Datum06.05.2026 08:17
Quellewww.zeit.de
TLDRDeutschland erhöht seine Rüstungsausgaben stark, um seine Sicherheit zu gewährleisten und sich von den USA unabhängiger zu machen. Globale Militärausgaben steigen ebenfalls. Der Artikel kritisiert, dass dabei die Entwicklungspolitik vernachlässigt wird, obwohl Krisen wie Armut und Klimawandel Ursachen zukünftiger Konflikte sind. Es wird argumentiert, dass Sicherheit mehr als nur Waffen bedeutet und politische Friedensinitiativen sowie Entwicklungshilfe nötiger sind. Ein Ausgleich zwischen Militär- und Entwicklungsetat wird gefordert.
InhaltAufrüsten war nötig. Aber während Deutschland zehnmal mehr für Waffen ausgibt als für Entwicklung, wachsen die Krisen, aus denen die nächsten Kriege entstehen. Frieden schaffen, ohne Waffen! Kaum ein Satz wirkt so aus der Zeit gefallen wie dieser. In Deutschland wächst gerade die Sorge, dass wir bald zu wenig Waffen haben, um den Frieden zu sichern, weil Donald Trump mit Truppenabzug droht und keine neuen Marschflugkörper stationieren will. Die Ukraine kann sich nur gegen Russland wehren, weil sie immer neue Waffen produzieren und kaufen kann. Und in der Straße von Hormus verliert die Seite, die schlechter gerüstet ist. Nur, selbst wenn "Frieden schaffen, ohne Waffen" altmodisch klingt, ist der Appell wichtiger denn je. Denn er erinnert an eine Sehnsucht. Mehr noch, er postuliert ein (fernes) Ziel, das die Menschheit selbst in den düstersten Zeiten nicht aufgeben sollte: eine Welt ohne immer neue Tötungsmaschinen. Schreibt man so etwas heute auf, setzt man sich sofort dem Kitschverdacht aus. Aber ist es etwa verkehrt, mit dem Umstand zu fremdeln, dass die Menschheit heute Billionen Euro, Rubel und Dollar für Rüstung ausgibt? Wäre es nicht fatal, wenn niemand mehr politische Energie in dieses Ziel investieren würde? Und bitter, wenn sich niemand mehr darüber aufregt, dass der Finanzminister den deutschen Verteidigungsetat so wachsen lässt wie nie zuvor in der Geschichte des Landes? Rund 2,5 Billionen Euro gaben die Staaten der Welt nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri im vergangenen Jahr für Rüstung aus. Damit stiegen die globalen Militärausgaben im elften Jahr in Folge an. Deutschland ist dabei ganz vorne mit dabei, es liegt inzwischen auf Platz vier der Rangliste. Höher waren die Rüstungsausgaben nur in den USA, in China und in Russland. Die Steigerungen sind so gewaltig, dass im vergangenen Jahr der Verteidigungsetat bei 62,3 Milliarden Euro lag und damit bei 12,4 Prozent des Bundeshaushalts. Dazu kamen weitere 24 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen. Und es geht weiter nach oben: 105,8 Milliarden Euro will Finanzminister Klingbeil im kommenden Jahr für die Verteidigung ausgeben, für Drohnen und Panzer, Kriegsschiffe und Soldaten. Auf 179,9 Milliarden Euro soll die Summe dann im Jahr 2030 steigen. Würde man das Geld in 10-Euro-Scheinen auszahlen und aneinanderlegen, dann reichten die 179,9 Milliarden Euro sechsmal um den Äquator herum. Das sind unfassbare Geldsummen. Und trotzdem dreht sich die Debatte hierzulande vor allem darum, ob wir nicht doch noch mehr tun und ausgeben könnten. Es gehört inzwischen fast zum Basiswissen in jeder sicherheitspolitischen Debatte, halbwegs kompetent über die Größe der Verteidigungslücke des Landes reden zu können, über den Sinn von Langstreckenraketen und Abwehrsystemen. Nur noch selten wird hingegen noch darüber diskutiert, ob zur Sicherheit nicht viel mehr gehört als Panzer, Drohnen und Abwehrraketen. Ob die Welt nicht neue politische Friedensinitiativen bräuchte. Ob es nicht an der Zeit wäre für ein Aufbäumen der vielen grundsätzlich friedlichen Mittelmächte gegen die ständige Kriegstreiberei und Schlagzeilendominanz von Wladimir Putin und Donald Trump – auch unter Inkaufnahme ökonomischer Nachteile. Darüber, wer das in Gang setzen könnte: Deutschland vielleicht? Kanada? Frankreich? Indien? Es ist, als ob das Trommeln der Kriegstreiber in Moskau und Washington keine Zeit mehr zum Atmen und Denken lässt. Und für grundsätzliche Gespräche, in denen wenigstens das Fremdeln mit dieser neuen Welt Platz findet. Und in denen die leise Frage gestellt wird, ob die Prioritäten noch stimmen. Sicher, die Zeiten sind fürchterlich, und der russische Präsident ist ein Aggressor, der längst auf vielfältige Art und Weise auch Europa ins Visier genommen hat und damit uns im Zentrum dieses Kontinentes. Jeder, der die Augen nicht völlig verschließt, muss deswegen auch mehr oder weniger bedauernd zugeben, dass Europa Verteidigung braucht. Deutschland steht als größtes Land in der Mitte des Kontinentes im Zentrum von Putins Interesse, muss sich also gegen dessen Angriffe besonders rüsten. Schon weil wir uns heute nicht mehr bequem darauf verlassen können, dass uns im Zweifel die Amerikaner verteidigen werden. Also musste der Rüstungsetat steigen. Und dennoch! Auch im Jahr 2026 gilt erstens: Sicherheit bedeutet mehr als immer neue Waffen. Das ist eine Binse, nur leider eine, die inzwischen in der öffentlichen Debatte gerne mal verdrängt wird. Zweitens: Die Abwesenheit von Krieg ist noch kein Frieden. Auch diesen Allgemeinplatz scheinen große Teile der Regierung und der Öffentlichkeit vergessen zu haben. Und damit auch die vielen Orte auf der Welt, an denen noch kein Krieg ausgebrochen ist, wo die Gefahr dafür aber täglich wächst. Weil viele Menschen hungern. Weil sie ihre vom Klimawandel verwüsteten Felder verlassen müssen. Weil ihnen das Wasser ausgeht und sie keinen Schutz vor Krankheiten mehr haben. Nicht wenige dieser Länder liegen in Afrika, also gar nicht so weit weg von uns. Doch wen interessiert noch, was in Mali los ist? Im Sudan? Im Kongo? So sehr ist unsere Aufmerksamkeit durch das präpotente Gebaren der Großmächte gebunden, dass wir die vielen anderen Konflikte oder Konfliktherde einfach übersehen. Wir scheinen sogar zu vergessen, dass Afrika unser Nachbarkontinent ist und nicht der Chinas oder der USA, und dass es ganz neben der Frage der Menschlichkeit auch strategische Interessen dafür gibt, diesen Kontinent halbwegs stabil zu halten. Sich also zu interessieren und zu engagieren. Aber wer tut das noch? Die Chinesen, die Russen und die Amerikaner, weil sie Rohstoffe wollen und Absatzmärkte für ihre Waffen. Und sonst so? In den 1980er Jahren, in den Zeiten der Friedensbewegung und auch noch in den Jahren danach, war es einmal üblich, den Rüstungsetat mit dem Etat für Entwicklungspolitik zu vergleichen. Auch das ist aus der Mode gekommen, tut man es heute, erschrickt man unweigerlich. Denn wir schimpfen zwar gern über die Weltvergessenheit der Amerikaner im Allgemeinen und die Kürzungsorgien von Trump im Speziellen: bei Impfprogrammen. Bei Nahrungsmittelhilfen und Entwicklungsprogrammen. Gleichzeitig dient Trump auch hier längst als Modell – auch für die deutsche Politik. Im Jahr 2027 soll das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gerade noch 9,4 Milliarden Euro bekommen. Das ist nicht einmal mehr ein Zehntel der Summe, die wir für das Militär ausgeben, und der niedrigste Stand seit 2018. Klar, allein mehr Entwicklungshilfe wird die Welt nicht retten. Sie war auch nicht immer und überall erfolgreich. (Wobei es schon interessant zu beobachten wäre, wie viel Armut mit 2,5 Billionen Euro pro Jahr beendet werden könnte.) Es braucht ökonomische und ökologische Kooperation ganz unterschiedlicher Art. Soforthilfe. Wissenstransfer. Und immer wieder: globale Kooperation, notfalls auch mit ganz neuen Koalitionen der Willigen. Ein Modell ist die Konferenz im kolumbianischen Santa Marta, die in der vergangenen Woche zu Ende ging und auf der Regierungen aus 50 Ländern darüber gesprochen haben, wie sie die Energiewende beschleunigen, also den Irankrieg zum Trump-Bumerang machen können. Im kommenden Jahr soll es in Tuvalu weitergehen. Genauso könnten die vielen anderen vergessenen Sicherheitsgefahren bekämpft werden: die Klimakrise, die nächsten Pandemien, das Artensterben, die KI. Und und und. Kurz: Damit die Zukunft doch kein hochgerüsteter und damit immer gefährlicherer Ort wird, braucht es wieder mehr Fantasie in den sicherheitspolitischen Debatten. Und weniger Denken in großen Zahlen.