Spanischer Mieterverband bezeichnet Franziskanerorden als Miethai

Datum09.05.2026 16:11

Quellewww.spiegel.de

TLDREin spanischer Mieterverband wirft dem Franziskanerorden Profitgier und Immobilienspekulation vor und bezeichnet ihn als "Miet-Hai". Auslöser ist die Zwangsräumung eines Rentners in Madrid. Der Orden besitze über 100 Wohnungen und vermiete diese nach Sanierungen zu überhöhten Preisen, was zu Räumungen führe. Die problematische Mietsituation in Spanien, besonders in Madrid, wird durch Ferienwohnungen, mangelnde Sozialwohnungen und Spekulation verschärft. Der Orden verteidigt sich mit Mietschulden und notwendigen Sanierungen.

InhaltAls Orden stehen sie für Barmherzigkeit, doch geschäftlich agieren Spaniens Franziskaner angeblich gnadenlos. Ein örtlicher Mieterverband kritisiert die Mönche, deren Geschäftspraxis ihnen zufolge schon "40 Opfer" gefordert haben soll. Die Mietergewerkschaft Sindicato de Inquilinos  wirft dem Franziskanerorden Profitgier und Immobilienspekulation vor. Die Ordensgemeinschaft sei ein "Miet-Hai": Sie kündige Mietverträge und setze Zwangsräumungen durch. Bereits "40 Opfer" habe diese Praxis gefordert. Die Vorwürfe gegen die Franziskaner verbreiten sich zurzeit in Sozialen Medien, stehen letztlich aber stellvertretend für ein größeres Problem: Die Mietsituation in Spanien ist hochproblematisch – und nirgendwo so schlimm wie in Madrid. Dass im vorliegenden Fall eine kirchliche Organisation involviert ist, verleiht der Debatte darüber eine besondere Schärfe. Auslöser der jüngsten Proteste ist die Zwangsräumung eines 67-jährigen Rentners. Aktivisten versuchten nach Angaben der Mieterorganisation noch vor wenigen Tagen vergeblich, die Räumung zu verhindern. Bereits in der Nacht zum Samstag hätten Unterstützer Mahnwachen abgehalten, am Morgen sei dann die Polizei eingeschritten und hätte die Räumung durchgesetzt. Der Mann sei aus der Wohnung geholt worden und nun obdachlos. Der Fall verbreitet sich derzeit rasant in sozialen Netzwerken und Medien. Für den Mieterverband ist der Rentner, dessen Miete im vergangenen Jahr deutlich erhöht worden sei und die er schließlich nicht mehr habe bezahlen können, das "40. Opfer der Kirche". Er werde zum Symbol einer Wohnungs- und Verdrängungskrise, die Spanien – und besonders die Hauptstadt – seit Jahren prägt. Ferienwohnungen, ein Mangel an Sozialwohnungen und Spekulation setzen den Wohnungsmarkt in Spanien unter Druck. Mieten und Kaufpreise sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, während bezahlbarer Wohnraum knapper wurde. Die Regionalregierung in Madrid sah sich bereits zu Mietpreisbremsen gezwungen. Besondere Empörung löst nun aus, dass ausgerechnet eine religiöse Gemeinschaft einen Mann, der an der Armutsgrenze leben soll, aus seiner Wohnung entfernen ließ. Nach Angaben der Mietergewerkschaft besitzt der "Dritte Orden des Heiligen Franziskus" im Zentrum Madrids mehr als 100 Wohnungen. Das Geschäftsmodell dahinter, so der Vorwurf: Renovierungsbedürftige Wohnungen würden zunächst günstig vermietet, und die Mieter im Gegenzug dazu verpflichtet, sich an der Sanierung zu beteiligen. Anschließend aber würden die Mieten so stark angehoben, dass viele sie nicht mehr zahlen könnten – und ausziehen müssten. Der Orden handle "aus Profitgier wie ein Miet-Hai" und spekuliere auf Kosten armer Menschen, sagte Carolina Vilariño, Sprecherin der Mietervereinigung. Die Ordensgemeinschaft verteidigt ihr Vorgehen. In Stellungnahmen gegenüber spanischen Medien heißt es, der Rentner habe nach dem Verlust seiner Arbeit während der Pandemie über längere Zeit Mietschulden aufgebaut. Er habe zudem nicht ausreichend Bereitschaft gezeigt, diese zu begleichen. Die Räumung sei auch deshalb notwendig gewesen, weil das gesamte Gebäude saniert werden müsse. Berichten zufolge bot der Orden dem Mann einen Tilgungsplan an – der Rentner und die Mieterorganisation bezeichneten das Angebot jedoch als finanziell unrealistisch. Nach Angaben von Sindicato de Inquilinas e Inquilinos de Madrid verfügt die franziskanische Ordensgemeinschaft über insgesamt 294 Immobilien, von denen etwa einhundert vermietet seien. Laut der Anwältin Bea de Vicente seien viele dieser Wohnungen Spenden von Gläubigen, die dem Orden "für wohltätige Zwecke" überlassen oder vererbt worden seien. Stattdessen würden sie nun für die "Spekulationen eines Großvermieters" genutzt. Madrid gilt als einer der angespanntesten Märkte des Landes: Mieten und Kaufpreise gehören zu den höchsten in Spanien, erschwinglicher Wohnraum ist rar. Sozial schwache Mieter scheitern häufig an den Garantien und Nachweisen, die bei der Wohnungsvergabe verlangt werden. Zusätzlich verschärfen touristische Kurzzeitvermietungen (z. B. "Airbnb") und anhaltender Zuzug vom Land die Lage. Im statistischen Schnitt ist die Stadt Madrid in den vergangenen zehn Jahren jährlich um rund 25.000 Menschen gewachsen. Dem steht deutlich zu wenig Neubau gegenüber – bis Ende April 2026 sind nach Zahlen der Stadtverwaltung lediglich rund 1700 Wohnungen fertiggestellt worden.