Datum11.05.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRViele Küstenorte in Nord- und Ostdeutschland verbessern die Barrierefreiheit, um allen Menschen den Strandbesuch zu ermöglichen. Wattrollstühle, Mattenwege und spezielle Strandkörbe erleichtern Rollstuhlfahrern und mobilitätseingeschränkten Personen den Zugang. Der Ausbau dieser Infrastruktur wird fortgesetzt, doch eine landesweite Übersicht fehlt, was die Planung für Gäste erschwert.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Inklusion“. Lesen Sie jetzt „Wo Wattrollstühle und Mattenwege den Strandtag erleichtern“. Das warme Sommerwetter lockt aktuell viele Menschen an die Strände Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins. Doch wie und wo können Rollstuhlfahrer, ältere Menschen, die auf einen Rollator angewiesen sind, aber auch Familien mit Kinderwagen bequem an den Strand kommen? Viele Orte entlang der Küsten von Nord- und Ostsee haben das Thema Barrierefreiheit und -armut im Blick, wie eine stichprobenartige Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab. "Das Thema ist sehr wichtig für uns, denn Teilhabe am öffentlichen Leben ist von essenzieller Bedeutung für alle Menschen", sagt der Bürgermeister von Büsum (Kreis Dithmarschen), Oliver Kumbartzky (FDP). "Deshalb sollen Hürden so gut es geht vermieden werden." Aus St. Peter-Ording heißt es, dem Ort liege es am Herzen, "dass sich alle Gäste unabhängig von Alter oder körperlichen Voraussetzungen wohlfühlen". Ähnlich äußern sich Touristiker beispielsweise von der Lübecker Bucht, von Föhr, Sylt, Amrum und Fehmarn oder etwa auch in Mecklenburg-Vorpommern. Das Thema Barrierefreiheit spielt eine Rolle, nicht nur am Strand, sondern auch bei öffentlichen Toiletten, Parkplätzen und nicht zuletzt Internetauftritten. Denn die größten und häufigsten Hürden finde man meistens im Bereich der Erreichbarkeit, sagte Kumbartzky. Viele Orte bieten behindertengerechte Strandzugänge und barrierefreie Wege bis ans Meer. "Barrierearme Zugänge zum Strand sind auf Sylt seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der touristischen Infrastruktur", sagte eine Sprecherin der Sylt Marketing GmbH. Es gibt in allen Inselgemeinden Strandzugänge, die über befestigte Wege oder Holzstege bis in Strandnähe führen. Zusätzlich stehen Strand- und Elektrostrandrollstühle sowie barrierearm zugängliche Strandkörbe bereit. Auch in St. Peter-Ording werden Strandrollstühle - elektrisch oder manuell - zum Mieten angeboten. Eine Vorbuchung ist erforderlich. Zudem führen zu den fünf Badestellen in St. Peter-Ording barrierefreie Holzbohlenwege zum Strand. Auf Amrum, mit seinem berühmten Kniepsand, ist das Thema ebenfalls wichtig. "In der offenen Landschaft ist das häufig nicht ganz einfach oder sogar unmöglich. Dennoch schauen wir beispielsweise bei dem Neubau von Bohlenwegen, wie wir möglichst viel Strecke barrierefrei gestalten können", sagte der Geschäftsführer der Amrum Touristik, Frank Timpe. Zudem können auch auf Amrum Strandrollstühle angemietet werden. Das Angebot soll noch dieses Jahr merklich ausgebaut werden. An den Stränden von Föhr gibt es Strandkörbe mit extra viel Platz für Menschen mit Rollstuhl oder Rollator, die über Bohlenwege erreichbar sind. Auch gibt es an einigen Orten Bohlen- oder Mattenwege an den Strand. Strandrollstühle kann man ebenfalls leihen. Der barrierefreie oder -arme Zugang zum Strand ist auch in Büsum Thema. Hier wurde beispielsweise bei einer Deichverstärkung die Promenade auf der Deichkrone verbreitert. Auch die Zuwegungen zum Deich wurden überplant, und für den Weg ins Watt wurden Rampen mit flacher Neigung geschaffen. "Wir möchten allen Menschen den Zugang zu unseren Stränden und zum Erlebnis Lübecker Bucht ermöglichen, deshalb bemühen wir uns um die Umsetzung einer größtmöglichen Barrierefreiheit und Teilhabemöglichkeit", sagte ein Sprecher der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht. Dementsprechend gibt es barrierefreie Strandzugänge und Strandkörbe etwa in Scharbeutz, barrierefreie Promenaden und Seebrücken, Strandrollstühle zum Leihen. Zudem wurden mobile Strandmatten für Veranstaltungen direkt am Strand angeschafft, auf denen Rollstühle fahren können. Im zu Lübeck gehörendem Travemünde gibt es ebenfalls unter anderem Strandrollstühle zu leihen und behindertengerechte Strandkörbe. Auf Fehmarn gibt es einen Aufzug im Aussichtsturm Utkieker, Schwimmstühle am Südstrand Burgtiefe und Blindenschrift auf Audioguide-Schilder inselweit. In Rostock-Warnemünde werden Einstiegshilfen ins Wasser geboten. Das sind Hartholzpfähle im Ufersand, die mit einem Tauwerk miteinander verbunden sind. An diesem kann man sich stützen beim Weg ins Wasser. Auch in Warnemünde gibt es Strandzugänge, über die Rollstühle rollen können. Neu ist nach Angaben der Tourismuszentrale ein Podest, von dem aus Rollstuhlfahrer oder -fahrerinnen Veranstaltungen in der Strand Arena Warnemünde verfolgen können. Neben barrierefreien Strandkörben bietet ein Vermieter auch einen Rollstuhl an, mit dem Menschen ins Wasser können. Solche Bade-Rollstühle gibt es auch auf Rügen in Binz oder Prora am Strand. In Prora werde er vor allem im Bereich der Jugendherberge genutzt, heißt es von der DLRG. Auch Rollstühle mit Ballonreifen für die Fahrt über den Strandsand werden in Binz und Prora angeboten, ebenfalls barrierefreie Zugänge und Toiletten. Auch auf Usedom sind mehrere solcher Zugänge zu finden. Das Engagement der Gemeinden wird auch in der Geschäftsstelle der schleswig-holsteinischen Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung registriert. In vielen Bereichen würden die Angebote gut angenommen, sagte Claudia Schallert vom Team der Landesbeauftragten. In Schleswig-Holstein fehle aber eine landesweite Übersicht, wo was angeboten werde. Dies erschwere es gerade auswärtigen Gästen, sich einen Überblick zu verschaffen. Viele lokale Tourismusorganisationen listeten auf ihren Internetseiten auf, wo es im Ort barrierefreie Unterkünfte gibt, wo Behindertenparkplätze sind, wo Strandrollstühle ausgeliehen werden können und welche barrierefreie oder -arme Angebote es gibt. Wenn man aber noch nicht wisse, wo genau man hin wolle, sei es besser, anhand persönlicher Bedürfnisse überregional durch die Angebote geleitet zu werden und dann den passenden Ort zu finden. Kommunen bräuchten zudem mehr Unterstützung vom Land, sagte Schallert. Zu wünschen sei die Einrichtung einer Landesfachstelle für Barrierefreiheit, wie es sie in vielen anderen Bundesländern gebe. Diese können auch öffentliche Einrichtungen und Kommunen zu dem Thema beraten und diese unterstützen. Die Sprecherin der Föhr Tourismus sagte, die Umsetzung sei sehr komplex, da es weit über die reine Infrastruktur vor Ort hinausgehe. "Barrierefreiheit erfordert eine durchgängige Kette, von der Informationseinholung und Buchung bis zur An- und Abreise sowie dem eigentlichen Aufenthalt und so weiter." Das mache die Planung und Durchführung auch so anspruchsvoll. © dpa-infocom, dpa:260511-930-62988/1