Datum15.05.2026 16:39
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Idee, den Renteneintritt an Beitragsjahre statt an das Lebensalter zu koppeln, birgt Verteilungsprobleme. Studien zeigen, dass gerade Frauen, Geringverdiener und Menschen mit Einschränkungen die 45-Beitragsjahre-Schwelle eher nicht erreichen. Die Annahme, dass dies vor allem Gutverdiener betrifft, ist empirisch falsch. Viele Akademiker verdienen unterdurchschnittlich, während gut verdienende Facharbeiter oft eher profitieren. Dieser Vorschlag, der eine Umverteilung zugunsten von Besserverdienenden ermöglichen soll, könnte stattdessen für einen Großteil der Bevölkerung zu längerer Erwerbstätigkeit führen.
InhaltDie Idee, den Renteneintritt an die Zahl der Beitragsjahre statt an ein Lebensalter zu koppeln, klingt nur auf den ersten Blick gerecht. Es gibt bessere Ideen. Der Vorschlag des Bundesfinanzministeriums und seines Beraters Jens Südekum, den Renteneintritt künftig an die Zahl der Beitragsjahre statt an ein einheitliches Lebensalter zu koppeln, klingt im ersten Moment einleuchtend: Wer früh angefangen hat zu arbeiten und lange in die Rentenkasse eingezahlt hat, soll auch früher in den Ruhestand gehen dürfen, das wäre fair. Hinter dieser intuitiven Logik verbirgt sich jedoch ein massiver verteilungspolitischer Webfehler. Der Vorschlag folgt eng dem Geist der von der SPD durchgesetzten "Rente mit 63", also der vorgezogenen abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. Er würde aber deren entscheidende Fehler reproduzieren. Denn die Idee trifft jene Gruppen am härtesten, die ohnehin schon zu den Verlierern unseres Arbeits- und Rentensystems gehören – Frauen, Geringverdienende und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Der Vorschlag, der inzwischen von Arbeitsministerin Bärbel Bas, Vizekanzler Lars Klingbeil und auch wohlwollend von Bundeskanzler Friedrich Merz und Markus Söder aufgegriffen wurde, sieht im Kern Folgendes vor: Statt einer einheitlichen Regelaltersgrenze von 67 Jahren soll ein abschlagsfreier Renteneintritt nach Erreichen einer Wartezeit von 45 (in einigen Varianten auch 47) Beitragsjahren möglich sein – unabhängig vom Lebensalter. Dahinter steckt – das wird selten offen gesagt, ist aber zentral – eine bestimmte Umverteilungslogik: Akademikerinnen und Akademiker, so die Annahme, treten erst spät ins Erwerbsleben ein, verdienen dafür aber überdurchschnittlich, kommen seltener auf 45 Beitragsjahre und sollen deshalb länger arbeiten. Auf diese Weise ließe sich die im deutschen Rentensystem ohnehin vorhandene stille Umverteilung von unten nach oben dämpfen, ohne unpopuläre Anhebungen des Renteneintrittsalters für alle vornehmen zu müssen, kalkuliert die SPD. Das klingt sozialpolitisch zunächst attraktiv. Aber die Rechnung geht nicht auf – sie kehrt sich sogar ins Gegenteil. Die neue Kurzstudie des DIW Berlin von Niklas Döhler, Annica Gehlen, Johannes Geyer, Peter Haan und Lukas Harder liefert hierzu eine empirische Grundlage, die in der politischen Debatte bislang fehlte. Auf Basis administrativer Vollerhebungsdaten der Deutschen Rentenversicherung für den Jahrgang 1957 zeigt sich: Nur 40,8 Prozent der Versicherten erreichen die 45-Jahres-Schwelle nach der engeren Definition, könnten also überhaupt die sogenannte Rente mit 63 nutzen, die 45 Beitragsjahre erfordert. Selbst nach einer breiteren Definition, die auch Ausbildungszeiten und Phasen des Bezugs von Arbeitslosengeld II einbezieht, kommen mehr als 43 Prozent nicht auf 45 Jahre. Entscheidend ist aber, wer diese "Unterschreiter" sind: Es sind ganz überwiegend nicht die gut bezahlten Akademiker, die in der SPD-Erzählung im Mittelpunkt stehen, sondern Die zentrale Annahme der Befürworter – dass kurze Erwerbsbiografien primär bei Besserverdienenden vorkommen – ist empirisch also schlicht falsch. Hinzu kommt ein zweiter Denkfehler: Nicht jeder mit langer Ausbildung ist Spitzenverdiener, und nicht jeder mit ununterbrochener Erwerbsbiografie ist arm. Viele Akademikerinnen und Akademiker arbeiten in pädagogischen, sozialen, pflegerischen oder kulturellen Berufen mit eher unterdurchschnittlichen Einkommen. Umgekehrt zählen zu den typischen Gewinnern einer 45-Jahres-Regel viele gut verdienende Facharbeiter und Angestellte mit kontinuierlichen Erwerbsbiografien – überwiegend Männer in stabilen Industrie- und Verwaltungsjobs.