Tomahawk: Stimmt es, dass Europa US-Marschflugkörper braucht?

Datum07.05.2026 20:02

Quellewww.zeit.de

TLDRDeutschland bedauert die Absage der USA zur Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern, was eine "Abschreckungslücke" hinterlässt. Verteidigungsminister Pistorius sieht darin einen Nachteil. Diese Langstreckenwaffen sollten Russlands Raketen bedrohen. Die bisherige Ausrichtung auf "Abschreckung durch Verweigerung" zeigt trotz hoher Kosten für Luftabwehr militärisch und politisch ihre Grenzen. Alternativen für "Abschreckung durch Bestrafung" werden diskutiert.

InhaltDer US-Marschflugkörper Tomahawk wird vorerst nicht in Deutschland stationiert, die Bundesregierung warnt vor einer Abschreckungslücke. Gibt es Alternativen aus Europa? Boris Pistorius ist besorgt. Nicht wegen der US-Ankündigung, 5.000 Soldaten oder mehr aus Deutschland abzuziehen: "Absehbar" sei das gewesen, sagte der Verteidigungsminister. Deutlich andere Worte wählte der SPD-Politiker hingegen in Bezug auf eine Einheit, die die USA nicht etwa abziehen, sondern gar nicht erst in Deutschland stationieren wollen: ein mit Marschflugkörpern des Typs Tomahawk bewaffnetes Bataillon. "Sehr schade und nachteilig für uns" sei Donald Trumps Absage an die Stationierung dieser Waffen in Deutschland, sagte Pistorius. Anders als im Fall des Truppenabzugs werde Deutschlands "Abschreckungslücke" durch diese Entscheidung eindeutig größer. Die Stationierung von Tomahawks – Flugkörpern mit einer Reichweite von mehr als 1.600 Kilometern – war im Sommer 2024 angekündigt worden. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz hatte sich mit Trumps Vorgänger Joe Biden auf diese erste Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland seit dem Kalten Krieg geeinigt. Das Ziel: Wladimir Putin soll gar nicht erst auf die Idee kommen, mit einem Einsatz seiner in Kaliningrad stationierten Iskander-Raketen zu drohen, die binnen weniger Minuten Warschau, Berlin und Kopenhagen erreichen können. Die Tomahawks – und weitere perspektivisch noch zu entwickelnde Hyperschallwaffen, die künftig ebenfalls in Deutschland aufgestellt werden sollten – wären die designierte Antwort. Und ihre Stationierung angesichts der von Russland schon 2018 nach Kaliningrad verlegten Raketen überfällig, argumentierten Befürworter. Waffen wie der Tomahawk werden für sogenannte Deep Precision Strikes eingesetzt – präzise Angriffe auf Hochwertziele in der Tiefe des gegnerischen Gebiets, wie Kommandozentren, Militärflugplätze und Rüstungsfabriken. In der 2023 veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie werden Deep Precision Strikes als "Zukunftsfähigkeit" beschrieben; im öffentlich einsehbaren Teil der jüngst fertiggestellten deutschen Militärstrategie ist der Ausbau von "Fähigkeiten zur weitreichenden präzisen Wirkung" einer der zentralen Punkte. Deep Precision Strikes können nicht nur taktisch zum Erreichen unmittelbarer militärischer Ziele, sondern auch strategisch eingesetzt werden. Das International Institute for Strategic Studies (IISS) verweist in einer Analyse zu Langstreckenfähigkeiten europäischer Armeen auf die besonders deutlich ausformulierte französische Doktrin: Deep Precision Strikes zeichnen sich demnach unter anderem dadurch aus, "eine direkte politische Wirkung auf den Gegner" erzielen zu können. Die politische Wirkung, die der Fähigkeit zu solchen Angriffen zugeschrieben wird, kann immens sein. Wenn Pistorius von einer "Abschreckungslücke" durch den Entfall der Tomahawk-Stationierung spricht, heißt das nichts anderes als: Er erhofft sich von solchen Waffen, sie könnten allein durch ihre Präsenz einen gegnerischen Angriff verhindern – und nicht nur einen militärischen Vorteil in bereits laufenden Konflikten bieten. "Sich verteidigen können, um sich nicht verteidigen zu müssen": Die mit Hunderten Milliarden Euro finanzierte Aufrüstung der Bundeswehr wird immer wieder mit diesem Gedanken begründet. Doch geht das nicht über die defensive Ausrichtung der Bundeswehr hinaus? Ist die Möglichkeit, einen Marschflugkörper mehr als 1.000 Kilometer tief in gegnerisches Gebiet hineinzusteuern, noch von diesem Ansatz gedeckt? Brauchen europäische Länder wirklich derartige Waffen, um sich sicher fühlen zu können? Das hängt davon ab, welches Abschreckungskonzept man verfolgt. Hierbei wird vor allem zwischen deterrence by denial ("Abschreckung durch Verweigerung") und deterrence by punishment ("Abschreckung durch Bestrafung") unterschieden. Ersteres bedeutet, einem potenziellen Gegner durch die Art der eigenen Bewaffnung zu signalisieren, dessen Angriffe zuverlässig abwehren zu können, ihnen dadurch den Sinn zu entziehen und den Gegner glauben zu lassen, dass er seine Ziele mit einem Angriff nicht wird erreichen können. Deterrence by punishment bezeichnet hingegen das Vorgehen, den potenziellen Aggressor schwere Konsequenzen in Form eines Gegenschlags auf strategisch relevante Ziele erwarten zu lassen. Stehen konventionelle Waffen zur Verfügung, die dazu in der Lage sind, kann dieser Ansatz gewählt werden, ohne dass der ungewisse Eskalationspfad nuklearer Drohungen beschritten wird. Vor allem die deutsche Reaktion auf den Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine 2022 war von deterrence by denial geprägt. Schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn gehörten israelische Raketenabwehrsysteme des Typs Arrow 3 zu den ersten bedeutenden Investitionen Deutschlands im Zuge der sogenannten Zeitenwende. Und noch im selben Jahr machte sich die Bundesregierung mit der European Sky Shield Initiative für den Aufbau einer europaweit verbesserten Luftverteidigung stark. Doch zugleich zeigen die Erfahrungen des Ukrainekriegs die Grenzen beim Ansatz einer solchen "Verweigerung". Die russischen Raketenangriffe können von der Ukraine trotz der dorthin gelieferten Abwehrsysteme stets nur teilweise abgewehrt werden – zu viele Raketen setzt Russland ein. Für den Einsatz gegen Hunderte russische Angriffsdrohnen pro Tag wiederum sind Flugabwehrraketen viel zu teuer. Dasselbe zeigten auch die Kriege im Nahen Osten seit Herbst 2023. Bei iranischen Raketenangriffen auf Israel "erreichte selbst das mehrschichtige israelische System, unterstützt von den USA (...), nur eine Abfangrate von rund 86 Prozent", schreibt das IISS. Und das trotz der weltweit einzigartigen Dichte der israelischen Luftverteidigung und des vergleichsweise kleinen von ihr geschützten Staatsgebiets. Die USA und die Golfstaaten wiederum haben zur Abwehr der iranischen Gegenangriffe nach Kriegsbeginn binnen weniger Wochen über 1.000 Patriot-Abfangraketen aufgebraucht, mehr als eine Jahresproduktion. Die USA sollen laut einer Schätzung des Thinktanks CSIS zudem zwischen 190 und 290 Abfangraketen für THAAD, ihr modernstes Verteidigungssystem, verbraucht haben. Das sind gut 50 bis 80 Prozent des mutmaßlichen Vorkriegsbestands. Den wieder aufzufüllen, dürfte mindestens vier Jahre dauern. All das zeigt: Deterrence by denial kann sogar bei bestmöglicher Bewaffnung versagen. Denn ein Gegner mit vielen Raketen und Drohnen kann getrost davon ausgehen, selbst die beste Flugabwehr zu durchbrechen. Eine wirklich lückenlose Luftverteidigung wäre unbezahlbar: Eine Patriot-Abfangrakete kostet etwa drei Millionen Euro, eine Abfangrakete für THAAD mehr als 13 Millionen. Eher schützte man sich in den ökonomischen Ruin, als dass man mit Abwehrfähigkeit allein ausreichend abschrecken könnte. Denn Flugabwehr kann nur gegnerische Waffen bekämpfen, nicht jedoch die Abschussvorrichtungen, die sie abfeuern, oder die Fabriken, die sie produzieren.