Datum14.05.2026 12:33
Quellewww.spiegel.de
TLDRDeutschland drängt in der EU auf weichere Regeln für das Verbrenner-Aus. Eine Studie warnt, dass dies den Umstieg auf E-Autos verlangsamen und zu höheren CO₂-Emissionen sowie zusätzlichen Ölimporten führen würde. Befürchtet wird, dass Schlupflöcher für E-Fuels und Hybridautos die Klimaziele untergraben und den Fortschritt im Vergleich zu China und anderen Nationen bremsen.
InhaltUnion und SPD drängen in Brüssel auf weitere Ausnahmen beim Verbrenner-Aus. Eine Studie warnt vor den Folgen: E-Autos würden sich langsamer durchsetzen, Ölimporte und CO₂-Emissionen zunehmen. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Die Regierungskoalition aus Union und SPD fordert eine weitere Lockerung des Verbrenner-Ausstiegs in der EU. Würde sich Deutschland damit durchsetzen, dürften Elektroautos deutlich langsamer Marktanteile gewinnen als bislang erwartet. Das zeigt eine Analyse der Brüsseler Nichtregierungsorganisation Transport & Environment (T&E). Sie prognostiziert für diesen Fall eine E-Auto-Quote von 53 bis 76 Prozent an allen Verkäufen im Jahr 2035. Der bisherige Vorschlag der EU-Kommission hätte nach Ansicht der Organisation zu einem E-Auto-Anteil von 85 Prozent geführt. Der wesentliche Grund für den Unterschied: Nach dem Willen der Koalition sollen Verbrenner, die nur mit Biokraftstoffen oder E-Fuels betankt werden, künftig als "Nullemissionsfahrzeuge" zählen. Zudem wollen Union und SPD bisherige großzügige Annahmen für den Treibhausgasausstoß von Plug-in-Hybridautos beibehalten – obwohl anonymisierte Nutzungsdaten zeigen, dass diese Hybride in der Praxis deutlich mehr Sprit benötigen, als die Hersteller angeben. Würde die EU dem folgen, wäre der E-Auto-Anteil laut T&E auch im Jahr 2030 deutlich niedriger als bislang erwartet. Denn die Branche könnte weiter Verbrenner- und Hybridautos verkaufen – und die Flottengrenzwerte trotzdem einhalten. In der Folge würden europäische Autos im Zeitraum von 2025 bis 2050 im Vergleich zum Vorschlag der EU-Kommission zwischen 1,1 und 2,2 Milliarden Tonnen mehr CO₂ ausstoßen, prognostizieren die Autoren. Zum Vergleich: Ganz Deutschland emittierte zuletzt 0,649 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr. Zudem brauchte die Bundesrepublik binnen einem Jahrzehnt zusätzliches Erdöl im Wert von 7 bis 15 Milliarden Euro, schätzt T&E, wenn der Umstieg auf die E-Mobilität entsprechend langsamer voranginge. "Wir erleben die größte Ölkrise seit 50 Jahren, doch anstatt den Verbrauch zu senken, würden die Vorschläge der Bundesregierung zu Milliarden an Mehrausgaben für zusätzliche Ölimporte führen", kritisiert Sebastian Bock, Deutschlandchef der Organisation. Die Koalition handle damit entgegen dem Trend am Weltmarkt hin zu E-Autos. "Das verunsichert Investoren und Konsumenten, während uns China und andere Länder immer weiter davonfahren", mahnt Bock. "Wir müssen schnellstmöglich elektrisch fahren und unabhängig von Öl werden." Die EU-Kommission hatte im Dezember ihren Reformvorschlag für die Flottengrenzwerte vorgelegt. Demnach soll der CO₂-Ausstoß aller neu zugelassenen Autos bis zum Jahr 2035 nicht mehr um 100 Prozent zurückgehen wie bislang vorgeschrieben, sondern um 90 Prozent im Vergleich zum Jahr 2021. Dies ermöglicht den weiteren Verkauf von Hybrid- und Verbrennerautos. Allerdings soll die Branche die zusätzlichen Emissionen kompensieren müssen: durch die Verwendung klimaschonend hergestellten Stahls und erneuerbarer Kraftstoffe. Als Abonnentin oder Abonnent von SPIEGEL+ haben Sie die Möglichkeit, manager+ zum Vorteilspreis dazuzubuchen. Darin enthalten sind alle Inhalte von manager magazin+ und Harvard Business manager+. Damit ist es das ideale Abo für alle, die tiefe Einblicke in die deutsche Wirtschaft, die Chefetagen großer Unternehmen und in die spannendsten Start-ups suchen. Jetzt flexibel upgraden: Sichern Sie sich manager+ für nur 2 Euro pro Woche! Damit griff die Kommission auch Vorschläge der Bundesregierung auf. Dennoch fordert die Koalition eine weitere Aufweichung, um die Autoindustrie und ihre Zulieferer im internationalen Wettbewerb zu stärken. Das hielten Union und SPD nach dem Koalitionsausschuss Mitte April in der Villa Borsig fest. Die Debatte fällt in eine Zeit, in der die Absatzzahlen von E-Autos in Deutschland deutlich steigen. Das Europaparlament und der Rat der Mitgliedstaaten müssen sich noch zu den Kommissionsvorschlägen positionieren. Einen Kompromiss zu finden, dürfte kompliziert werden: Während Staaten wie Deutschland und Italien auf eine Lockerung der Regeln drängen, sehen Länder wie Spanien oder die Niederlande kaum Reformbedarf. Der zuständige Berichterstatter des EU-Parlaments, der italienische Konservative Massimiliano Salini, spricht sich ebenfalls für eine weitergehende Aufweichung der Flottengrenzwerte aus. Offen ist allerdings, ob die konservative EVP-Fraktion dafür eine Mehrheit mit Sozialdemokraten und Liberalen findet – oder ob sie auf eine mögliche Mehrheit mit extrem rechten Fraktionen setzt. Der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken kritisiert, Salinis Vorschlag "würde die europäische Automobilindustrie international ins Abseits fahren". Wer zu den EU-Klimazielen stehe, könne den Entwurf des Berichterstatters nicht ernst nehmen, so Wölken. Das Parlament soll voraussichtlich im November über die Reform abstimmen.