Syrien: Ex-Geheimdienstchef Atif Nadschib wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen angeklagt

Datum11.05.2026 00:22

Quellewww.spiegel.de

TLDREin ehemaliger syrischer Geheimdienstchef, Atif Nadschib, wurde wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit der Niederschlagung friedlicher Proteste 2011 angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, Befehle zum Töten, Verhaften und Foltern gegeben zu haben. Nadschib, ein Cousin des gestürzten Präsidenten Baschar al-Assad, ist einer der ersten hochrangigen ehemaligen Offiziere des Assad-Regimes, der vor Gericht steht. Der Prozess hat angesichts der mehr als eine halbe Million Toten und der verbreiteten Gewalt im syrischen Bürgerkrieg begonnen, der durch diese Proteste ausgelöst wurde.

InhaltEin ehemaliger Geheimdienstchef ist in Syrien wegen der Niederschlagung der friedlichen Proteste im Jahr 2011 angeklagt worden. Ihm wird vorgeworfen, Befehle zum Töten, Verhaften und Foltern gegeben zu haben. In Syrien steht 15 Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs erstmals ein hoher Ex-Offizier der inzwischen gestürzten Regierung von Baschar al-Assad vor Gericht. Der frühere Brigadier Atif Nadschib wurde dabei formell vor einem Strafgericht in Damaskus angeklagt. Ihm werden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. "Sie waren die höchste Autorität in der Provinz Daraa und sind direkt verantwortlich dafür, Befehle zum Töten, Verhaften und Foltern gegeben zu haben", sagte Richter Fachr al-Din al-Arjan. Nadschib, der frühere Geheimdienstchef der südsyrischen Provinz Daraa und ein Cousin von Assad, ist angeklagt, das gewaltsame Vorgehen gegen die friedlichen Proteste in Daraa im Jahr 2011 organisiert zu haben . Nadschib wurde kurz darauf von der syrischen Regierung entlassen, während die Proteste sich auf andere Provinzen ausweiteten. Die Gewalt gegen die Demonstrierenden war der Auslöser für den dreizehnjährigen Bürgerkrieg mit mehr als einer halben Million Toten, massiver Zerstörung und beispielloser Gewalt gegen die Bevölkerung. Hunderttausende Menschen landeten in Gefängnissen, viele wurden gefoltert oder verschwanden. Der damalige Diktator Assad wurde bei einer Offensive islamistischer Milizen im Dezember 2024 gestürzt und floh ins Exil nach Russland. Er soll sich mit seiner Familie in Moskau und in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufhalten. Assad ist in dem Prozess ebenfalls angeklagt. Nadschib wurde wenige Wochen nach dem Sturz des Machthabers in Syrien festgenommen. Der Prozess hatte vor zwei Wochen mit einer Anhörung begonnen. Viele Angehörige von Opfern sehen darin einen ersten Schritt zur Gerechtigkeit und zur Aufarbeitung der Gräueltaten. Einige der Angehörigen sind auch beim Prozess anwesend. Andere befürchten dagegen einen Versuch, die Bevölkerung oder ausländische Partner zu besänftigen. Kritiker betonen, dass das syrische Recht für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit keinen Tatbestand kenne. Bei schweren Strafen würden Verurteilungen den "systematischen und institutionellen Charakter der Verbrechen" deshalb nicht anerkennen, argumentiert etwa die Organisation Syrian Network for Human Rights (SNHR). Hinzu kommt, dass Richter und Staatsanwälte mit komplexen Gerichtsverfahren zu so schwerwiegenden Verbrechen wie denen, die in den Assad-Jahren begangen wurden, wenig bis gar keine Erfahrung haben. Kurden bewachten jahrelang Frauen und Kinder von IS-Kämpfern in Nordsyrien. Ihre Truppen zogen ab, die neuen Machthaber in Damaskus übernahmen die Kontrolle. Dann war das Lager plötzlich leer. Lesen Sie hier die ganze Recherche .