Datum06.05.2026 04:00
Quellewww.zeit.de
TLDRKleine Schulen in Thüringen sind wegen sinkender Schülerzahlen und angespannter Finanzen gefährdet. Die Bildungsgewerkschaft GEW fordert eine ehrliche Debatte über Mindestschülerzahlen für langfristige Schulbetriebe. Personalengpässe und erschwerte Vertretungen sind Probleme. Die Verantwortung für Schulen ist geteilt, Kommunen entscheiden über Standorte, das Land über Personal. Die Geburtenrate sinkt, was die Zukunft vieler kleiner Schulen weiter unsicher macht.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Bildung“. Lesen Sie jetzt „Unsichere Zukunft: Wie viele Schüler braucht eine Schule?“. Viele kleine oder sehr kleine Schulen im ländlichen Thüringen stehen nach Einschätzung der Bildungsgewerkschaft GEW vor einer ungewissen Zukunft. Insbesondere bei weiter sinkenden Schülerzahlen werde der Schulbetrieb vor allem dort "total schwierig", sagte die GEW-Landesvorsitzende Kathrin Vitzthum der Deutschen Presse-Agentur. Da an solch kleinen Schulen bereits heute vielerorts nur wenige Kinder unterrichtet würden, gebe es entsprechend wenig Personal. Das erschwere Vertretungen erheblich, wenn Lehrkräfte krankheitsbedingt ausfielen. Häufig werde der Betrieb nur noch durch Abordnungen aus anderen Schulen aufrechterhalten, was für die Lehrkräfte zusätzliche Belastungen bedeute, etwa durch lange Fahrwege. Hinzu komme die angespannte Finanzlage der öffentlichen Haushalte in Thüringen und bundesweit, sagte Vitzthum. Das werde zu schwierigen Entscheidungen in vielen Einzelfällen führen. "Am Ende werden auch Schulträger sich fragen, ob der Erhalt der Schule tatsächlich noch finanziell tragbar ist", so Vitzthum. Deshalb brauche es eine "ehrliche Debatte" darüber, wie viele Schülerinnen und Schüler eine Schule oder Klasse mindestens haben müsse, um langfristig bestehen zu können. Die Verantwortung für die Bildungslandschaft in Thüringen ist grundsätzlich geteilt. In der Regel entscheiden die Kommunen als Schulträger darüber, welche Schulen es an welchen Standorten geben soll. Sie sind deshalb zum Beispiel auch für den Unterhalt der Schulgebäude zuständig. Der Freistaat wiederum trägt die Verantwortung für die personelle Ausstattung der Schulen. In Thüringen gibt es nach laut dem Bildungsministerium etwa 30 Schulen, an denen maximal 50 Schüler unterrichtet werden. Diese verteilen sich über den gesamten Freistaat und umfassen etwa Grund-, Förder- und Berufsschulen. Hinzu kommen zahlreiche weitere Schulen, insbesondere im ländlichen Raum, die zwischen 55 und 100 Kinder und Jugendliche haben, überwiegend Grundschulen. Vitzthum betonte, dass viele kleine Schulen zwar bereits miteinander kooperierten, dies jedoch oft nur in Ansätzen. Häufig beschränke sich die Zusammenarbeit darauf, Lehrkräfte bei Bedarf auszutauschen. Von einer strukturellen Kooperation mit gemeinsamer Schulleitung oder Verwaltung sei man vielerorts noch weit entfernt. Zudem werde Schule in Thüringen weiterhin viel zu sehr in der Logik von Landkreisgrenzen gedacht. Das habe auch damit zu tun, dass der Schülerverkehr sich nur schwer über Kreisgrenzen hinweg organisieren lasse. "Mein Eindruck ist, an dieses Thema will keiner ran." Auch bei möglichen Schulschließungen entstehe häufig ein gegenseitiges Zuschieben von Verantwortung zwischen Kommunen und Land. Politische Entscheidungsträger auf beiden Ebenen stünden unter dem Druck, wiedergewählt zu werden, sagte Vitzthum. Dennoch halte sie dieses Vorgehen für falsch: "Weil der Druck – Stichwort Demografie – einfach so groß sein wird, dass man das am Ende regeln muss." In Thüringen werden immer weniger Kinder neu geboren. Im vergangenen Jahr kamen im Freistaat nur noch etwa 11.000 Jungen und Mädchen auf die Welt. Das waren so wenig wie noch nie seit der Wiedervereinigung. © dpa-infocom, dpa:260506-930-39747/1