Firmenpleiten in Westeuropa erreichen neue Höchststände

Datum05.05.2026 11:23

Quellewww.spiegel.de

TLDRWesteuropa verzeichnete 2025 einen Rekordanstieg der Firmenpleiten mit fast 200.000 Insolvenzen, 8,8% davon wurden in Deutschland gezählt. Experten sehen strukturelle Probleme, darunter schwacher Welthandel, geopolitische Risiken und hohe Energiepreise, die die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen. Es wird eine weitere Zunahme erwartet, wobei der Dienstleistungssektor am stärksten betroffen ist. Die Zahlen sind aufgrund unterschiedlicher nationaler Insolvenzrechte nur bedingt vergleichbar.

InhaltFast 200.000 Unternehmensinsolvenzen wurden 2025 in westeuropäischen Ländern gezählt, ein Achtel davon in Deutschland. Experten befürchten, dass sich der Trend eher verstärkt. Die Wirtschaftskrise hat für Unternehmen in Westeuropa schwerwiegende Folgen – und für viele auch existenzielle. Laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform stieg die Zahl der Firmenpleiten im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung 2002. 2025 wurden demnach gut 197.610 Insolvenzen gezählt, ein Plus in Höhe von 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es war der vierte Anstieg in Folge. "Die Krise ist nicht nur konjunkturell, sie ist strukturell. Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken setzen Europas Unternehmen zu", sagte der Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. Zugleich lähmten hohe Energiepreise und Bürokratie die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen, vor allem im Vergleich mit den USA und China. "Diese doppelte Belastung frisst sich tief in die Substanz vieler Betriebe." Für dieses Jahr wird eine weitere Zunahme der Fälle erwartet. Experte Hantzsch Das Insolvenzniveau in Westeuropa liegt Hantzsch zufolge höher als nach der Finanzkrise 2008/2009. In den vergangenen Jahren stiegen die Zahlen deutlich. Zuletzt schwächte sich die Dynamik etwas ab, die Situation bleibt den Experten zufolge aber auf hohem Niveau. Im vergangenen Jahr hat die Zahl der Firmenpleiten in den meisten westeuropäischen Ländern zugenommen. Besonders stark fiel der Zuwachs in der Schweiz aus (+35,3 Prozent). Laut Creditreform geht dies in erster Linie auf eine Gesetzesänderung zu Jahresbeginn 2025 zurück. Die Vollstreckung öffentlich-rechtlicher Forderungen sei verschärft worden, heißt es. Dadurch sinke die faktische Hürde für Konkurse. Ein überdurchschnittlich hoher Anstieg der Insolvenzen wurde 2025 auch in Griechenland (+24,4 Prozent), Finnland (+12,1 Prozent) und Deutschland (+8,8 Prozent) verzeichnet. Hierzulande wurden gut 24.000 Fälle gezählt – der höchste Stand seit 2014. In sechs Ländern wurde zuletzt hingegen ein Rückgang registriert – darunter die Niederlande, Irland und Norwegen. "Europa entwickelt sich zunehmend auseinander, und die wirtschaftliche Schwäche der zentralen Industrieländer wirkt als Belastungsfaktor für den gesamten Kontinent", sagte Hantzsch. Die Zahlen sind nach Angaben von Creditreform allerdings nur bedingt vergleichbar. Das Insolvenzrecht der Länder unterscheidet sich teils erheblich, Unternehmensaufgaben können nicht überall über formale Insolvenzverfahren abgewickelt werden. Zudem gebe es vielfach mehrere und voneinander abweichende Statistiken zum Unternehmensbestand. Die Insolvenzen entwickelten sich in den Hauptwirtschaftsbereichen zuletzt unterschiedlich dynamisch. Bei Dienstleistern (+8,7 Prozent) und im verarbeitenden Gewerbe (+3,6 Prozent) fiel der Anstieg der Fälle stärker aus als im Handel und Gastgewerbe (+3 Prozent) und im Bau (+0,1 Prozent). Die Krise beschränke sich längst nicht mehr auf die Industrie, sagte Experte Hantzsch. Eine schwache Konsumneigung und anhaltender Preisdruck träfen vor allem konsumnahe Branchen. Die meisten Firmenpleiten entfielen 2025 mit einem Anteil von gut 43 Prozent erneut auf den Dienstleistungssektor.