzählen wir, wie Freuds Ideen vom Unbewussten Ende des 19. Jahrhunderts immer populärer werden. Wie er neue Anhänger findet und mit einigen von ihnen bricht. Hier geht es zur dritten Folge: Eurovision Song Contest in Wien: Texte des STANDARD  und Texte des SPIEGEL Gestürzter ORF-Chef Roland Weißmann: Er schickte Mitarbeiterin Penisbilder - und will jetzt Opfer sein Geheime Kunden, Milliarden-Bewertung: Was macht Sebastian Kurz' Dream Security?  Österreichischer Schauspielstar Julia Riedler: "Im Alltag mehr allein als im Theater" Missbrauchsskandal bei SOS-Kinderdorf: Die Kinder, die niemand schützte Preußens Sieg über Österreich 1866: Schicksalhafte Schlacht bei Königgrätz neu bewertet  Schönes Wochenende und herzliche Grüße aus Salzburg! Oliver Das GuptaAutor für SPIEGEL und STANDARD