Datum10.05.2026 19:39
Quellewww.spiegel.de
TLDREuropas wachsender Bedarf an Rechenzentren für KI und Digitalisierung kollidiert mit Klimazielen. Die Gasindustrie sieht ein riesiges Geschäft, während Tech-Unternehmen auf Tempo setzen. Die EU plant strengere Regularien für KI-Energie, doch der Druck auf fossile Brennstoffe wird verstärkt. Ein Umstieg auf erneuerbare Energien für Rechenzentren wird als essenziell für Europas Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz erachtet.
InhaltDie EU versucht, sich von fossilen Brennstoffen schnell unabhängiger zu machen – will aber auch Rechenzentren in großem Stil bauen. Ausgerechnet die Gasbranche hofft nun auf ein Riesengeschäft. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Dass wir in Europa neue Rechenzentren brauchen, ist weitgehend unstrittig. Nicht nur wegen der gigantischen Rechenleistung, die man für maschinelles Lernen benötigt, landläufig künstliche Intelligenz genannt. Sondern auch, damit wir in Sachen Digitalisierung weiterkommen und nicht noch abhängiger von US-Konzernen werden. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Vielerorts in Europa wird permanent gebaut, etwa um Frankfurt herum, weil dort der größte Internetknotenpunkt Europas liegt, der DE-CIX. Einer Studie zufolge, die eine Beratungsagentur des Instituts der deutschen Wirtschaft für die Region Frankfurt durchgeführt hat, nutzt mittlerweile "fast die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland Rechenzentren". Diese Anlagen brauchen allerdings jede Menge Strom. In den USA werden deshalb bereits in großem Stil Gaskraftwerke gebaut , teilweise direkt auf dem Campus neuer Rechenzentren. Ein Google-Rechenzentrum in Texas mit dem passenden Namen "Goodnight" wird dem "Guardian" zufolge künftig bis zu 4,5 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr ausstoßen – mehr als ganz San Francisco . Meta baut in den USA gerade gleich zehn Gaskraftwerke für einen einzigen Rechenzentrumsstandort in Louisiana. "Metas ›Klimaziele‹ sehen langsam nach heißer Luft aus", kommentierte die US-Tech-Seite "Tom’s Hardware" . Die Tech-Giganten, die vor Kurzem noch ständig von Erneuerbaren und "net zero" schwärmten, beugen sich der Energiepolitik von US-Präsident Donald Trump. Der Trend hat längst auch Europa erreicht. Gasturbinen sind wegen der großen Nachfrage aus den USA mittlerweile ein äußerst knappes Gut , und die Branche wittert auch diesseits des Atlantiks ein gigantisches Geschäft. Die auf investigative Klimaberichterstattung spezialisierte Publikation "DeSmog" berichtete vor einigen Wochen von einer Konferenz namens Datacloud Energy Europe, die in Brüssel stattgefunden hat. Vertreter von Gasturbinenherstellern wie Mitsubishi Power Aero traten dort demnach extrem breitbeinig auf. "Die neue US-Regierung, die geben Ihnen einen Realitätsworkshop", zitiert "DeSmog" einen Vertreter von Mitsubishi Power Aero. Die Turbinenhersteller hoffen darauf, dass sie demnächst auch Europa massenhaft mit Gaskraftwerken ausstatten dürfen, die dann Rechenzentren direkt vor Ort mit Strom aus dem fossilen Brennstoff versorgen sollen. Das ist kaum vereinbar mit Europas Klimazielen. Es kollidiert auch mit dem Ziel von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, möglichst schnell möglichst unabhängig von fossilen Brennstoffen zu werden. Welche Rolle Gaskraftwerke künftig bei der Stromproduktion für Rechenzentren in Europa spielen werden, wird sich wohl in den kommenden Wochen entscheiden, und zwar dort, wo auch die KI-Energie-Konferenz stattfand: in Brüssel. Gewaltige Mehrheiten in Europa wünschen sich, dass Rechenzentren künftig mit sauberem, erneuerbarem Strom versorgt werden, statt aus fossilen Kraftwerken. Die EU arbeitet an einem "Cloud and AI Development Act" , der sicherstellen soll, dass in Europa möglichst schnell gewaltige Investitionen in Rechenzentren und KI-Entwicklung getätigt werden. Die großen Tech-Konzerne werden hinter den Kulissen zweifellos darauf drängen, dass ihnen bei der Energieversorgung möglichst wenige Vorgaben gemacht werden. Es gibt jede Menge Papiere, in denen verbaler Druck aufgebaut wird: Von einem "Jetzt-oder-Nie-Moment" ist etwa in einem Text des "Tony Blair Institute for Global Change" aus dem Sommer 2025 die Rede. Die Wörter "Gas", "Erdgas" oder "Methan" kommen in solchen Texten selten vor, es ist stattdessen von "sauberer Energie" die Rede, von "on-site-Stromerzeugung". Die Fiktion, dass Strom aus Gas "sauberer" Strom sei, ist in gewissen Kreisen als Marketing-Talking-Point sehr populär. Preisabfragezeitpunkt 10.05.2026 19.40 Uhr Keine Gewähr Aus der Perspektive der Unternehmen, die unbedingt die KI-Giganten der Zukunft sein wollen, geht es derzeit offenbar in erster Linie um Tempo. Meta, Google, Microsoft, OpenAI und Elon Musks xAI, dazu Infrastrukturanbieter wie CoreWeave und andere sehen sich in einem Wettrennen: Wer als Erstes die übermächtige Super-KI erschafft, der gewinnt den Markt. So steht es schon in "Superintelligence", dem eigentlich als Warnung gedachten Buch des Oxford-Philosophen Nick Bostrom aus dem Jahr 2014, das im Silicon Valley und anderswo augenscheinlich als Prophezeiung betrachtet wird. Die unfassbaren Investitionen in KI-Projekte werden sich nur rechtfertigen lassen, wenn KI eines Tages wirklich so nützlich wird, dass man damit sehr viel Geld verdienen kann. Davon aber sind sämtliche KI-Konzerne sehr, sehr weit entfernt . Die Welt beobachtet ein Wettrennen, bei dem noch unklar ist, ob es überhaupt einen Gewinner geben wird. Sicher ist, dass es Verlierer geben wird . In Großbritannien und Irland waren Fossilbranche und KI-Unternehmen mit ihrer Lobbyarbeit bereits recht erfolgreich: In Dublin beispielsweise wurde gerade ein Rechenzentrum in Betrieb genommen, das unabhängig vom Stromnetz betrieben wird. Es verfügt zwar auch über einen großen Batteriespeicher, soll aber vor allem von einem eigenen Gaskraftwerk mit Strom versorgt werden. Dieses Kraftwerk soll "im Fall von Störungen der Gasversorgung" außerdem mit behandeltem Pflanzenöl (HVO) betrieben werden können. Landwirtschaftliche Fläche für die Brennstoffproduktion zu verschwenden, ist eine besonders ineffiziente Art der Energieversorgung . Auch in Großbritannien ist ein großes Rechenzentrumsprojekt auf einem "Kollisionskurs mit dem Nettonull-Klimaziel" unterwegs, berichtet die Londoner "Times". Eine Auswertung der Analyseplattform "Carbon Brief" ergab, dass Rechenzentren in Großbritannien, selbst wenn sie nur teils mit Strom aus Gas betrieben würden, alle Klimaziele der britischen Regierung ad absurdum führen würden. Schon die jetzt geplanten Rechenzentren könnten, würden sie hauptsächlich mit Strom aus Gas betrieben, mehr als 30 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr zusätzlich verursachen. Das wäre etwa so viel, wie ganz Dänemark derzeit insgesamt emittiert. Jedes Jahr. Viele halten Strom aus Gas für KI-Rechenzentren für einen Irrweg – und die rasant steigenden Gaspreise durch den Angriff auf Iran und die Blockade der Straße von Hormus geben allen Warnern recht. Außerdem ist da auch noch die schon jetzt sehr teure Klimakrise. "DeSmog" zitierte Neal Kalita von NTT Global Data Centres, dem drittgrößten Betreiber von Rechenzentren weltweit, Tochter des japanischen Telekommunikationskonzerns NTT. Kalita sagt: "Ein Kontinent zu sein, der eine digitale Infrastruktur entwickelt, die nicht den Planeten zerstört, wird nicht nur ein Wettbewerbsvorteil sein – es ist unerlässlich." Man kann nur hoffen, dass diese Worte in Brüssel gehört und verstanden werden. Eine Euro-Cloud, die Erdgas atmet, wäre ein fataler Irrweg – klimapolitisch, sicherheitspolitisch und ökonomisch. Wie die große Nachfrage nach Gasturbinen die KI-Revolution in den USA ausbremst, lesen Sie hier .