Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Einmal alles, bitte! Der große Miles-Davis-Marathon in der Elphi

Datum04.05.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Elbphilharmonie veranstaltet einen 50-stündigen Miles-Davis-Marathon, um sein Werk auf Vinyl zu ehren. Ein Kleinflugzeug verursachte eine Lande- und Startunterbrechung am Hamburger Flughafen. Eine Forsa-Umfrage zeigt eine negative Bewertung des sozialen Miteinanders in Norddeutschland. Hamburg verzeichnete 100 Drogentote im Jahr 2025. Der Justizsenatorin setzt sich für eine verlängerte Verfolgbarkeit von Sexualstraftaten ein. Der Hamburger Kultursenator kritisiert die Ablehnung von Bundesfördermitteln für eine linke Buchhandlung.

InhaltDie Elbvertiefung am Montag – Mit politischer Unterstützung für eine linke Buchhandlung, Änderungen für Mieterinnen und Mieter und einer Bruchlandung am Flughafen am Freitag hat in Hamburg die Freiluftsaison begonnen: Nachbarn schleppten Gasgrills auf den Balkon, überall wurden Sonnenschirme aufgeklappt, und am Elbstrand war die Hölle los. Doch ich zog es vor, den Tag drinnen zu verbringen. Denn in der Elbphilharmonie startete der Miles-100-Marathon. Anders als beim Hamburg-Marathon läuft hier niemand nach 2:04:24 Stunden ins Ziel. Es handelt sich um einen Marathon im Sitzen, der mehr als 50 Stunden dauert, verteilt auf sechs Tage: Es ist der Versuch, zum 100. Geburtstag der Jazz-Legende Miles Davis 64 seiner Platten hintereinander durchzuhören. "Ich bin ein riesen Miles-Davis-Fan!", sagt Christoph Lieben-Seutter, der Intendant der Elbphilharmonie. Doch Davis stellt das Konzerthaus vor ein Dilemma. Klassische Komponisten wie Bach, Mozart und Beethoven hinterließen ihre Werke in Schriftform. Unter den Lebenden findet sich niemand, der die Meister noch selbst musizieren hörte. Es gibt also keinen Originalklang ihrer Musik, bloß unterschiedliche Interpretationen von Nachgeborenen. Bei Miles Davis ist es anders: Er hat uns seinen Sound auf Schallplatten hinterlassen. Mit der Folge, dass Neuinterpretationen im schlechtesten Fall wie ein Abklatsch oder falsch klingen. Daher der Miles-100-Marathon, der in den leer stehenden Räumen des Störtebeker-Restaurants stattfindet. Gespielt wird Vinyl, überwiegend Originalpressungen, auf einer Klangfilm Bionor KL-L433 Lautsprecherkombination, die ursprünglich in Kinos eingesetzt wurde. Betrieben wird diese Anlage vom Team der Riaa-Bar in Altona. Es gibt auch eine Auswahl an Drinks aus der Bar Pacific im Schanzenviertel. Musik kann einen Raum verändern, das war am Freitag zu erleben: Am Nachmittag, als sich die Nadel erstmals in die Rille senkte, lauschten ein paar Dutzend Audiophile mit großem Ernst Birth of the Cool. Wenn jemand tuschelte, kam sofort die Ermahnung des Sitznachbarn: "Muss das sein?" Abends, als zu Walkin’ draußen die Hafenlichter glitzerten, drängten sich zahllose Menschen um die Bar, doch die Trompete von Miles Davis schnitt sich mühelos durch das aufgekratzte Geschnatter dieser Sommernacht. Nachts um kurz vor 1 Uhr hatte sich der Raum geleert. Ich hing zusammen mit einigen Versprengten in den Seilen, während als Zugabe Miles Davis’ hinreißender Soundtrack zu Fahrstuhl zum Schafott lief. Man braucht also Durchhaltevermögen für diesen Marathon – aber dafür kann man auch hier so etwas wie ein Runner’s High erleben. Heute, morgen und übermorgen läuft der Miles-100-Marathon noch jeweils von 17 Uhr bis kurz vor Mitternacht. Der Eintritt ist frei, aber Sie benötigen ein Plaza-Ticket, um in die Elbphilharmonie zu gelangen. Kommen Sie gut in die Woche! Ihr Oskar Piegsa Am Flughafen konnten gestern Nachmittag für etwa zweieinhalb Stunden keine Flugzeuge starten und landen. Grund war ein Kleinflugzeug, das beim Aufsetzen zu Schaden gekommen war. Es musste geborgen und die Bahn von Trümmerteilen befreit werden. Die zwei Passagiere sollen unverletzt geblieben sein. 71 Prozent der Menschen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen bewerten das soziale Miteinander als schlecht. Das zeigt eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit. Befragte beklagten etwa zunehmende Respektlosigkeit und Aggressivität. In Hamburg sind 2025 100 Menschen an Drogen gestorben: 84 Männer, 16 Frauen. Das Durchschnittsalter lag bei 40,5 Jahren. Ein Opfer war unter 16, fünf waren über 60. Die Zahl war ähnlich hoch wie 2024, als 102 Menschen in der Stadt durch den Konsum von Kokain, Heroin, Ersatzdrogen wie Methadon oder anderen Rauschgiften starben. Ein Siebenjähriger ist am Samstag auf dem Steindamm verschwunden und eine groß angelegte Suchaktion gestartet worden. Vier Stunden später tauchte der Junge wohlbehalten wieder auf, er war laut Medienberichten allein 60 Kilometer mit der Bahn nach Hause gefahren. Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne) setzt sich für eine längere Verfolgbarkeit von schweren Sexualstraftaten ein. Sie will den Paragrafen 177 im Strafgesetzbuch ändern, der die Bestrafung bei sexuellen Übergriffen, sexueller Nötigung und Vergewaltigung regelt. Erneut wurde einer linken Buchhandlung die Kulturförderung des Bundes verwehrt. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda findet das falsch – und ging demonstrativ einkaufen. ZEIT-Autor Christoph Twickel hat ihn zu seinem Besuch interviewt. Lesen Sie hier einen Ausschnitt. DIE ZEIT: Herr Brosda, nachdem bekannt wurde, dass die Buchhandlung im Schanzenviertel keine Kulturförderung mehr aus Bundesmitteln bekommen soll, haben Sie diese Buchhandlung besucht. Warum? Carsten Brosda: Ich war – höflich formuliert – verdutzt darüber, dass das Bundesinnenministerium jetzt mitteilt, wer künftig noch in der Kultur förderfähig ist und wer nicht. Ich wollte dann mal deutlich machen, dass Buchhandlungen geistige Tankstellen sind, und dass es dem einen oder anderen, der gerade Angst vor Buchhandlungen hat, auch guttun würde, sich mal dort auftanken zu lassen. Außerdem brauchte ich ohnehin noch Bücher fürs Wochenende … ZEIT: Ach ja, was haben Sie gekauft? Brosda: Gelb, auch ein schöner Gedanke von Nefeli Kavouras und Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken von Sarah Lorenz, sie ist auch eine ehemalige Mitarbeiterin der Buchhandlung im Schanzenviertel. ZEIT: Die Buchhandlung bekennt sich dazu, Teil der linken Szene zu sein. Das finden Sie aber unproblematisch? Brosda: Ganz platt gesagt: Alles, was nicht verboten ist, ist erst mal erlaubt. Wir leben in einer offenen Gesellschaft und zu der gehört auch, dass Buchhändler oft auch noch etwas anderes machen als Bücher verkaufen. Ich habe keine Angst vor linken Gedanken. Das mag anderen anders gehen. Ich suche auch nach Büchern, die mich aufregen, nicht nur nach solchen, die mir recht geben. Weil es mich schlauer macht – entweder ich lerne etwas, oder ich schärfe meine eigenen Argumente. Ob Carsten Brosda auch in einer rechten Buchhandlung shoppen gehen würde und was er zu den Ansichten von Wolfram Weimer (CDU), dem Kulturbeauftragten der Bundesregierung, sagt, lesen Sie in der ungekürzten Fassung. → Zum Interview (Z+) Die Reform des Mietrechts soll Mieter besser schützen. Wem die neuen Regeln für Preisdeckel, Schonfristen und Indexmieten helfen (und wem nicht), hat ZEIT-Redakteurin Celine Schäfer recherchiert. → Zum Artikel Die Fotografen Muhlis Kenter, Nuri Musluoğlu, Asimina Paradissa und Mehmet Ünal kamen in den 1960er- und 1970er-Jahren nach Deutschland, und sie dokumentieren den Alltag von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte aus migrantischer Perspektive. In der Ausstellung "Früher hießen wir Gastarbeiter" werden rund 80 ihrer Fotos und Collagen gezeigt. "Früher hießen wir Gastarbeiter", bis 17. Mai 26, Di. bis So. 10–18 Uhr, Do. bis 21 Uhr; Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz Neulich stand ich bei strahlendem Sonnenschein an einer Bushaltestelle in der Nähe eines Eiskiosks. Da bog ein achtköpfiger Bauarbeiter:innen-Trupp um die Ecke und steuerte auf den Kiosk zu. Sagt einer zum anderen: "Der Chef fliegt auf die Malediven, und wir gönnen uns jetzt erst mal ein Eis!" Gehört von Sonja Brinschwitz Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.