Datum09.05.2026 06:34
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie Deutsche Bahn testet ein neues 6,99-Euro-Ticket für Wochenendbucher, das auch Last-Minute-Reisende ansprechen soll. Ein Test zeigt jedoch, dass spontane Fahrten mit Frühbucherrabatten oder dem Deutschlandticket oft günstiger sind. Das neue Angebot lohnt sich hauptsächlich für wirklich spontane Reisende, während Familien für Urlaube weiterhin planen sollten. Die Bahn könnte die Tickets durchgängig anbieten, um mehr Kunden zu erreichen.
InhaltDie Deutsche Bahn testet ein neues Angebot: bestimmte Fahrten zum Spottpreis, wenn man am Wochenende bucht. Ein Vorabtest zeigt, ob sich das rechnet. Ich bin passionierter Bahnfahrer. Und als solcher habe ich mich gefragt, welche Idee die Bahn eigentlich mit dem neuen Supersparangebot für 6,99 Euro auf Fernstrecken verfolgt. Gerade jetzt vor der Urlaubszeit. Die Tickets können nur am Samstag und Sonntag gebucht werden, jeweils für die Woche danach. Ich bin gern spontan, aber meinen Urlaub plane ich mit mehr als einer Woche Vorlauf, schon um die Nerven der Kolleginnen und Kollegen zu schonen. Wer also soll für diese Spontanreisen angesprochen werden? Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Die Bahn-Sprecherin konnte mir weiterhelfen. Bislang hätten vor allem Frühbucher von günstigen Bahntickets profitiert . Jetzt sollten erstmals auch Last-minute-Kunden systematisch auf vielen Strecken angesprochen werden. Und wenn der Test bis September erfolgreich sei, könne er ausgebaut werden. Und weil es ein Test sei, habe man erstmals mit der Chance auf preiswertes Buchen zum Wochenende angefangen, los geht’s ab 9. Mai. Lohnt das wirklich, oder ist das nur fürs Schaufenster? Also habe ich vor dem Start des Projekts einen kleinen persönlichen Test laufen lassen. Spontanreisen, die kann ich auch jetzt buchen. Aber wie teuer kommt mich das aktuell noch? Lohnt sich also last minute für 6,99 Euro wirklich? An dieser Stelle noch der grundsätzliche Hinweis: Haben Sie eine Bahncard, wird das Ganze jeweils noch preiswerter . Hier meine vorläufigen Ergebnisse: Spontane Bahnfahrten auf Langstrecken sind mit Kurzrecherche auf der Bahn-App fast immer preiswerter als die Spritkosten beim Autofahren mit Verbrenner. Ich habe festgestellt, dass eine ICE-Fahrt von Berlin nach Erfurt mich am kommenden Dienstag frühmorgens oder spätabends jeweils 14,99 Euro kostet. Erfurt ist eine schöne Stadt, immer eine Städtereise wert. Den Preis halte ich mit dem Verbrenner für nicht schlagbar, die Reisezeit auch nicht. Der Unterschied zwischen morgens und abends: Morgens fährt der Zug von Berlin über Halle und braucht nur eine Stunde und 41 Minuten, abends geht es über Leipzig mit seinem Sackbahnhof in zwei Stunden und neun Minuten. In beiden Fällen kann ich im Zug noch arbeiten, was mir parallel im Auto nicht gelingt. Mit dem Auto verspricht mir Google Maps zu meinem Suchzeitpunkt, dass ich in drei Stunden und 19 Minuten nach 297 Kilometern ans Ziel am Erfurter Hauptbahnhof ankomme. Auch quasi kostenlose Bahnfahrten sind schon heute spontan möglich, jedenfalls wenn ich in der Autofahrerlogik denke. Mit dem Deutschlandticket . 13 Millionen Menschen haben ein solches Deutschlandticket abonniert. Ich auch – für 63 Euro im Monat, auch für die berufliche Nutzung. Die sind ohnehin fällig – so wie die Fixkosten fürs Auto bei Autofahrern. Damit komme ich dann ohne weitere Kosten mit Regionalbahnen nach Erfurt. Nicht in zwei Stunden wie mit dem ICE, auch nicht in gut drei Stunden wie mit dem Auto. Eher in viereinhalb bis fünf Stunden. Zudem ist beim Deutschlandticket der gesamte Nahverkehr in Berlin und Erfurt schon preislich mit drin. Und ich muss mich nicht in das System der Nahverkehrstickets in Erfurt reindenken. Oder Dortmund, Stuttgart, Hamburg oder München. Zum Vergleich: Als Autofahrer muss ich für die Fahrt von Berlin nach Erfurt ungefähr 35 Euro für das Benzin aufbringen: Das Auto habe ich ohnehin bezahlt. Auch die Haftpflichtversicherung fürs Auto , die Kfz-Steuer und die Winter- oder Sommerreifen. Solche Kosten dürfen Autofahrer bei Dienstreisen aber natürlich anrechnen. 297 Kilometer mal 30 Cent sind dort vorgesehen, macht 89 Euro. Spoiler: Ich bin nicht nur bei der Bahn gern sparsam. Auch meine Autokosten sind niedriger als in den üblichen ADAC-Tabellen sonst ausgerechnet. Der rechnet häufig mit Vollkosten von 300 bis 700 Euro im Monat. Mein Gebrauchtwagen hat im Sommer 2020 rund 11.000 Euro gekostet und ich bin ihn seither 90.000 Kilometer gefahren. Etliche Zehntausend Kilometer sind noch geplant. Erst mein nächstes Auto wird elektrisch. Ein Beispiel ist zu wenig für so eine Kolumne. Also machen wir den gleichen Test noch mal für die Reise von Berlin nach Dortmund am kommenden Dienstag. Dortmund ist auch eine schöne Stadt, nicht nur, wenn man sich für Fußball begeistert. Am kommenden Dienstag jedenfalls sind die spontanen Tickets nach Dortmund vergleichsweise teuer. Selbst am frühen Morgen geht nichts unter 49,99 Euro. Nur der Nachtzug von Berlin nach Köln bringt Sie abends für 27,99 Euro nach Dortmund. Ich komme dann morgens um 5 Uhr an. Die Sitze sind auch in so einem Nachtzug nicht bequem zum Schlafen. Nehmen Sie ein Kissen und eine Isomatte mit. Vermutlich ist es so leer, dass Sie auf dem Boden schlafen können. Das habe ich schon ausprobiert. Die Fahrtzeit nachts liegt allerdings bei über fünf Stunden statt der knapp 3,5 Stunden tagsüber mit dem ICE. Mit dem Deutschlandticket kommen Sie auch quasi kostenlos nach Dortmund. Allerdings sind Sie tagsüber rund acht Stunden von Berlin nach Dortmund unterwegs, eine kleine Tagesreise. So lange habe ich früher fürs Trampen von Berlin in den Ruhrpott gebraucht, inklusive der Volkspolizisten an der innerdeutschen Grenze. Auch hier wieder der Vorteil für Reisende: Der ÖPNV in Berlin und im Ruhrgebiet ist beim Ticket schon inklusive. Der Ruhrgebiets-Verkehrsverbund VRR hat zwar erklärt, seine Tarifmodelle um 75 Prozent reduziert zu haben. Mein Deutschlandticket reduziert aber ohnehin alles auf ein einziges Modell – und genau dafür liebe ich es. Auch mit dem Auto kann man natürlich nach Dortmund fahren. Mit dem Auto bin ich tagsüber von der Berliner Innenstadt zum Dortmunder Hauptbahnhof sechs Stunden unterwegs, sagt Google Maps. Das entspricht auch meiner Erfahrung. Und in der reinen Autofahrerlogik kosten mich die knapp 500 Kilometer dann 60 Euro fürs Benzin oder bei 30 Cent pro Dienstreisekilometer 150 Euro fürs Finanzamt. Und ich fahre sparsam – das bedeutet auch, dass ich mich von rasenden Fahrern auf der Rallyestrecke vor Hannover dabei nicht zum Schnellfahren animieren lasse. Komme ich zu meiner nächsten Frage: Wird das Last-minute-Billigreisen künftig auch mit der Familie funktionieren? Mit Familie habe ich häufig tatsächlich den klassischen Frühbucherrabatt mit langer Planung vorab genutzt. Geht aber auch der neue Last-minute-Supersparpreis? Wenn Ihre Familie flexibel genug ist, geht auch das. Hier ist die Bahn wie gewohnt großzügig. Kinder unter fünf Jahren können Sie auch beim neuen Last-minute-Supersparpreis einfach so mitnehmen. Kinder zwischen sechs und 14 Jahren müssen Sie auch last minute aufs Ticket schreiben lassen, deren Fahrt kostet allerdings nicht extra. Vier davon können Sie mitnehmen, auch Enkel oder Nachbarskinder. Sitzplatzreservierungen würden extra kosten, aber da diese preiswerten Züge ohnehin nicht ausgelastet sind, können Sie spontan Freunde oder Großeltern besuchen, ohne unbedingt noch Platzkarten buchen zu müssen. Nur die günstigen Startzeiten werden wahrscheinlich auch last minute eine besondere Herausforderung. Aber vielleicht ist Ihr Nachwuchs ja frühaktiv. Meine Erfahrung: Kinder finden Bahnfahren total spannend. Auf meiner ersten längeren Bahnfahrt mit der jüngsten Tochter (damals zwei Jahre alt) wollte sie unbedingt ihre Essensdose mit der Dose des zweijährigen Jungen im Kinderabteil austauschen. Ich habe noch ein Bild davon. Sie tauschte ihre Möhren und Käsebrot gegen ein Nutella-Brot ein. Na ja. Mein Kurzfazit: Wenn Sie wirklich spontan reisen wollen, probieren Sie den Last-minute-Supersparpreis ruhig einmal aus, vielleicht können Sie ja auf der Bahn-App ein solches Billigticket ergattern. Das soll es nicht nur vereinzelt geben, so die Bahn-Sprecherin. Für den Familienurlaub im Sommer nehmen Sie sich aber auch künftig lieber ein bisschen mehr Vorlauf, nicht ganz so die Tagesrandzeiten und nutzen quasi den traditionellen Frühbucherrabatt. Das kann mit der Bahn dann immer noch preiswert werden, aber nicht ganz so billig. Oder Sie setzen auf Ihr vorhandenes Deutschlandticket und fahren mit Regionalbahnen. Und – liebe Bahn: Verkaufen Sie die Tickets mit einer Woche Vorlauf doch einfach von Anfang an rund um die Uhr. Das schaffen Ihre Rechner, das ist nicht schwer.