Datum19.11.2025 13:49
Quellewww.spiegel.de
TLDRLars Klingbeil (SPD) fordert mehr Sensibilität und Emotionen in der Politik und sieht dies als notwendig für bessere Kompromisse. Während Kanzler Merz (CDU) ihn als "sensibel" bezeichnete, unterstützt Klingbeil diesen Ansatz und betont, dass Politiker menschlich sein dürfen. Er spricht von einem positiven Verhältnis zu Merz, der ebenfalls emotionale Momente öffentlich zeigt, etwa bei der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Beide sehen die Wichtigkeit emotionaler Ansätze zur Bekämpfung von aktuellen Herausforderungen wie Antisemitismus.
InhaltKanzler Merz nennt seinen Stellvertreter Klingbeil unter Unionsleuten "sensibel". Doch der SPD-Mann will das nicht als Kritik verstanden wissen, sondern appelliert nun an mehr Emotionalität unter Politikern. Studien zeigen, dass Kompromisse klüger gestaltet sind, wenn mehr Frauen mitgesprochen haben. Die Bundesregierung trat zuletzt hingegen zunehmend patriarchaler auf, viele Frauen fühlen sich von der Politik von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vertreten. Sein Vizekanzler scheint sie abholen zu wollen: Denn Lars Klingbeil (SPD) wünscht sich mehr sensible Männer in der Politik. Angesprochen auf Medienberichte, denen zufolge ihn Kanzler Merz vor der Unionsfraktion als "sensibel" bezeichnet hatte, sagte Klingbeil der "Bunten": "Er wollte damit seinen Parteifreunden sagen, dass dauerhafter Streit niemandem guttut. Natürlich wird das dann gleich ins Lächerliche gezogen, aber wir beide wissen, wie es gemeint war." Klingbeil ergänzte: "Ich wünsche mir im Übrigen mehr sensible Männer in der Politik, die mitfühlen und verstehen. Breitbeinig und bollerig, das ist von gestern." Er schäme sich auch nicht dafür, dass ihm bei einem Besuch in der Ukraine Tränen in die Augen geschossen seien. "Politiker dürfen zeigen, dass sie sensibel sind und keine emotionslosen Maschinen", sagte Klingbeil. "Das ist doch menschlich." Das Verhältnis mit Merz bewertete Klingbeil gegenüber der "Bunten" als positiv: "Ich arbeite sehr gerne und vertrauensvoll mit dem Kanzler zusammen. Wir telefonieren fast jeden Tag und stimmen uns eng ab. Ich schätze ihn." Vielleicht schätzen sich Kanzler und Vizekanzler, weil auch Merz – trotz oft rüffeliger Auftritte – schon öffentlich weinen konnte. Bei der Wiedereröffnung der Synagoge Reichenbachstraße in München im September kämpfte Merz mit den Tränen, seine Stimme wurde brüchig, als er in seiner Rede an die unmenschlichen Verbrechen der Nationalsozialisten an Juden erinnerte. Er sei entsetzt darüber, dass Antisemitismus in Deutschland wieder aufgeflammt sei. Die ungeahnte Emotionalität wurde von vielen positiv aufgenommen.