Datum05.05.2026 10:45
Quellewww.zeit.de
TLDRDie UN warnt vor weitgehend unterschätzten digitalen Risiken. Ein Ausfall zentraler digitaler Infrastruktur wie Strom oder Internet hätte katastrophale Folgen, vergleichbar mit einer digitalen Pandemie. Länder seien unzureichend vorbereitet auf Ereignisse wie Sonnenstürme, Hitzewellen oder Schäden an Unterseekabeln. Diese könnten zu systemischen, sektorenübergreifenden Zusammenbrüchen führen, deren Auswirkungen zehnmal größer sein könnten als das ursprüngliche Ereignis. Internationale Kooperation und analoge Rückfallsysteme sind dringend nötig.
InhaltWas, wenn morgen das Internet oder der Strom ausfällt? In einem Bericht warnen die UN vor den Risiken des digitalen Zusammenbruchs. Dessen Folgen könnten verheerend sein. Die Welt ist laut einem Bericht der Vereinten Nationen nicht ausreichend auf einen digitalen Zusammenbruch vorbereitet. Die UN-Organisation für Telekommunikation (ITU) und das UN-Büro für Katastrophenvorsorge (UNDRR) warnten, die Länder hätten derzeit keine gute Strategie für den Fall, dass digitale Grundpfeiler plötzlich ausfallen – wenn etwa der Strom unterbrochen wird, Unterseekabel reißen oder großflächig Satelliten ausfallen. "Kritische digitale Risiken sind real, dokumentiert, systemisch und werden weitgehend unterschätzt", hieß es in dem Bericht. "Was wie Science-Fiction klingt, könnte Realität werden". Wenn es etwa kein Internet mehr gebe, Krankenhäuser nicht mehr an Patientendaten kämen oder Notfallwarnungen nie ankommen würden, drohe eine Art "digitaler Pandemie", warnten die UN-Organisationen. ITU und UNDRR stellten drei Szenarien vor, um mögliche Auswirkungen eines digitalen Zusammenbruchs zu verdeutlichen: Im September 1859 sprühten elektrische Geräte Funken und setzten Büros in Brand, Telegrafisten in Europa und Nordamerika bekamen Stromschläge. Die Sonne hatte plötzlich mehr Strahlung und Teilchen in All geschleudert. Ein sogenannter Sonnensturm traf die Erde mit höchstens 20 Sekunden Vorwarnzeit. Bei einem ähnlichen Event würden heutzutage Navigationssatelliten gestört, Flugzeuge hätten keinen Live-Radar mehr und Flüge müssten drastisch reduziert werden. Autonom fahrende Autos würden einfach stehen bleiben und Finanztransaktionen fehlschlagen. Innerhalb von Stunden könnte infolge von Geomagnetisch induzierte Strömen reihenweise die Stromversorgung zusammenbrechen. Weil irgendwann auch der Notstrom aufgebraucht wäre, könnten monatelange Blackouts die Folge sein. Als 2003 eine extreme Hitzewelle große Teile Westeuropas traf, waren die Frühwarnsysteme rechtzeitig zur Stelle. Die fehlende Mobilisation im Gesundheitsbereich führte dennoch zu 70.000 Toten. Zugleich erwärmten sich die Flüsse und ihr Wasserstand sank. In der Folge mussten Kraftwerke gerade dann ihre Leistung drosseln, als die Nachfrage besonders hoch war. Heute wären ungleich mehr Datenzentren von einer Hitzewelle betroffen als noch vor 23 Jahren. Diese könnten mangels Kühlung überhitzen. Die Folge: Ausfälle der Mobilfunk-Infrastruktur. Geschäfte könnten schließen, weil etwa Bezahlterminals nicht mehr funktionieren. Im Gesundheitswesen könnte sich die Einsatz- und Reaktionszeiten der Rettungsdienste deutlich erhöhen, weil Systeme zu Patientendaten, Bettenverfügbarkeiten oder Einsatzrouten nicht wie gewohnt funktionieren. Die Unterwasser-Eruption des Vulkans Hunga Tonga-Hunga Ha'apai sorgte im Gebiet von Tonga 2022 zu Erdbeben, bei denen ein 80 Kilometer langes Unterseekabel zerstört wurde, welches das Land mit Strom versorgte. Tonga hatte danach für fünf Wochen keinen Strom. Ein Event dieser Größe könnte zu großflächigen Internetausfällen führen und die Logistik in wichtigen Häfen empfindlich stören. Da viele Unterseekabel von privaten Firmen unterhalten werden und nur wenige Schiffe in der Lage sind, diese zu reparieren, könnten diese wochenlang beschädigt sein. Großflächige Ausfälle durch Extremwetter-Ereignisse oder auch Sonnenstürme seien eine reale Gefahr. Dadurch, dass die digitale Welt so stark vernetzt ist, würden sich Zusammenbrüche selten auf einzelne Bereiche beschränken und stattdessen sektorenübergreifend wirken. "Tatsächlich werden bis zu 89 % der digitalen Störungen durch Naturgefahren eher durch sekundäre Folgewirkungen als durch den ursprünglichen Schaden verursacht", heißt es. Dadurch könnte die Zahl der Betroffenen bis zu zehnmal höher liegen als die der Menschen, die von dem eigentlichen Ereignis betroffen waren. Digitale Zusammenbrüche blieben oft länger unbemerkt, weil die physische Welt zunächst scheinbar unverändert sei. Dies könne die nötige Antwort auf Gefahren verzögern. Präventiv sei es daher vor allem nötig, die Wissensbasis für die Identifizierung von Risiken und mögliche Kettenreaktionen auszubauen sowie internationale Standards für analoge Rückfallebenen zu entwickeln. Frühwarnungen müssten kollektiv erkannt und auf sie reagiert werden.