Datum05.05.2026 20:07
Quellewww.spiegel.de
TLDREin Gericht in Lissabon hat die Anklage gegen den Football-Leaks-Gründer Rui Pinto abgewiesen und einen Verstoß gegen Menschenrechte und juristische Grundprinzipien festgestellt. Die Staatsanwaltschaft hatte Pintos Fall willkürlich aufgeteilt, was dessen Rechte verletzte. Trotz eines früheren Schuldspruchs und Pintos Kooperation mit den Behörden plant die Staatsanwaltschaft Berufung und eine neue Anklage, was seine Anwälte als unverhältnismäßige juristische Schikane bezeichnen.
InhaltVerstoß gegen Menschenrechtskonvention und juristische Grundprinzipien: Ein Gericht in Portugal hat einer Anklage gegen den Football-Leaks-Gründer eine Absage erteilt. Doch die Staatsanwaltschaft will nicht aufgeben. Die portugiesische Staatsanwaltschaft hat mit ihrer Anklage gegen den Whistleblower Rui Pinto dessen Menschenwürde verletzt. Das hat das zuständige Gericht in Lissabon am vergangenen Mittwoch geurteilt. Demnach haben die Strafermittler zu Unrecht ihre Vorwürfe gegen den heute 37-Jährigen in mehrere verschiedene Verfahren aufgeteilt. Das Gericht verwarf die Anklage nun in einem einstimmigen Urteil als unzulässig. Das Aufsplitten der Verfahren habe Pintos Status als Beschuldigter verlängert und sei "absolut willkürlich und widersprüchlich", heißt es im Urteil, das das französische Investigativportal "Mediapart" mit dem SPIEGEL geteilt hat. Die Staatsanwaltschaft habe gegen die Europäische Menschenrechtskonvention und die portugiesische Verfassung verstoßen, weil sie Pintos Recht auf ein faires und zeitnahes Gerichtsverfahren verletzt und die Möglichkeit seiner Resozialisierung eingeschränkt habe. Zudem versuche die Behörde, den Whistleblower für das gleiche Vergehen mehrmals bestrafen zu lassen – ein Verstoß gegen den juristischen Grundsatz "non bis in idem": Niemand dürfe wegen desselben Delikts mehr als einmal vor Gericht gestellt werden. Rui Pinto ist das Gesicht hinter "Football Leaks", einer Enthüllungsplattform, die vertrauliche Dokumente aus der Fußballbranche veröffentlicht hat. Der Whistleblower stellte Journalisten des SPIEGEL sowie Partnerredaktionen des Recherchenetzwerks European Investigative Collaborations (EIC) mehr als 70 Millionen Dokumente zur Verfügung. Darin fanden sich zahlreiche Hinweise auf Steuerhinterziehung, Korruption und Geldwäsche. Zudem offenbarte die Dokumentensammlung Vergewaltigungsvorwürfe gegen Superstar Cristiano Ronaldo. Die journalistischen Enthüllungen zogen Strafermittlungen und Prozesse in mehreren Ländern nach sich. Aufgrund von "Football Leaks"-Veröffentlichungen des SPIEGEL beschuldigte die Premier League den Club Manchester City massiver Regelverstöße. Das daraus folgende Verfahren wird bereits als "Prozess des Jahrhunderts" bezeichnet. Trotz aller Verfahren, darunter auch ein Schuldspruch gegen Ronaldo wegen Steuerbetrugs: Im Gefängnis landete letztlich nur der Whistleblower Rui Pinto. Im September 2023 wurde Pinto zu einer vierjährigen Bewährungsstrafe verurteilt . Die Strafermittler werfen ihm illegalen Zugang zu vertraulichen Daten und Bruch des Briefgeheimnisses vor. Das hat Pinto eingeräumt. Eine ebenfalls abgeurteilte versuchte Erpressung streitet er ab. Nach seiner Festnahme Anfang 2019 musste der Portugiese für mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft verbringen, darunter teilweise in Einzelhaft. Im August 2020 wurde er in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen, weil er wegen der "Football Leaks"-Enthüllungen Morddrohungen erhielt. Pinto kooperiert seit Jahren mit den Behörden , die gegen ihn ermitteln. Er hat Festplatten mit dem brisanten Material der Enthüllungsprojekte "Football Leaks", "Malta Files" und "Luanda Leaks" entschlüsselt und Strafermittlern aus mehreren Ländern verfügbar gemacht. Während des jüngsten Verfahrens betonte der Strafermittler Luís Neves, zu dem Zeitpunkt nationaler Direktor der Kriminalpolizei und heutiger Innenminister Portugals, die Bedeutung von Pintos Kooperation: Pinto habe den Behörden wertvolles Wissen zum Untersuchen und Bekämpfen von Cyberkriminalität vermittelt. Trotzdem will die Staatsanwaltschaft Pinto weiterhin bestrafen. Die Behörde plant eine weitere Anklage und kündigte zudem an, gegen das aktuelle Urteil in Berufung gehen zu wollen. "Wir wissen darum, dass Rui Pintos juristischer Kampf hier nicht endet", teilten Pintos Anwälte Francisco und Luisa Texeira da Mota mit. Ihr Mandant sei einem "unverhältnismäßigen Einsatz strafrechtlicher Verfahren ausgesetzt". Das aktuelle Urteil sei "couragiert" und ehre das portugiesische Justizsystem. Der auf Whistleblower spezialisierte französische Anwalt William Bourdon erklärte, die Personen hinter großen Enthüllungen seien "unerbittlicher juristischer Schikane" ausgesetzt. Das Urteil sei darum "in der heutigen Zeit ein wichtiger Meilenstein für den Schutz von Whistleblowern". Pinto kann aktuell keiner geregelten Arbeit nachgehen, weil er weiterhin im Zeugenschutzprogramm weilt. Seine Anwaltskosten kann er sich nicht leisten, sie werden von der Stiftung "The Signals Network" getragen. Im Februar 2024 äußerte der Mann, der durch "Football Leaks" berühmt wurde, die Hoffnung, dass er irgendwann wieder ein normales Leben führen könne.