Wiederaufforstung: Ein Wald für die Zukunft – aber welcher?

Datum04.05.2026 04:00

Quellewww.zeit.de

TLDRHessenforst hat seit 2018 rund 10.000 Hektar Wald aktiv wieder aufgeforstet, weitere 20.000 Hektar verjüngen sich natürlich. Trotz Fortschritten bleiben 20% der geschädigten Flächen unzureichend bewaldet. Die Neupflanzungen mit dürretoleranten Arten wie Eiche und Douglasie sind jedoch umstritten. Der Nabu kritisiert den Einsatz nicht-heimischer Arten und fordert mehr Raum für natürliche Verjüngung zur Förderung resilienter Mischwälder.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Wiederaufforstung“. Lesen Sie jetzt „Ein Wald für die Zukunft – aber welcher?“. Die kahlen Flächen sind noch da. Wer durch Hessens Wälder geht, sieht sie immer wieder: Schneisen, Lichtungen, Orte, an denen der Wald fehlt oder nicht so aussieht, wie er sollte. Und doch wächst hier längst etwas Neues. Leise, langsam – und mit ungewissem Ausgang. Seit dem Extremjahr 2018 mit Hitze und anhaltender Trockenheit sind in Hessen rund 10.000 Hektar Wald aktiv wieder aufgeforstet worden - eine Fläche etwa so groß wie die Stadt Fulda. Mehr als doppelt so viel Fläche, gut 20.000 Hektar, hat sich der Wald selbst zurückgeholt, wie der Landesbetrieb Hessenforst berichtet. Naturverjüngung nennen das die Fachleute.  Eine stille Erfolgsgeschichte – aber keine vollständige. Denn auf etwa 20 Prozent der ursprünglichen Schadflächen bleibt die Wiederbewaldung laut Hessenforst bislang unzureichend.  Die Lücken sollen geschlossen werden. Mit jährlich rund 1.000 Hektar zusätzlicher Pflanzung und – so die Hoffnung – weiterem natürlichem Nachwuchs. "Wir holen auf und hoffen, wenn keine weiteren Schäden eintreten, dass wir in den nächsten vier bis fünf Jahren mit der vollständigen Wiederbewaldung der ursprünglichen Kalamitätsfläche fertig sein können", sagt Sprecher Moritz Frey. Damit meinen die Forstleute große Waldschadensflächen beispielsweise durch Trockenheit, Stürme oder Schädlingsbefall. Eine Mammutaufgabe - auch, weil die jungen Bäume besonders verletzlich sind. "Frisch gepflanzte Bäume reagieren empfindlich auf längere Trockenperioden. Sie sind auf Wasser angewiesen, um erfolgreich am Pflanzort anzuwachsen", erläutert Frey. Ihre Wurzeln reichen noch nicht tief, sie sind abhängig vom Regen, vom feuchten Oberboden. Bleibt der aus, wird es kritisch. Selbst unter guten Bedingungen verläuft Wiederbewaldung nicht ohne Verluste. "Bei Kulturmaßnahmen gehen wir je nach Witterungsverlauf und Empfindlichkeit der Baumart von durchschnittlich etwa 10 bis 30 Prozent Ausfällen aus", sagt er. Die Lücken werden nachgepflanzt – oft im Herbst des gleichen Jahres oder im folgenden Frühjahr. Auch bei der Naturverjüngung gebe es witterungsbedingte Ausfälle. Über deren Ausmaß seien Hessenforst aber keine belastbaren Zahlen bekannt, es dürfte aber geringer sein als bei Kulturpflanzen. Und dann sind da noch die alten Gegner: Pilze, Insekten, Krankheiten. Sie machen auch vor jungen Wäldern nicht halt. "Die wichtigste Strategie an dieser Stelle ist es, Mischbestände mit möglichst vielen standortgerechten Baumarten zu begründen", erklärt der Sprecher von Hessenforst. Mögliche Schäden, die einzelne Baumarten dann betreffen können, seien so am besten zu kompensieren. In der kürzlich beendeten Pflanzsaison 2025/26 wurden nach Angaben von Hessenforst besonders häufig Eichen und Douglasien gesetzt. Beide Arten zeichnen sich durch eine hohe Trockenheitstoleranz aus und liefern zugleich wertvolles Holz für Möbel, den Hausbau und andere hochwertige Anwendungen. Der Naturschutzbund Hessen sieht die Strategie von Hessenforst kritisch – vor allem mit Blick auf die Auswahl der Baumarten. Bei der Wiederaufforstung werde "zu stark auf nicht heimische Baumarten wie Douglasie und Roteiche gesetzt", sagt Nabu-Experte Mark Harthun. Dahinter stehe vor allem wirtschaftliches Kalkül. Entscheidend sei nicht nur der Ertrag, sondern die Stabilität des gesamten Ökosystems. Auch den Begriff "Mischwald" hinterfragt der Nabu. In der Praxis dominierten häufig einzelne Arten: "Bei manchen Pflanzungen werden bis zu 80 Prozent Roteiche oder 70 Prozent Douglasie gepflanzt und nur wenig andere Baumarten beigemischt", kritisiert Harthun. Stattdessen müsse das Verhältnis umgekehrt sein. Und es seien durchaus Alternativen zu Roteiche, Douglasie und Co. vorhanden. "Es gibt eine ganze Reihe heimischer Baumarten, die auch mit dem Klimawandel klarkommen." Das Tempo der Aufforstungen ist nach Ansicht des Nabu eher zu hoch. "Aus Naturschutzsicht sollte die von selbst kommende Naturverjüngung mehr Zeit bekommen und nur dort gepflanzt werden, wo keine Naturverjüngung aufkommt", fordert Harthun. "Das verzögert zwar die neue Waldentwicklung, dafür sind die selbst gekeimten Bäume aber besser angepasst und viel weniger trockenheitsanfällig als Baumschulpflanzen, die weniger und kürzere Wurzeln haben." Für Hessenforst ist der Weg dennoch klar: Der Wald der Zukunft soll ein anderer sein als der Wald der Vergangenheit – vielfältiger, robuster, klimaangepasst. Gleichzeitig bleibt der Umbau eine Daueraufgabe. In Zukunft gehe es neben der Wiederaufforstung parallel auch um den Umbau noch intakter, aber künftig nicht mehr standortgerechter Wälder, betont Frey. "Dies wird uns über Jahrzehnte beschäftigen." © dpa-infocom, dpa:260504-930-29313/1