Bundesregierung: Russland beauftragt Organisierte Kriminalität für gezielte Tötungen

Datum11.05.2026 08:22

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Bundesregierung erklärt, Russland setze für gezielte Tötungen und Sabotage auf Organisierte Kriminalität. Diese kriminellen Banden aus der ehemaligen Sowjetunion stehen demnach unter der Kontrolle des Kremls und agieren notgedrungen in dessen Auftrag, auch mit Verbindungen nach Deutschland. Dies birgt ein Sicherheitsrisiko, da Russland so illegale Aktionen abstreiten kann. Die Grünen fordern eine stärkere Bekämpfung und mehr Befugnisse für den Verfassungsschutz.

InhaltDer Kreml habe kriminelle russische Banden unter seiner Kontrolle, sagt das Bundesinnenministerium. Ihr Einfluss reiche bis nach Deutschland. Die Grünen fordern mehr Befugnisse für den Verfassungsschutz. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Russland setzt bei Sabotageakten und gezielten Tötungen missliebiger Personen offenbar zunehmend auf die Organisierte Kriminalität. "Eine Zusammenarbeit russischer Stellen mit Akteuren der Organisierten Kriminalität (OK) bietet sich dabei insbesondere bei disruptiven Aktivitäten wie Sabotage- oder Tötungsoperationen an", schreibt das Bundesinnenministerium in einer noch unveröffentlichten Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen. Sie liegt dem SPIEGEL vorab vor. Die Russisch-Eurasische Organisierte Kriminalität (REOK) – zu der Banden aus Ländern der einstigen Sowjetunion zählen – könne sich der Kontrolle des Kreml kaum entziehen. "Im Gegenzug für die Tolerierung ihrer Aktivitäten durch russische staatliche Stellen sind die REOK-Strukturen gezwungen, im Bedarfsfall mit diesen zu kooperieren", so die Bundesregierung. "Es gibt Hinweise auf entsprechende Verbindungen auch in Deutschland." Kriminelle Akteure zu beauftragen, biete Moskau den Vorteil, illegale Aktionen abstreiten zu können. Die Sicherheitsbehörden des Bundes zählten "eine Vielzahl von Verdachtsfällen möglicher Sabotageaktionen in staatlich russischem Auftrag", heißt es in der Antwort des Innenministeriums. Meistens ließe sich allerdings nicht aufklären, ob Schäden tatsächlich durch russische Sabotage verursacht worden seien. Zudem setzt Russland bei Sabotageakten laut Bundesregierung seit dem Jahreswechsel 2023/2024 zunehmend sogenannte Low-Level-Agenten  ein, also im Internet angeworbene Personen ohne professionelle Geheimdienstausbildung. Experten bezeichnen sie mitunter auch als "Wegwerfagenten", ihre Enttarnung nimmt Russland offenbar in Kauf. Der Innenexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Marcel Emmerich, der die Anfrage gestellt hatte, bezeichnete die Verbindungen zwischen dem russischen Staat und der Organisierten Kriminalität gegenüber dem SPIEGEL als "ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands". Moskaus hybride Kriegsführung ziele darauf ab, demokratische Gesellschaften zu destabilisieren und das Vertrauen in staatliche Institutionen zu untergraben. "Die Bundesregierung muss diese gefährliche Entwicklung endlich ernst nehmen und ihr mit einer wehrhaften Sicherheitsoffensive entgegentreten", forderte Emmerich. llegale Finanzströme, Geldwäsche und kriminelle Netzwerke müssten zerschlagen werden. Laut dem Grünenpolitiker solle die Bundesregierung auch darüber nachdenken, dem Bundesamt für Verfassungsschutz zusätzliche Kompetenzen bei der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität zu geben. Bislang ist dies vor allem Aufgabe der Polizei. Die deutschen Sicherheitsbehörden machen Russland für eine Reihe von Sabotageakten und Desinformationskampagnen verantwortlich. Im Sommer 2019 hatte ein Killer im Auftrag des Kreml im Kleinen Tiergarten in Berlin einen missliebigen Exilgeorgier erschossen. Im Juli 2024 zündete am Frachtflughafen Leipzig ein mutmaßlich im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes verschickter Brandsatz in einem DHL-Paket. Vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main müssen sich derzeit drei Männer verantworten, weil sie die Tötung eines ehemaligen Mitarbeiters eines ukrainischen Geheimdienstes vorbereitet haben sollen. Zuletzt sorgte eine Russland zugeschriebene Phishingattacke auf den Messengerdienst Signal  für Aufregung. Nach SPIEGEL-Recherchen fielen dem Angriff unter anderem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) und die Ministerinnen Karin Prien (CDU) und Verena Hubertz (SPD) zum Opfer. Laut dem Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Sinan Selen, wird die Bundesrepublik von Moskau inzwischen "als Gegner, mitunter als Feind Nummer eins wahrgenommen".