Datum15.05.2026 05:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Asiatische Hornisse breitet sich in Deutschland rasant aus und bedroht heimische Insektenbestände, insbesondere Bienen. Die invasive Art, die vor rund 20 Jahren nach Europa kam, hat keine natürlichen Feinde und vermehrt sich stark. Ihre Bekämpfung ist aufwendig und wird zunehmend von Privatleuten mitgetragen, da sie als „weit verbreitet“ gilt. NRW hat ein Förderprogramm zur Bekämpfung aufgelegt.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Invasive Art“. Lesen Sie jetzt „Warten auf die Königin - Kampf gegen die Asiatische Hornisse“. Vorsichtig nähert sich Ralf Atzorn in seiner Imker-Schutzkleidung der tennisballgroßen Kugel, die unter der Decke eines unbenutzten Gartenpools in Köln hängt. Mit einer schnellen Bewegung stülpt er ein Glas über das Nest der Asiatischen Hornisse und verschließt den Deckel. "So, jetzt warten wir noch auf die Königin - die kommt bestimmt gleich." Tatsächlich: Wenige Minuten später surrt ein großes schwarzes Insekt heran. Beherzt schwingt Atzorn seinen Kescher durch die Luft. "Ha, ich hab sie", ruft er triumphierend und sperrt die Hornissen-Chefin ebenfalls in ein altes Marmeladenglas. Während die Königin aufgeregt darin herumschwirrt, kann man sie aus der Nähe betrachten: Sie ist knapp drei Zentimeter groß, hat ein orangefarbenes Gesicht und einen schwarzen Oberkörper, einen orange-gelben Ring am Hinterleib und gewissermaßen gelbe Socken an. "Wenn wir die jetzt nicht gekriegt hätten, wäre Ihr Garten in wenigen Wochen unbenutzbar geworden", erklärt Atzorn dem Hausbesitzer. Noch ist der Zeitpunkt früh genug, denn in den sogenannten Embryonalnestern leben zunächst nur die Königinnen. Doch wenn die Arbeiterinnen geschlüpft sind, schwärmen ab etwa Ende Mai plötzlich Scharen von Hornissen aus - und verteidigen ihr Primärnest vehement auch gegen Menschen, wenn sie sich gestört fühlen. Die Asiatische Hornisse (Vespa velutina) breitet sich hierzulande rapide aus. Die invasive Art kam vor etwa 20 Jahren wahrscheinlich über Terrakotta-Waren aus Shanghai nach Frankreich. 2014 wurde sie erstmals in Deutschland und 2020 auch in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen. Dort hat sie sich massiv vermehrt. Natürliche Feinde hat sie hier nicht. Nach Zahlen des Landesamts für Natur, Umwelt und Klima NRW (Lanuk) wurden 2024 erst knapp 1.400 Funde der Asiatischen Hornisse gemeldet - 2025 waren es mehr als 7.300, vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet. 2026 gab es bisher schon fast 2.000 bestätigte Sichtungen - so viele wie noch nie um diese Jahreszeit. "Es ist Wahnsinn, wie sich das entwickelt", sagt Lanuk-Sprecherin Birgit Kaiser de Garcia. Bienen sind bevorzugte Beute der Asiatischen Hornisse. Sie lauert gezielt an den Stöcken von Honigbienen und tötet ihre Opfer sogar im Flug. "Ein Hornissen-Volk braucht 17 bis 20 Kilogramm Insektenmasse pro Saison - und gefressen wird nur das Bruststück", erläutert Atzorn, der Vorsitzender des Kölner Imkervereins und Fachberater zum Thema Asiatische Hornisse ist. Er selbst wie auch viele seiner Imker-Kolleginnen und -Kollegen hätten bereits ganze Bienenvölker durch Hornissenattacken verloren. Da die Asiatische Hornisse aber auch Jagd auf Wildbienen macht, sei sie zudem eine Gefahr für die Biodiversität. Der Stich einer Asiatischen Hornisse sei für Menschen ohne besondere Allergien zwar schmerzhaft, aber in der Regel zunächst ungefährlich, sagt Kaiser de Garcia. Problem sei aber, dass das Insekt beim Stechen eine Duftmarke setze, die den Gestochenen als Angreifer markiere. "Dann fliegen die Tiere ihm in Massen hinterher und stürzen sich auf ihn - das macht es sehr gefährlich." Auch Atzorn kennt Fälle, in denen Menschen von Heerscharen von Hornissen verfolgt und gestochen wurden. "Ich habe da schon Dinge gesehen - das war wirklich schlimm." Die Hornissen versuchten so, ihr Nest zu verteidigen - etwa, wenn jemand ihm beim Hecke schneiden zu nahe kommt. Primärnester fänden sich an den verschiedensten Stellen: In Sträuchern, unter Dachüberständen, in Rolladenkästen, aber auch in Sitzkissen-Truhen oder Kugelgrills, die über die Wintermonate nicht genutzt wurden. Ab Ende Juni legen die Hornissen ihre Sekundärnester an, die sich oft auch hoch in Bäumen befinden und einen Durchmesser von einem Meter erreichen können. Darin leben dann durchschnittlich 6.000 Hornissen. Ein Hornissen-Volk produziert laut Atzorn bis zu 600 Königinnen. "Wenn man es nicht wegmacht, entstehen im Umkreis von zwei Kilometern im Folgejahr 12 bis 15 neue Nester." Die großen Nester werden meist mit Dampf oder Aktivkohle bekämpft. Die kleineren legt Atzorn in einem verschlossenen Glas zwei Tage ins Gefrierfach, um die Brut abzutöten. Wer ein Nest einer Asiatischen Hornisse entdeckt, solle auf keinen Fall versuchen, es selbst zu entfernen, sondern Fachleute hinzuziehen, mahnt Kaiser de Garcia. Bürger sollten das Nest bei der Unteren Naturschutzbehörde melden oder ein Foto im Neobiota-Portal des Lanuk hochladen. Die Kosten für die Beseitigung müssen Privatleute in der Regel selbst zahlen. Denn im vergangenen Jahr hat das Bundesumweltministerium die Asiatische Hornisse in Deutschland als "weit verbreitet" eingestuft. Seitdem sind die Behörden nicht mehr zur Beseitigung aller Nester verpflichtet, dies geschieht nur noch im Einzelfall. Das Land NRW hat kürzlich ein Förderprogramm für die Bekämpfung der invasiven Art aufgelegt. Ausbildungen für Imker werden ausgebaut. Geschulten Imkern sollen für die fachgerechte Entfernung von Nestern Prämien gezahlt werden. Außerdem werden Schutzausrüstungen sowie Absaugvorrichtungen oder Lanzen für die professionelle Bekämpfung bezuschusst. Insgesamt steht nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums eine Summe von 150.000 Euro zur Verfügung. Grundsätzlich sei das Förderkonzept zwar ein guter Ansatz, meint Atzorn. Doch es komme reichlich spät, da eine fundierte Ausbildung zum Hornissen-Bekämpfer Zeit brauche. Zudem sei die Gesamtfördersumme viel zu niedrig: Angesichts der rasanten Ausbreitung der Asiatischen Hornisse werde der Betrag wohl sehr schnell aufgebraucht sein. © dpa-infocom, dpa:260515-930-81939/1