Datum15.05.2026 12:38
Quellewww.spiegel.de
TLDRZalando plant die Schließung seines Logistikzentrums in Erfurt bis September, doch der Prozess verzögert sich. Der Betriebsrat bremst die zeitraubende Schließung und prozessiert gegen den Konzern. Zalando begründet den Schritt mit veralteter Infrastruktur und hohen Kosten im Vergleich zu neuen, automatisierten Standorten wie Gießen. Die Ankündigung erfolgte überraschend für die 2700 Beschäftigten, deren Zukunft unsicher ist.
InhaltÜberraschend hatte der Modekonzern Zalando das Aus für sein Logistikzentrum in Erfurt verkündet. Doch so schnell wie geplant geht es offenbar nicht, die 2700 Beschäftigten auf die Straße zu setzen. Als der Modekonzern Zalando Anfang des Monats seine jüngsten Quartalszahlen verkündet, sieht alles ziemlich rosig aus: Umsatz und Gewinn sind gestiegen, obwohl die Branche eigentlich kriselt. Die Übernahme des Rivalen About You bringe zehn Millionen Euro Synergien. Zalando-Gründer und Co-Chef Robert Gentz redet beim Pressegespräch über "wichtige Meilensteine", die erreicht worden seien, über die erfolgreiche Strategie, über "substanziellen Fortschritt". Als später eine Frage zum neuen, hochmodernen Logistikzentrum in Gießen kommt und zum Unterschied, den dieses Werk zum veralteten Standort Erfurt mache, bricht die Zalando-Moderatorin die Runde abrupt ab. Solche Fragen sollten bitte später direkt geklärt werden. Ist da jemandem unwohl? Der Standort Erfurt ist zum Politikum geworden. Ausgerechnet das Stammwerk, mit dem Zalando 2012 als Start-up zu wachsen begann. Jetzt, als einer der größten Modekonzerne Europas, beschäftigt das Berliner Unternehmen dort 2700 Mitarbeitende. Noch. Denn der Konzern will den Standort bis Ende September schließen. Doch das gelingt längst nicht so reibungslos wie gedacht. Die Zeitpläne, die sich Zalando intern für den Abschied aus Erfurt gesetzt hat, sind längst gerissen. Und das womöglich auch, weil sich der Konzern weniger generös verhält, als er vorgab. Zalando wollte Tempo machen, der Betriebsrat bremst. Bis Ende März hatte das Management mit den Arbeitnehmervertretern einen Interessenausgleich verhandeln wollen, zeigen Dokumente aus der Unternehmenszentrale. Ohne den Betriebsrat geht es nicht. Er kann solche Betriebsschließungen zwar nicht verhindern, darf aber beratend Vorschläge für den Standort machen. Erst dann würde der Sozialplan verhandelt, in dem es etwa darum geht, wie Mitarbeiter entschädigt werden könnten oder ob es eine Transfergesellschaft gibt. Dieser Plan sollte demnach Ende April stehen. Erst dann kann die Kündigungswelle rollen. Doch bisher haben beide Seiten noch gar nichts verhandelt. Das Modeunternehmen will agiler werden, sein neuestes Logistikzentrum in Gießen, das im Sommer eröffnet werden soll, wird hochautomatisiert laufen. In Erfurts Fördertechnik hat Zalando dagegen schon lange nicht mehr investiert. 77 Cent koste jeder Artikel im Warenausgang den Konzern dort in Thüringen, an anderen, neueren Standorten nur 30 bis 65 Cent, kalkuliert Zalando intern. Wolle Zalando das alte Werk auf den neuesten Stand bringen, seien rund 130 Millionen Euro nötig. Es "wäre aufwendig, kostenintensiv". Nun rennt dem Konzern die Zeit davon. Das Erfurter Werk im September schließen zu können, muss sich der Konzern wohl abschminken. Auch wenn man intern an der Ziellinie noch festhält. Die ersten rund 500 Mitarbeitenden hätten dafür bereits Ende vergangenen Monats gekündigt werden müssen, heißt es. Eine davon ist Silke. Sie arbeitet seit neun Jahren bei Zalando in Erfurt, fast von Anfang an. Ihren Nachnamen möchte die 54-Jährige nicht öffentlich machen, ihren Frust schon. Fünf Monate Kündigungsfrist hat Silke, erzählt sie. Bis Oktober sei sie also mindestens angestellt. Zalando sei eigentlich ein guter Arbeitgeber: Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, nette Vorgesetzte. Doch dann habe sie am 8. Januar kurz vor der Nachtschicht beim Kaffee zu Hause gesessen und im Radio sprachen sie von der Schließung des Erfurter Werks. "Ich habe vier Stunden durchgeheult." 13 Jahre habe sie noch bis zum Ruhestand, zu jung für die Rente, zu alt für einen neuen Job, sagt sie. Aus heutiger Sicht sieht das, was Zalando in Erfurt vollführt, wie ein Überfallkommando aus. Wie eine Hauruckaktion, um schnell Tatsachen schaffen zu können. Eine, die ziemlich schiefging. Mit einem Überraschungscoup hatte David Schröder, der zweite Zalando-Chef, an jenem Januartag in dem Erfurter Logistikzentrum das Aus für den Standort verkündet. Sein Erscheinen vor Ort war Tage zuvor erst angekündigt worden, als "Neujahrsgespräch". Ein "reichhaltiges Lunchpaket" solle es für die Mitarbeitenden bei diesem "Townhall Meeting" geben. Sie hätten gedacht, der Chef wolle sie loben, sagt ein Zalando-Arbeiter aus Erfurt, für die tolle Arbeit während der anstrengenden Rabattwochen im Herbst und im Weihnachtsgeschäft. Noch Anfang Dezember hatte der Standortleiter den "sehr guten Flow" des Erfurter Teams gepriesen. Nun verkündete Schröder in knappen Worten von der Bühne, dass alles vorbei sei. "Das hätten wir nicht erwartet", sagt Tony Krause, Betriebsratschef von Zalando Erfurt. "Alle waren in Schockstarre nach dieser Nachricht." Es sei ihnen klar, wie alt die Systeme in Erfurt sind. Man hätte, so sieht es Krause, den Thüringern aber mehr Zeit geben können. "Es langsam herunterfahren". Unterstützung bekommen sie dabei von Bodo Ramelow, der jahrelang Thüringens Ministerpräsident war und heute Bundestagsvizepräsident ist. Der Linkenpolitiker berät Zalandos Betriebsrat in Erfurt. "Wir schauen hier gerade zu, wie die Hardware radikal eingetauscht wird, ohne Rücksicht auf die Menschen dahinter", sagt Ramelow. "Dieses Vorgehen darf bei anderen Firmen keinesfalls Schule machen." Abgesehen davon hätte Zalando den Betriebsrat vorab informieren müssen. Rechtzeitig und umfassend, so sieht es das Gesetz vor. Tatsächlich erfuhren die Arbeitnehmervertreter auch erst am 8. Januar, dass bald Schluss sein soll. Und jetzt wehren sie sich nach Kräften. Auch Arbeitsrechtler haben bei einem solchen Vorgehen Bedenken. "Rechtlich sauber kann man sich nicht hinstellen und den Entschluss verkünden, dass ein Werk geschlossen werde", sagt Michael Fuhlrott, der häufig Arbeitgeber berät. "Nur, dass man es plant, kann man mitteilen. Denn der Betriebsrat muss erst beteiligt werden." Sinnvollerweise informiere der Arbeitgeber den Betriebsrat und Wirtschaftsausschuss zuvor, sodass dieser sich vorbereiten könne. Spielt ein Betriebsrat eher auf Zeit und das Management will Druck machen, sei eine Einigungsstelle eine Möglichkeit. Sie sorge dafür, dass die Verhandlung zeitlich strukturiert wird und letztlich der Vorsitzende dieser Einigungsstelle den Sozialplan festlegt, falls beide Seiten nicht zusammenfinden. "Bis dahin kann es allerdings bis zu eineinhalb Jahre dauern, wenn es schlecht läuft", sagt Fuhlrott. In Erfurt läuft es schlecht. Zalando strebe nach den besten und effizientesten Strukturen, erklärte Co-Chef Schröder die Standortschließung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Man brauche weniger Standorte, nur noch zwei oder drei pro Land. Er bedaure zutiefst die Auswirkung auf die Menschen vor Ort. Zalando werde einen "signifikanten Beitrag" leisten, um sie finanziell zu unterstützen. Davon ist bislang nicht viel zu sehen. Ende Februar, so heißt es im Konzern, habe der Betriebsrat für die Zeit ab Anfang März mehrere Gesprächstermine angeboten. Doch dazu kam es gar nicht mehr. Zalando ging es offenbar nicht schnell genug. Denn nach der plötzlichen Verkündung für das Aus in Erfurt – aus Zalandos Sicht "zum frühestmöglichen Zeitpunkt" – hatten die Arbeitnehmervertreter sofortige Verhandlungen abgelehnt. Sie wollten Zeit haben, um sich mit Anwalt und Sachverständigen zu munitionieren, eigene Ideen für das weitere Vorgehen in Erfurt zu sammeln – womöglich sogar Alternativpläne für ein Fortbestehen des Standorts zu präsentieren. Doch an solchen hat Zalando kein Interesse, der Konzern will Überkapazität abbauen. Nun, so sieht es Zalando, verstreiche "wertvolle Zeit für die verbindliche Regelung von Abfindungen". Allerdings ist es auch wertvolle Zeit für Zalando. Mehrfach drängten die Konzernverhandler auf eine Einigungsstelle. Als der Betriebsrat ablehnte, ging der Konzern vor Gericht und setzte sie durch, weil der Verhandlungsversuch gescheitert sei. Der Betriebsrat sträubt sich, es sei noch gar nicht verhandelt worden. Er hat Beschwerde gegen die Gerichtsentscheidung eingelegt. Und nun soll darüber erst Anfang Juni entschieden werden. Die Betriebsräte spielen auf Zeit und setzen Zalando damit womöglich auch unter Druck, aus der Konzernkasse vielleicht doch noch mehr springen zu lassen für die ausscheidenden Mitarbeitenden, um das Thema Erfurt abzustreifen. Kurz bevor Zalando-Co-Chef Schröder vor die Erfurter Mitarbeiter trat, gaben er und Gentz einen Hinweis, wie wenig Spielraum sie sehen dürften. "Wir erleben gerade einen weiteren entscheidenden Wandel in unserer Branche – möglicherweise den bislang wirkungsvollsten", schickten sie am 11. Dezember morgens in einer Art langem Motivationsschreiben ihre "Gedanken zum nächsten Kapitel von Zalando" an die Mitarbeitenden im Konzern. Die Erwartungen der Kundschaft stiegen rasant, künstliche Intelligenz, geopolitische Dynamiken, kulturelle Veränderungen, intensiver globaler Wettbewerb veränderten sehr schnell, wie eingekauft werde, wie Mode- und Lifestyle-Marken agieren müssten. Zalando müsse sich transformieren, um seine "Wachstums-Flywheels" zu "entsperren", es gehe um Effizienz, Geschwindigkeit und Automatisierung. Zalando brauche ein "schlankeres, zweckmäßiges Set-up". Erfurt ist offenbar der Anfang.