Datum04.05.2026 05:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDas LKA Rheinland-Pfalz entwickelt gemeinsam mit Binary Impact das Spiel "Forensics: Crime Scene Detective". Spieler agieren als Kriminaltechniker, analysieren Beweise wie DNA und Fingerabdrücke nach realitätsnahen Fällen. Ziel ist es, Polizeiarbeit und die Komplexität forensischer Untersuchungen greifbar zu machen. Dennoch werden Aspekte wie Dokumentation und Zeitaufwand stark vereinfacht. Das Spiel dient der Aufklärung und Kommunikation, nicht der Rekrutierung.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Spielen am Tatort“. Lesen Sie jetzt „LKA und Gaming-Firma bringen Tatorte ins Wohnzimmer“. Der Tatort ist noch frisch, doch das Blaulicht ist erloschen. An dieser Stelle beginnt die Arbeit der Kriminaltechniker. Nicht nur in echten Kriminalfällen, sondern bald auch in einem neuen Videospiel, das die Westerwälder Firma Binary Impact gemeinsam mit dem Landeskriminalamt (LKA) in Rheinland-Pfalz entwickelt. Die Idee für "Forensics: Crime Scene Detective" entstand während einer früheren Zusammenarbeit mit dem LKA, wie der Geschäftsführer von Binary Impact, Jens Wiechering, sagt. Bei einer "Feierabend-Pizza" kam die Idee für das Forensik-Spiel auf – in diesem Sommer soll es erscheinen. Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rolle von Kriminaltechnikern und versuchen, Fälle an verschiedenen Tatorten zu lösen. "Im Spiel sammelt man Beweise, analysiert sie und reicht die Ergebnisse ein", sagt Wiechering. Je nach Fall bekomme man Rückmeldungen oder neue Hinweise, zum Beispiel zusätzliche Proben oder neue Aufträge. "Es ist auf jeden Fall Teamarbeit", betont er. Grundlage der Fälle sind Erfahrungsberichte von LKA-Mitarbeitern. "Es sind keine echten Fälle, aber sie sind so gestaltet, dass sie realistisch sind und so passieren könnten – basierend auf dem, was Beamte aus ihrer Praxis kennen", erklärt Wiechering. Die Arbeit des LKA solle glaubwürdig abgebildet werden. In Vorbereitung darauf durfte das Team von Binary Impact die Arbeit des LKA aus nächster Nähe kennenlernen – nicht an einem echten Tatort, aber in Workshops. "Wir konnten zum Beispiel Fingerabdrücke nehmen oder DNA-Spuren sichern", sagt Wiechering. Von den zahlreichen forensischen Methoden haben es vier ins Spiel geschafft: Fingerabdrücke, DNA, digitale Forensik und Ballistik. Bei digitaler Forensik geht es etwa um das Auslesen von Speicherkarten, die Ballistik rekonstruiert unter anderem Schussbahnen. Dass das längst nicht alles im Werkzeugkoffer der Kriminaltechniker ist, auch Forensiker genannt, weiß die Leiterin des Kriminaltechnischen Instituts des LKA nur zu gut. "Kriminaltechnik ist sehr komplex. Das Spiel bildet nur einen Bruchteil dessen ab, was tatsächlich möglich ist", sagt Sandra Merten. Was das Spiel ihrer Ansicht nach jedoch gut einfängt, ist die Zusammenarbeit verschiedener Bereiche. Eine unscheinbare Flasche etwa könne Fingerabdrücke, DNA-Spuren und Inhaltsanalysen liefern. "Solche Objekte werden nicht von einer Person bearbeitet, sondern von mehreren Fachbereichen", sagt Merten. "Es gibt nicht den einen Allrounder, Teamarbeit ist extrem wichtig." Ein Aspekt kommt im Spiel aus ihrer Sicht jedoch zu kurz: die Dokumentation. "Dabei ist sie das A und O. Es muss jederzeit nachvollziehbar sein, wo welche Spur gesichert wurde, da dies vor Gericht eine entscheidende Rolle spielt", sagt Merten. Im Spiel ist dies auf die Fotodokumentation begrenzt, sagt Wiechering. Beweise müssen demnach korrekt fotografiert werden, sonst gibt es Punktabzug. Merten sieht noch einen anderen entscheidenden Unterschied: die Zeit. Die Fälle im Spiel sind laut Wiechering im Sinne von Spiel, Spaß und Spannung für etwa 30 bis 60 Minuten angelegt. Auch in Krimi-Serien wie "Tatort" werden Ergebnisse in kürzester Zeit geliefert, wie Merten anmerkt. "Das entspricht in keiner Weise der Realität und führt teilweise zu falschen Erwartungen, auch innerhalb der Polizei, wenn Laborergebnisse länger dauern", sagt sie. In Wirklichkeit könne die Arbeit an einem Tatort "Tage, Wochen oder sogar Monate dauern". Eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit deckt sich Merten zufolge auch mit dem Spiel: "Wir selbst arbeiten neutral und sichern sowohl belastende als auch entlastende Beweise." Generell bräuchten Forensiker wichtige Eigenschaften wie Teamfähigkeit, Frustrationstoleranz und Hartnäckigkeit. Was hat das LKA von der Kooperation? Robin Kleinwächter, Leiter des Bereichs "Digitale Ermittlungen und Innovation", sagt: "Mit dem Spiel wollen wir Polizeiarbeit greifbar machen – vor allem, warum Ermittlungen Zeit brauchen und wie wichtig kriminaltechnische Arbeit ist." Gerade diese Aspekte würden in der Öffentlichkeit oft unterschätzt. Doch bei der Authentizität gibt es auch Grenzen: "Bestimmtes einsatztaktisches oder spezialisiertes Wissen können wir nicht vollständig offenlegen." Zugleich erreiche das Spiel Menschen, "die wir sonst schwer ansprechen", sagt Kleinwächter. Wiechering betont jedoch, dass es sich bei dem Spiel nicht um ein Recruiting-Tool handelt. "Es hat Lernaspekte, aber es steht für sich als Unterhaltungsprodukt", sagt Wiechering. Dass die Polizei überhaupt im Gaming-Bereich aktiv wird, ist kein Zufall. "Der Gaming-Bereich ist aus polizeilicher Sicht sehr relevant", sagt Kleinwächter – mit Blick auf Chancen wie Bildung und Kommunikation, aber auch auf Risiken wie Cyber-Grooming oder Radikalisierung. Die Auseinandersetzung mit Games sei "ein erster Schritt" – und werde nicht der letzte bleiben. © dpa-infocom, dpa:260504-930-29398/1