Datum12.05.2026 22:38
Quellewww.zeit.de
TLDRDas Filmfestival in Cannes wurde mit Pierre Salvadoris "La Vénus Électrique", einem Jahr- markt-Debütfilm, eröffnet. Trotz anfänglicher Schwächen zeigt das Festival, wie gewohnt, eine exzellente Auswahl an Filmen und eine prestigeträchtige Jury unter dem Vorsitz von Park Chan-wook. Das Jury-Dinner zelebriert Parks Werk mit kreativen Speisen. Zu den bemerkenswerten Ehrungen gehört die Goldene Ehrenpalme für Peter Jackson. Jane Fonda hielt eine bewegende Rede zur freien Rede.
InhaltDie Auftaktreden sind nicht zu verstehen, der Eröffnungsfilm ist ein plumpes Liebesdrama. Und dennoch wird es keine halben Sachen geben beim Festival in Cannes. Wie alles andere kommt in Cannes auch das Jury-Dinner zu Festivalbeginn mit schöner Dekadenz daher. Seit Jahrzehnten ehrt man im prächtigen Hotel Martinez die Jury-Präsidenten mit einer ausgeklügelten Speisefolge, in diesem Jahr den südkoreanischen Regisseur Park Chan-wook. In den Klatschspalten der Regionalzeitung Nice Matin ist zu lesen, dass sich hinter dem Hauptgericht Old Boy gegrillter Pulpo verbirgt und als Hommage an Parks Chan-wooks gleichnamigen Film zu verstehen ist. Darin verschlingt der Protagonist nach jahrzehntelanger Einzelhaft gierig einen lebenden Tintenfisch. Wie könnte man je die sich im Mundwinkel ringelnden Tentakel vergessen? Beim Nachtisch wiederum ließ man sich von Parks Vampirfilm Durst inspirieren, mit regionalen roten Früchten. Der Name des zuliefernden Restaurants: "Palme d’Or". Neben Park Chan-wook gehören zur diesjährigen Cannes-Jury unter anderem die Schauspielerin Demi Moore, ihr Kollege Stellan Skarsgård, die Regisseurin Chloé Zhao (Nomadland, Hamnet) und Paul Laverty, langjähriger Drehbuchautor des Regisseurs Ken Loach. Gemeinsam werden sie in den kommenden elf Tagen 22 Wettbewerbsfilme sehen. Bei der Abschlussgala, davon kann man ausgehen, wird der Regieexzentriker Park Chan-wook keine halben Sachen machen und den Film eines anderen obsessiven Bilderfinders auszeichnen. Etwa Bittere Weihnachten von Pedro Almodóvar, der zum siebten Mal im Wettbewerb dabei ist und für sein Kino der Spiegelungen und sprechenden Farben hier schon einige Preise gewonnen hat, aber noch nie die Goldene Palme. Oder Pawel Pawlikowski, Meister der tiefenscharfen Schwarzweißbilder, der Hanns Zischler und Sandra Hüller in Vaterland als Thomas und Erika Mann durch Nachkriegsdeutschland schickt. Oder auch die deutsche Regisseurin Valeska Griesebach (Sehnsucht, Western). Wird sie in ihrem Wettbewerbsfilm Das geträumte Abenteuer ihre ureigenen Bilder für unausgesprochene Sehnsüchte finden? Angesichts solcher Filme und Gäste wundert man sich, dass das wichtigste Kinofestival der Welt mit einem wirklich plumpen Liebesdrama beginnt. Seit 30 Jahren dreht der französische Regisseur Pierre Salvadori Tragikomödien über Glückssucher und Verlierer in prekären Verhältnissen. In seinem außer Konkurrenz laufenden Eröffnungsfilm Vénus Electrique hat er sein Personal in einen Jahrmarkt der 1920-er Jahre versetzt. Das Kino kommt vom Jahrmarkt, und so erzählt es hier auch von sich selbst als Illusionsmaschine. Es geht um eine junge Schaustellerin, die sich gegenüber einem Maler als Medium ausgibt und bei gemeinsamen Séancen dessen verstorbene Geliebte imitiert. Also geht es auch um Rollen und Repräsentation, um die billige Show, an die wir alle so gerne glauben würden. Phantastische Schauspieler und Schauspielerinnen (Gilles Lelouch, Anais Demoustier) spielen sich zu faden Drehbuchsätzen die Seele aus dem Leib, rumpumpelige Walzer versuchen die doppelt und dreifach erzählte Geschichte zusammenzuhalten. Das Beste, was man über La Vénus Électrique sagen kann, ist, dass ein Festival ja irgendwie anfangen muss, um loszugehen. Die Eröffnungsgala immerhin lässt sich nicht lumpen. Der Jury-Präsident Park Chan-wook hält eine Rede auf Koreanisch, die wegen technischer Probleme nicht übersetzt werden kann, aber sehr sympathisch klingt. Der Herr-der-Ringe-Regisseur Peter Jackson bekommt die Goldene Ehrenpalme und hält eine Dankesrede, die wegen seines genuschelten New Zealand-English ebenfalls so gut wie niemand versteht. Offiziell eröffnet wird das Festival schließlich von den Schauspielerinnen Gong-Li und Jane Fonda. Gong-Li, Star der Filme des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou, spricht poetisch ("Ich stehe hier für den Osten, sie für den Westen, und das kann nur Cannes"), Jane Fonda gibt sich widerständig und appelliert an die Kraft der freien Rede ("die wir in diesen Zeiten besonders auf der Straße brauchen"). Jane Fonda, Tochter von Henry und Schwester von Peter Fonda, spielte 1971 in Alan J. Pakulas Film Klute auf berührende Weise eine Prostituierte, die in die Fänge eines skrupellosen US-amerikanischen Staatsapparates gerät. Als Aktivistin wurde sie wegen ihrer Kontakte zu Bürgerrechtsbewegungen und den Black Panther ab Ende der 1960er Jahre vom FBI bespitzelt, die Abhörprotokolle umfassen mehrere Tausend Seiten. Dieser Schauspielerin, die auf und jenseits der Leinwand in amerikanische Abgründe geblickt hat, nimmt man ab, wenn sie in Cannes, auf der Bühne des Palais des Festivals, den Mut und die Wut des Geschichtenerzählens beschwört. Es ist ein Auftritt, es ist Kino und bestimmt auch eine Show. Aber wir brauchen sie.