Überfischung: EU-Fischer zapfen durch Umflaggung Fangquoten im Indischen Ozean an

Datum10.05.2026 04:30

Quellewww.zeit.de

TLDREU-Thunfischfischer umgehen Fangquoten im Indischen Ozean durch Umflaggung von Schiffen. Laut einem Bericht nutzen etwa ein Drittel der Fänge, die auf die Erholung tangierter Bestände abzielen, europäische Unternehmen. Dies geschieht durch Registrierung der Schiffe in anderen Staaten, um höhere Quoten zu erhalten. Die EU betont, dass dies private Entscheidungen seien und sie für Schiffe unter fremder Flagge nicht zuständig ist, obwohl sie sich zur Reduzierung verpflichtet hat. Die Praxis erfolgt kurz vor Treffen der Indian Ocean Tuna Commission.

InhaltDie EU hatte sich dazu verpflichtet, den Fang von Thunfisch zu reduzieren. Aber indem Fischereischiffe die Flaggen von anderen Staaten nutzen, können sie Regeln umgehen. Thunfisch-Fangschiffe aus der EU fischen vermehrt unter Flaggen anderer Länder im Indischen Ozean, um Fangquoten zu umgehen. Das geht aus einem neuen Bericht hervor, der von der Blue Marine Foundation und dem Beratungsunternehmen Kroll veröffentlicht wurde. Demnach geht etwa ein Drittel der dortigen Fänge von Thunfischarten, deren Bestände sich nach einer Zeit der starken Überfischung gerade erst langsam wieder erholen, auf europäische Unternehmen zurück. Die Fischereiflotte der EU-Länder zählt beim Fang von Thunfisch zu den wichtigsten der Welt – mit sogenannten Ringwadenfängern, von denen einige fast 2.000 Tonnen Fisch auf einmal aufnehmen können. Dutzende solcher Schiffe mit riesigen Netzen (Ringwaden) sind auch fern von Europa im Indischen Ozean im Einsatz. Sie sind dort auf der Jagd nach Gelbflossenthun, Großaugenthun und Echtem Bonito, die am Ende überwiegend in Dosen verpackt in Supermarktregalen landen. Ermöglicht wird dies laut Jess Rattle sagt von der Organisation Blue Marine Foundation unter anderem dadurch, dass immer mehr Schiffe in Staaten vor Ort registriert werden, um Zugang zu höheren Fangquoten zu erhalten. Auf diese Art sei die von Europa kontrollierte Flotte auf mehr als 50 Ringwadenfänger und Versorgungsschiffe gewachsen und der Fang von tropischem Thunfisch habe zugenommen, obwohl die Europäische Union sich eigentlich zu einer Reduzierung verpflichtet habe. Die Veröffentlichung des Berichts erfolgte wenige Tage vor Beginn des Jahrestreffens der Indian Ocean Tuna Commission auf den Malediven, bei dem Vertreter der EU und von 28 Staaten mit Bezug zur Thunfisch-Fischerei erwartet werden. Das Umflaggen von Schiffen ist nicht verboten und in der Branche schon länger üblich. Durch mehrschichtige Briefkastenfirmen- und Register-Konstrukte lässt sich aber eben auch verschleiern, wer wirklich hinter bestimmten Aktivitäten auf den Meeren steht. "Die Möglichkeiten Europas, zu einem Ende der Überfischung beizutragen, sind größer als es zunächst erscheinen mag", sagt der Kroll-Manager Benedict Hamilton. EU-Kommissionssprecher Maciej Berestecki betont, dass es sich bei "Umflaggungen" von Schiffen um private geschäftliche Entscheidungen handle, die nicht von öffentlichen Behörden beeinflusst würden – und dass die EU für Schiffe unter fremden Flaggen nicht zuständig sei. "Die EU hat ihr Äußerstes getan, und tut dies weiterhin, um Fangquoten zu fördern und einzuhalten", sagt Berestecki. Trotz der großen Entfernung sind die europäischen Fangflotten im Indischen Ozean dominierend. Spanische und französische Thunfisch-Unternehmen begannen dort in den 1980er Jahren mit dem Einsatz von Ringwadenfängern. Diese arbeiten mit riesigen Netzen, die ringförmig um Schwärme von Fischen ausgebracht und dann zusammengezogen werden – ähnlich wie bei einer Tasche oder einem Sack mit Zugband. Immer wieder gab es angesichts der Aktivitäten auch Streit zwischen der EU und Staaten vor Ort. Vor fünf Jahren, als die Gelbflossenthun-Bestände stark zurückgingen, warfen die Malediven den Europäern vor, keine ernsthaften Vorschläge zur Senkung der Fangquoten vorzulegen. Im Jahr 2023 lehnte die EU einen Vorstoß Indonesiens für ein Ringwadennetzverbot ab. Um eine Erholung der Bestände zu ermöglichen, führte die Indian Ocean Tuna Commission zuletzt neue Regelungen ein, die allmählich Wirkung zeigen. Brüssel erklärte sich bereit, den Fang von Gelbflossenthun durch Schiffe mit EU-Flagge um 21 Prozent zu reduzieren. Genau das hat aber offenbar viele europäische Unternehmen dazu gebracht, nach den Quoten anderer Staaten zu schielen, um die eigenen Fangmengen stabil halten zu können. Ähnlich wie aktuell die Tanker der sogenannten Schattenflotte nutzen auch viele Fischereischiffe die Flaggen von Staaten, die für einen sehr lockeren Umgang mit internationalen Regeln bekannt sind – oder deren Regierungen einfach nicht die Ressourcen haben, um eine Einhaltung von Regeln auf hoher See durchzusetzen. In einem Bericht im Januar zeigte die Umweltorganisation Oceana, dass auch europäische Fischerei-Unternehmen regelmäßig auf solche Billigflaggen setzen.