Datum13.05.2026 06:44
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie Verbraucherzentrale Hamburg verklagt Mondelēz wegen Irreführung bei Milka-Schokoladentafeln. Dem Hersteller wird vorgeworfen, Tafeln durch subtile Gewichtsreduktion und gleichbleibende Verpackung unmerklich zu verteuern (Shrinkflation). Laut Gericht könnte dies eine "Mogelpackung" darstellen. Steigende Kakaopreise und Lieferkettenkosten wurden als Gründe genannt. Ein Urteil wird erwartet, das signalisieren könnte, ob diese Praxis legal ist.
InhaltDie Verbraucherzentrale Hamburg wirft dem Hersteller Mondelēz vor, die Milka-Preise verdeckt erhöht zu haben. Das Landgericht Bremen entscheidet nun, ob der Lebensmittelhersteller Kunden in die Irre geführt hat. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Wer denkt, ein bekanntes und gewohntes Produkt zu kaufen und dann plötzlich mehr zahlt für weniger Inhalt, dürfte sich getäuscht fühlen. Die Verbraucherzentrale Hamburg wirft Mondelēz vor, bei seiner Milka-Schokolade so Verbraucher in die Irre geführt zu haben. Die Organisation hat wegen unlauteren Wettbewerbs geklagt. Das Landgericht Bremen will an diesem Mittwoch sein Urteil in dem Streit fällen. "Während die Verpackung und das Design identisch sind, ist die Tafel selbst unmerklich rund einen Millimeter dünner geworden", kritisiert die Verbraucherzentrale. Viele Milka-Schokoladentafeln wiegen inzwischen nur noch 90 statt 100 Gramm. Gleichzeitig ist der Preis im Handel von 1,49 auf 1,99 Euro gestiegen. Rewe-Chef Lionel Souque hatte das kürzlich im SPIEGEL-Interview mit einem gestiegenen Einkaufspreis gerechtfertigt, den Rewe nun zahlen müsse. Souque kritisierte Mondelēz für die Methoden: "Unter diesen Bedingungen war ein Verkauf unter 1,99 Euro kaum darstellbar. Das ist irre", sagte er. Der Hersteller selbst weist die Kritik zurück. Eine Mondelez-Sprecherin sagte, das Gewicht sei klar auf der Verpackung zu erkennen. Der Anwalt des Konzerns argumentierte vor Gericht außerdem, dass die Menge schon in der Vergangenheit je nach Sorte zwischen 81 und 100 Gramm pro Tafel variiert habe. Mondelēz teilte auch mit, dass man Kunden auf der Website und in sozialen Medien über die Schokoladentafeln informiere. Zusätzlich verwies die Sprecherin auf gestiegene Kosten in der gesamten Lieferkette. "Als Konsequenz daraus haben wir letztes Jahr entschieden, das Gewicht einiger unserer Milka-Tafeln anzupassen." Der Vorsitzende Richter hatte zu Verhandlungsbeginn angedeutet, dass das Gericht der Argumentation der Verbraucherschützer folgen könnte. "Das ist eine relative Mogelpackung", sagte er. Als Mogelpackung werden Produkte bezeichnet, deren Preise verdeckt erhöht wurden. In den vergangenen Jahren ist Schokolade deutlich teurer geworden. Ursache waren Ernteausfälle in Westafrika infolge von Pflanzenkrankheiten und Extremwetterlagen, die durch die Klimakrise häufiger werden. Laut Statistischem Bundesamt war eine Tafel Schokolade im März im Schnitt 71 Prozent teurer als 2020. Verbraucher konsumierten wegen der höheren Preise zuletzt auch weniger Schokolade. In den vergangenen Monaten haben die Supermärkte die Verkaufspreise zahlreicher Eigenmarkenprodukte aber wieder etwas gesenkt. Grund ist eine bessere Kakaoernte. Die Rohkakaopreise an den Börsen sind deutlich gesunken. Das Phänomen – weniger Inhalt zum gleichen oder sogar höheren Preis – wird auch als "Shrinkflation" bezeichnet , in Anlehnung an die englische Bezeichnung für "schrumpfen" ("to shrink"). Die Verbraucherzentrale Hamburg führt eine Liste mit mehr als 1000 solcher verdeckten Preiserhöhungen. Häufig betroffen seien Markenprodukte, hauptsächlich Süßwaren. Wer bemerkt, dass in einer Verpackung bei gleichem Preis plötzlich weniger drin ist, kann den Artikel online bei der Verbraucherzentrale Hamburg melden. So war einer Verbraucherin beim Backen aufgefallen, dass eine Packung Sanella-Margarine nicht mehr für ihren Kuchen reichte. Im Becher waren plötzlich nur noch 400 statt 500 Gramm. Die Verbraucherzentrale Hamburg klagte und gewann. Das Landgericht Hamburg bestätigte 2024, dass die Kundinnen und Kunden beim Kauf der Margarine in die Irre geführt wurden. Anfang Mai gab die Verbraucherzentrale Hamburg einen neuen Streitfall bekannt, der an die Milka-Auseinandersetzung erinnert: Ritter Sport steht im Verdacht, bei drei Schokoladentafeln Shrinkflation anzuwenden. Ritter Sport gibt an, dass es sich bei den Tafeln der "Edelkakao Klasse" um eine "vollkommen neue Produktgruppe mit neuen Rezepturen sowie einem neuen Tafelformat" handle. Name und Verpackungsdesign seien neu, teilweise stamme der Kakao aus eigenem Anbau. Die Verbraucherzentrale Hamburg sieht dagegen Parallelen zu den "Kakao Klasse"-Tafeln der Marke, die laut Ritter Sport inzwischen nicht mehr produziert werden. So hätten zwei der neuen Schokoladentafeln den gleichen Kakaogehalt wie die "Kakao Klasse"-Tafeln. Eine enthalte sogar weniger Kakao. Ritter Sport muss derzeit wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten erstmals in der Firmengeschichte Stellen abbauen. Shrinkflation ist nicht prinzipiell verboten. Bei den neuen Tafeln von Ritter Sport hätte eine mögliche Klage etwa nur wenig Chancen auf Erfolg, sagt Armin Valet, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg: "Der Korridor bei Klagen zu Shrinkflation ist sehr klein. Wichtigste Voraussetzung ist, dass Aufmachung und Design der Verpackungen gleich ist. Dann könnte eine Irreführung vorliegen." Die Verbraucherschützer hoffen, dass ein Urteil zu ihren Gunsten eine abschreckende Wirkung auf andere Hersteller haben könnte. Sollte eine der Seiten das erwartete Urteil nicht akzeptieren, kann der Streit in höheren Instanzen weitergeführt werden. Schwappt die Inflationswelle in die Supermärkte? Rewe-Chef Lionel Souque erklärt im Interview, wie seine Kunden auf die vielen Krisen reagieren und wie sich eine niedrigere Mehrwertsteuer auswirken würde. Lesen Sie hier das gesamte Interview.