Datum15.10.2025 12:57
Quellewww.zeit.de
TLDRIn Marokko protestiert die junge Generation unter dem Namen GenZ212 für soziale Gerechtigkeit und bessere Lebensbedingungen. Ausgelöst durch den Tod von acht schwangeren Frauen in einem überlasteten Krankenhaus, fordern sie öffentliche Gesundheits- und Bildungseinrichtungen statt Fußballstadien. König Mohammed VI. sprach kürzlich im Parlament, erwähnte jedoch die Proteste nicht. Die Unzufriedenheit mit der Regierung und dem bestehenden „Zwei-Geschwindigkeiten-Marokko“ wächst, während viele junge Menschen sich politisch und sozial im Stich gelassen fühlen.
InhaltIn Marokko lehnt sich die junge Generation gegen den Staat auf. Sie will soziale Gerechtigkeit – "Krankenhäuser, keine Stadien". Der König hat da nicht viel anzubieten. Achteinhalb Minuten dauert die Rede des marokkanischen Königs Mohammed VI. im Parlament. Als er zu Ende gesprochen hat, verbirgt Kuromi ihre Enttäuschung nicht. "Ich war mir sicher, dass er Änderungen ankündigt. Aber nein. Er hat die Demonstrationen nicht einmal angesprochen. Er hat eigentlich überhaupt nichts gesagt!", ruft sie und seufzt. Sie hat die Rede im Livestream verfolgt, auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Casablancas Zentrum. "Das macht einfach nur Lust, sich im Bett zu verkriechen." Dann korrigiert sie sich: "Oder gleich wieder demonstrieren zu gehen." Kuromi – zu ihrem Schutz hat sie ein Pseudonym gewählt – ist 22 Jahre alt und studiert Kommunikation und Marketing an der Universität von Casablanca. Sie ist eine der jungen Marokkanerinnen und Marokkaner, die seit gut zwei Wochen überall im Königsreich auf die Straße gehen. GenZ212 nennt sich die Bewegung: Generation Z, geboren nach 1997, 212 in Anlehnung an die marokkanische Ländervorwahl. Mehr als 270.000 Mitglieder zählt ihre Gruppe auf der Gamingplattform Discord. Dort diskutieren sie anonym in Chats und Gruppencalls, teilen Memes und Videos. Und dort haben sie auch einen offenen Brief mit Forderungen an Mohammed VI. verfasst: "Wir fordern, den Graben zu schließen: zwischen dem Marokko, das in offiziellen Texten versprochen wird, und dem, das wir jeden Tag leben", heißt es darin. Von der Parlamentsrede am vergangenen Freitagabend hatten die Demonstrierenden viel erwartet. In der marokkanischen parlamentarischen Monarchie hat der König weiterhin viel Macht. Auf die letzten großen Proteste im Land, 2011 während des arabischen Frühlings, hatte Mohammed VI. mit der Ankündigung einer Verfassungsreform reagiert. Wie sonst nur ein wichtiges Fußballspiel haben deshalb viele die Rede im Livestream in Cafés, Bars, Wohnzimmern verfolgt. Auch diesmal griff Mohammed VI. die Hauptforderungen der Protestbewegung auf: die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Verbesserung der öffentlichen Bildungs- und Gesundheitsdienste. Er forderte die Minister auf, schneller zu handeln. Die Proteste erwähnte er jedoch nicht. Und er stellte sich nicht gegen die Regierung und den Premierminister, dessen Rücktritt die Bewegung fordert. Reicht das, um die Jugend zu überzeugen? Die auf Discord entstandene Protestbewegung hatte sich Ende September zunächst unbemerkt von Staat und Polizei geformt. Kuromi erzählt, wie sie die Videos aus Nepal sah, wo die Generation Z gegen Korruption und die politische Elite auf die Straße geht. Wie sie über einen Einladungslink in der Discord-Gruppe GenZ212 landete. Wie dort immer mehr Nutzer forderten: Man müsse in Marokko dasselbe tun wie in Nepal! Und wie schließlich die Wut über eine Nachricht zum Anlass wurde, über einen ersten Demonstrationstag abzustimmen: In einem staatlichen Krankenhaus in Agadir im Süden Marokkos waren acht schwangere Frauen gestorben. Es fehlte Material, das Krankenhaus war überlastet. Ihr Tod ist zum Symbol für das "Marokko der zwei Geschwindigkeiten" geworden, vor dem selbst der König in einer Rede zu seinem 26. Thronjubiläum warnte. Da ist das Marokko, das fünf Milliarden Euro für Fußballstadien vorsieht, die Ende des Jahres den Afrika-Cup und 2030 die Weltmeisterschaft beherbergen sollen. Dieses Marokko empfängt Millionen Touristen mit Flughäfen, Schnellzügen und Hotels, die westlichen Standards gerecht werden. Da ist aber auch das Marokko, in dem 47.000 Ärzte fehlen und die meisten Krankenhäuser in einem desolaten Zustand sind. Wer kann, geht in Privatkliniken. Genauso bezahlen Eltern für ihre Kinder Privatschulen, wenn es ihnen irgendwie möglich ist. Für größere und kleine Projekte kommt es immer wieder zu kurzfristigen Räumungen und Enteignungen, etwa wenn Fischerdörfer Ferienresorts weichen müssen. Ein Großteil der Opfer des Erdbebens 2023 lebt weiterhin in Zelten. Der Ökonom Najib Akesbi spricht von einem "Gefälligkeitskapitalismus", einem Klientelismus, in dem Entscheidungen nicht zum Wohl der Allgemeinheit getroffen werden, sondern um Einzelnen Vorteile zu verschaffen. Seine Logik "zermahle die Armen und Ausgegrenzten und sogar die Mittelschicht". Die junge Generation fühle sich dabei besonders im Stich gelassen, erklärt der Journalist Omar Radi von der Rückbank eines Taxis, das durch Rabats Innenstadt fährt. "Diese Generation wurde geboren, als schon kein Geld mehr in den Kassen war. Sie haben das Gefühl, dass es für sie nichts gibt, weder staatliche Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser noch Arbeit", sagt er.