Philosoph im dpa-Interview: Rückkehr des verrückten Königs - Sloterdijk analysiert Trump

Datum11.05.2026 07:12

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Philosoph Peter Sloterdijk vergleicht Donald Trump in seinem Buch mit Machiavellis "Fürst". Er sieht eine Rückkehr des "Neu-Fürstentums" in der Politik, bei dem "starke Männer" nach Effizienz und weniger nach demokratischen Prozessen verlangen. Trump sei ein "verrückter König", dessen mangelnde Planung ihn gefährlicher mache als Putin. Sloterdijk rät Europa, sich von nationaler Beschränktheit und Pazifismus zu lösen, um handlungsfähig zu bleiben.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Philosoph im dpa-Interview“. Lesen Sie jetzt „Rückkehr des verrückten Königs - Sloterdijk analysiert Trump“. Zahllose Trump-Erklärer haben sich schon an dem Mann im Weißen Haus abgearbeitet. Nun entwickelt Deutschlands bekanntester Philosoph einen neuen Ansatz: In seinem kürzlich erschienenen Buch "Der Fürst und seine Erben" zieht Peter Sloterdijk die klassische Studie "Der Fürst" von Niccolò Machiavelli zurate. Dieses vielleicht erste Werk der modernen politischen Philosophie liest Sloterdijk (78) nicht als historisches Zeugnis einer lang vergangenen Epoche, sondern als Analyse der Gegenwartspolitik. Machiavelli wandelte von 1469 bis 1527 auf dieser Erde einher, nächstes Jahr wird seines 500. Todestags gedacht. Ein halbes Jahrtausend liegt also zwischen ihm und den heute Lebenden. "Dennoch haben wir immer noch das Gefühl, von ihm angesprochen zu werden", sagt Sloterdijk der Deutschen Presse-Agentur. Bekannt ist der italienische Denker und Diplomat heute in erster Linie für das Attribut "machiavellistisch": Darunter versteht man gemeinhin eine Politik, für die Erfolg wichtiger ist als Moral. Machiavelli akzeptierte Täuschung und Gewalt als politisches Mittel - aber er pries auch Bürgerfreiheit und eine republikanische Staatsordnung. Seine Wirkungsstätte Florenz etwa war kein Fürstentum, sondern eine Stadtrepublik mit gewählten Ämtern.  "Machiavelli nahm dadurch bereits die moderne Turbulenz wahr, die dadurch entsteht, dass der Platz an der Spitze umkämpft ist", analysiert Sloterdijk. In seinem bahnbrechenden Werk "Der Fürst" - im Original "Il Principe" - sinnierte Machiavelli darüber, wie ein Staat unter realen Bedingungen stabil bleiben kann.  Heute geht der Trend wieder eher in Richtung Neu-Fürstentum. "Die Fürsten sind vielerorts wieder da, manche schon an der Macht", konstatiert Sloterdijk. Es ist ein Phänomen, das schon vielfach beschrieben wurde: Wählerinnen und Wähler sind der Koalitionen und Kompromisse überdrüssig, fordern effizientes Durchregieren ein und projizieren dies auf einen "starken Mann" an der Spitze. Der soll nicht mehr um Erlaubnis fragen müssen, weder beim Parlament noch bei Gerichten. Als Konsequenz daraus ist die liberale Demokratie vielerorts unter Druck oder auf dem Rückzug. In den USA ist nach Einschätzung Sloterdijks schon seit langem ein "Staatsstreich in Zeitlupe" im Gang, eine langsame Aushöhlung der 250 Jahre alten Republik von innen. "Man muss diesen Prozess im Zeitraffer betrachten, um ihn überhaupt wahrzunehmen." Der Bundesstaat entmachte Schritt für Schritt die Einzelstaaten. Mittlerweile hätten sich die USA in eine "nur noch demokratisch camouflierte Autokratie" verwandelt, lautet die vernichtende Bilanz des Autors, der vieldiskutierte Werke wie "Kritik der zynischen Vernunft" (1983) schrieb. "Wenn man sich diese Entwicklung vergegenwärtigt, ist es nicht mehr so ganz verwunderlich, dass eine Figur wie Trump nach oben kommt." Sloterdijk beschreibt den Neu-Fürsten Trump als "Beinahe-Analphabeten an der Spitze einer Weltmacht", aber auch als "mad man" und Neuauflage des "verrückten Königs".  Dieser Kategorie werden normalerweise Gestalten wie der angeblich wahnsinnige Kaiser Nero aus dem alten Rom (1. Jahrhundert) oder der ebenso blaublütige wie bauwütige bayerische Märchenkönig Ludwig II. (19. Jahrhundert) zugerechnet.  Nach einem Bericht des Magazins "The Atlantic" vergleicht sich Trump in jüngster Zeit öfter mit Alexander dem Großen, Julius Cäsar und Napoleon und sieht sich als "die mächtigste Person, die jemals lebte". "Und es ist sicher nicht nur satirisch gedacht, wenn er sich vor kurzem als Wunderheiler Jesus präsentiert hat", ergänzt Sloterdijk.  Hier ergeben sich Parallelen zu mittelalterlichen Königen, denen man die Fähigkeit zuschrieb, Kranke heilen zu können. In England blieb dieser Glaube bis ins 17. Jahrhundert verbreitet. Der indische Ministerpräsident Narendra Modi wiederum wird von einigen seiner Gefolgsleute als vom Himmel herabgestiegenes "göttliches Wesen" verehrt.  "Er hat demnach die Gabe der multiplen Location", weiß der als großer Spötter bekannte Sloterdijk zu berichten. "Das heißt, er kann an mehreren Orten gleichzeitig sein. Das ist für einen Politiker im Wahlkampf ein unschätzbarer Vorteil, noch dazu in einem so riesigen Land wie Indien." Noch in einer weiteren Hinsicht stellt sich Trump in eine Reihe mit historischen Herrschergestalten: Bekanntlich will der US-Präsident in Washington einen Triumphbogen errichten, der den Pariser Arc de Triomphe noch um mehr als 25 Meter überragen soll. Spottname: Arc de Trump. Auch der Abriss des Ostflügels des Weißen Hauses und der Bau eines Ballsaals nach französischem Vorbild passt in diesen Kontext.  "Seinen Anlagen und Neigungen nach ist Trump kein Politiker, sondern eher ein Clown, der den Diktator gibt", meint Sloterdijk. Vor allem sei er ein Halbwüchsiger geblieben, der in fortgeschrittenem Alter entdeckt habe, dass der Staat ein Spielzeug mit erheblichem Amüsierpotenzial sei. "Man sollte sich allerdings hüten, von der Größe des Spielzeugs auf die Riesengestalt des Spielers zu schließen." Macht ist nicht zu verwechseln mit geschichtlicher Größe. Trumps große Schwäche, die sich die Europäer nach Meinung Sloterdijks unbedingt zunutze machen sollten, ist das Fehlen eines durchdachten Plans. Stattdessen verwickle er sich dauernd in Widersprüche, etwa wenn er die Vereinigten Staaten von Amerika einerseits abschotten wolle und andererseits auf allen möglichen Weltschauplätzen militärisch eingreife. Sloterdijk hält Trump deshalb auch für lange nicht so gefährlich wie Russlands Präsidenten Wladimir Putin, einen anderen Neu-Fürsten. Denn Putin habe erstens im Gegensatz zu Trump durchaus einen Plan – die vermeintliche Wiederherstellung eines russischen Imperiums – und zweitens wolle er dessen Verwirklichung noch persönlich erleben.  "Das ist sehr gefährlich, da er merkt, dass ihm langsam die Zeit davonläuft", warnt Sloterdijk. "Wir müssen uns angesichts seiner begrenzten Lebenszeit darauf gefasst machen, dass Putin vor dem Ende noch schreckliche Fehler begehen wird." Hier sei ein "apokalyptisches Szenario" nicht auszuschließen.  Wenn Machiavelli heute noch einmal zurückkäme, dann vermutlich als Politikberater, glaubt Sloterdijk. Was würde er den Europäern empfehlen, wenn sie ihn unter Vertrag nehmen würden? Vielleicht, so der Wahl-Berliner mit Sommersitz in Südfrankreich, würde der nüchterne Analytiker sie darauf hinweisen, dass sie sich von nationalistischer Beschränktheit ebenso verabschieden müssten wie von pazifistischen Illusionen. Im Zeitalter der selbst ernannten "großen Männer" bestünde die einzige Hoffnung der Europäischen Union auf Selbsterhaltung in der Stärkung ihrer Handlungsfähigkeit. © dpa-infocom, dpa:260511-930-63158/1