Kolumbien: Rotes Kreuz meldet schlimmste Gewalt seit Jahren

Datum14.05.2026 19:37

Quellewww.spiegel.de

TLDRDas Rote Kreuz meldet die schlimmsten humanitären Folgen bewaffneter Konflikte in Kolumbien seit einem Jahrzehnt. Trotz Friedensabkommen von 2016 eskalieren die Konflikte zwischen Guerillagruppen. 2023 wurden über 235.000 Menschen vertrieben, Hunderte verletzt oder vermisst. Der Leiter des IKRK kritisiert die zunehmende Verschärfung der Lage und die Vernachlässigung des humanitären Völkerrechts, was die Zivilbevölkerung besonders hart trifft.

InhaltTheoretisch herrscht in Kolumbien seit 2016 Frieden. Faktisch befinden sich verschiedene Guerillagruppen weiterhin im Konflikt miteinander und der Regierung. Und die Gewalt nimmt zu. Mindestens 235.619 Menschen wurden im vergangenen Jahr in Kolumbien gezwungen, ihre Wohnorte zu verlassen, 965 Menschen durch Sprengkörper verletzt, 308 werden vermisst – laut dem Jahresbericht des Roten Kreuzes erlebt Kolumbien die schwersten humanitären Folgen von bewaffneten Konflikten seit einem Jahrzehnt. "Die humanitäre Lage 2025 ist das Ergebnis einer fortschreitenden Verschlechterung der Situation, vor der das IKRK seit 2018 warnt", wird Olivier Dubois, Leiter der IKRK-Regionaldelegation in Bogotá, in dem Bericht zitiert. "In der Folge verschärfen sich die Folgen für die Zivilbevölkerung zunehmend." Dabei war der Frieden im Land 2016 in langen Verhandlungen schwer errungen: Im mehr als 52 Jahre dauernden Bürgerkrieg zwischen marxistischen Rebellen der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, kurz FARC, rechten Paramilitärs und dem Militär waren mehr als 220.000 Menschen ums Leben gekommen. Noch heute werden die Verbrechen aufgearbeitet, Vermisste in anonymen Gräbern identifiziert, ehemalige Guerilla-Kämpfer in ein ziviles Leben überführt. Doch schon länger ist Frieden in Teilen Kolumbiens wenig mehr als ein theoretisches Konzept. Bereits kurz nach der Unterzeichnung des Vertrags distanzierten sich einzelne Splittergruppen der Farc von den Vereinbarungen. Diese von der Bevölkerung als "Dissidenten" bezeichneten Gruppen kämpfen seit Jahren um die Vorherrschaft in einigen Regionen. Laut Rotem Kreuz stammt fast die Hälfte (46%) der durch Explosionen getöteten oder verletzten Menschen aus Cauca, zwei Drittel der Massenvertreibungen seien im Departamento Norte de Santander erfolgt. Die meisten Völkerrechtsverletzungen erfolgten nicht während Kampfhandlungen und beträfen hauptsächlich Zivilpersonen oder Gefangene. Weitere Fälle ereigneten sich während der Kämpfe, wenn die Parteien nicht genügend Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um die Zivilbevölkerung zu schonen. "In bewaffneten Konflikten hängt es in erster Linie von den Entscheidungen der Konfliktparteien ab, wie groß die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung sind. Wenn das humanitäre Völkerrecht nicht eingehalten wird, beeinträchtigen diese Entscheidungen das Leben und die Würde der Menschen direkt", sagt Olivier Dubois. bul mit dpa