Datum07.05.2026 07:15
Quellewww.zeit.de
TLDRCallcenter-Betrüger verursachten in Niedersachsen Millionenschäden durch „Enkeltrick“, „Schockanruf“ und „falsche Polizeibeamte“. Die Täter nutzen psychologische Manipulation, um Opfer unter extremen Zeitdruck zu setzen und ihr Verantwortungsgefühl auszunutzen. Sie inszenieren Notfälle und erzeugen emotionale Ausnahmesituationen. Die Polizei rät, bei Verdacht sofort aufzulegen und selbst die 110 zu wählen.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Kriminalität“. Lesen Sie jetzt „Wie Callcenter-Betrüger ihre Opfer unter Druck setzen“. Sogenannte Callcenter-Betrüger haben im vergangenen Jahr mit gezielter Manipulation der Opfer Millionenschäden in Niedersachsen angerichtet. Mit dem Begriff Callcenter-Betrug fasst die Polizei Taten zusammen, die als "Enkeltrick", "Schockanruf" und "falsche Polizeibeamte" bekannt sind. Dabei gehe es um kein spontanes Täuschungsdelikt, sondern einen professionell organisierten, psychologisch gesteuerten Manipulationsprozess, teilte das Landeskriminalamt Niedersachsen mit. Laut Landeskriminalamt verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr landesweit 1.658 Fälle, darunter waren 355 vollendete Taten - der angerichtete Schaden lag bei knapp 8,5 Millionen Euro. Dazu kamen 6.178 Fälle mit Tatort im Ausland oder auch unbekanntem Tatort, aber mit Opfern, die in Niedersachsen leben. 131 dieser Fälle verursachten einen zusätzlichen Schaden von rund 2,5 Millionen Euro. Beim Betrug am Telefon inszenieren die Täter den Angaben zufolge ein fast perfektes Drehbuch. Binnen Sekunden entstehe eine emotionale Ausnahmesituation – das könnten etwa Unfall, Tod, drohende Haft, Gefahr von Kriminellen, aber auch hohe Rechnungen oder defekte Autos und Handys des eigenen Kindes oder Enkels sein. Ein Mitschnitt eines Schockanrufs von 2024 zeige, wie professionell die Täter vorgingen: Eine weinende weibliche Stimme eröffnet das Gespräch, dann übernimmt ein vermeintlicher Polizeibeamter und schildert einen tödlichen Verkehrsunfall. Die Tochter habe eine rote Ampel missachtet, eine junge Mutter sei gestorben - nur mit einer Kaution sei Haft abzuwenden. "Bei einem Anruf mit Schockmoment wie diesem wird gezielt ein akuter Stresszustand ausgelöst. Neuropsychologisch bedeutet das: Das Gehirn priorisiert in Sekundenbruchteilen Schutz, Bindung und Verantwortungsübernahme", erklärte Thorsten Garrels, Polizeioberkommissar und Psychologe des Landeskriminalamts. Die kritische Prüfung trete kurzfristig in den Hintergrund. "Manipulation funktioniert hier, indem Täter emotionale Nähe herstellen, anschließend Autorität inszenieren und schließlich massiven Zeitdruck erzeugen." Häufig hielten die Täter ihre Opfer gezielt im Gespräch oder versuchten zu verhindern, dass ein anderer Mensch einbezogen werde, sagte er. "Diese Kombination verengt die Entscheidungsfähigkeit. Betroffene handeln dabei nicht leichtfertig – sie handeln unter gezielt herbeigeführtem psychologischen Druck." Er betonte: "Gerade Eltern oder Großeltern reagieren instinktiv, wenn sie glauben, ein naher Angehöriger sei in Gefahr. Dieses Verantwortungsgefühl wird systematisch instrumentalisiert." Die Täter arbeiten den Angaben zufolge arbeitsteilig. "Callcenter-Agents" träten als vermeintlich betroffene Angehörige auf - emotional, geradezu aufgelöst und damit glaubwürdig. Teils übernimmt dann eine zweite Person das Gespräch, etwa als angeblicher Polizeibeamter, Staatsanwalt oder Arzt. Weitere Beteiligte stehen als Abholer bereit. Die Anrufe kommen oft aus dem Ausland, auf dem Telefondisplay erscheint aber eine scheinbar authentische Nummer, etwa die 110, wie die Behörde warnte. Garrels erklärte: "Wenn der Zeitdruck maximal wird und sofortige Entscheidungen eingefordert werden, ist das kein Zufall, sondern Teil des Drehbuchs. Dazu gehört es auch, die Angerufenen zu unterbrechen, damit sie ihren Gedanken nicht folgen können." An diesem Punkt aber könnten die Betroffenen eingreifen: "Wer jetzt das Gespräch bewusst beendet, selbstständig unter bekannten Nummern zurückruft oder die 110 wählt, unterbricht den Manipulationsprozess. Mit dieser aktiven Entscheidung holen sich Betroffene die Kontrolle zurück." Das Landeskriminalamt riet, bei verdächtigen Anrufen sofort aufzulegen - oder zumindest niemals Bargeld oder Schmuck an Unbekannte zu übergeben, auch nicht an angebliche Polizeibeamte. Auch werde die Polizei niemals um Geld oder Wertsachen bitten. Im Zweifel sollten die Betroffenen das Gespräch unterbrechen und die 110 wählen, sie könnten zudem innerhalb der Familie ein Codewort für Notfälle vereinbaren. Vor allem mit älteren Familienmitgliedern sollte offen über diese Betrugsmaschen gesprochen werden. © dpa-infocom, dpa:260507-930-45553/1