Gaza: Ratten und Parasiten breiten sich in Zeltlagern aus

Datum02.05.2026 16:00

Quellewww.spiegel.de

TLDRIm Gazastreifen breiten sich Ratten und Parasiten aufgrund katastrophaler Lebensbedingungen in Zeltlagern aus. Hunderttausende Vertriebene leben in überfüllten Unterkünften mit mangelnder Hygiene und zerstörtem Umfeld, was ideale Brutstätten schafft. Berichte über Tierbisse, Hautinfektionen wie Krätze und die Ausbreitung von Läusen und Bettwanzen nehmen zu. Israelische Einfuhrbeschränkungen für Hygieneartikel und Schädlingsbekämpfungsmittel verschärfen die Krise.

InhaltHunderttausende Menschen leben im Gazastreifen unter katastrophalen Bedingungen in Zeltunterkünften. Nun häufen sich Berichte über eine Rattenplage. Anwohner erzählen, dass Kinder im Schlaf von den Tieren gebissen werden. Sie kommen nachts, so erzählt es Khalil Al-Mashharawi. Der 29-Jährige berichtet der Nachrichtenagentur Reuters von einer sich ausbreitenden Rattenplage im Gazastreifen. "Sie attackieren uns, wenn wir schlafen", sagt er. Der Mann lebt dem Bericht zufolge gemeinsam mit seiner Familie in den Ruinen ihres im Krieg zerstörten Hauses im Norden des Küstenstreifens. Dort, so sagt er, habe vor einigen Wochen eine Ratte seinen drei Jahren alten Sohn in die Hand und die Zehen gebissen. Er selbst sei kürzlich ebenfalls von einem Tier attackiert worden. Nun würden seine Frau und er in Schichten schlafen, um ihre Kinder und einander vor den Nagetieren zu schützen. Berichte wie dieser häuften sich zuletzt aus dem Gazastreifen. Die ohnehin katastrophale humanitäre Lage wird durch die Verbreitung von Nagetieren und Parasiten weiter verschärft. Das geht auch aus einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO hervor. In mehr als 80 Prozent der Zeltstädte und Notunterkünfte gebe es Hautinfektionen und Hautausschläge, darunter Krätze sowie Läuse und Bettwanzen, sagte Reinhilde Van de Weerdt kürzlich. Laut der lokalen WHO-Vertreterin habe es allein in diesem Jahr im Gazastreifen bislang rund 17.000 Fälle von Infektionen durch Nagetiere und Ektoparasiten gegeben. "Zerstörte Gebäude und Berge von angesammeltem Müll haben ideale Brutstätten für Nagetiere und Schädlinge geschaffen", sagte sie. "Dies ist nur die bedauerliche, aber vorhersehbare Konsequenz, wenn Menschen in einem völlig zerstörten Umfeld leben", so Van de Weerdt. Im vergangenen Oktober hatten sich Israel und die islamistische Hamas auf eine Waffenruhe geeinigt. Das Leiden der Palästinenser im Gazastreifen geht jedoch weiter. Schätzungen gehen davon aus, dass es in dem eng besiedelten Küstenstreifen etwa zwei Millionen Binnenflüchtlinge gibt. Ein Großteil der Vertriebenen lebt in notdürftigen Zeltstädten und provisorischen Unterkünften. Diese Zeltstädte sind extrem überfüllt und bieten kaum Schutz vor Kälte, Regen und den Kampfhandlungen. Zudem mangelt es an sauberem Trinkwasser. Verschärft wird die Lage zusätzlich durch von Israel verhängte Einfuhrbeschränkungen für Seife, Waschpulver und andere Hygieneartikel nach Gaza. Schätzungen gehen zudem davon aus, dass im Gazastreifen fast 70 Millionen Tonnen Schutt liegen. Für Nagetiere bietet das ideale Bedingungen. In einem Bericht  der Uno hieß es kürzlich: "Der Mangel an Chemikalien für die Schädlings- und Rattenbekämpfung stellt nach wie vor ein entscheidendes Hindernis bei der Bewältigung des Problems dar." Auch fehle es an Mitteln für die Abfall- und Abwasserversorgung. Ein Großteil der Infrastruktur wurde durch israelische Angriffe im Krieg zerstört. Die Uno warnt vor einem wachsenden Risiko für die öffentliche Gesundheit. Mohamed Abu Selmia, Leiter des größten Krankenhauses in Gaza, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er erwarte eine Verschärfung des Problems, wenn der Sommer näher rücke. Israel beschränke die Einfuhr von Materialien zur Schädlingsbekämpfung wie Rattengift. Jerusalem verhängt Einfuhrsperren für Waren, die laut israelischer Einschätzung sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können. "Jeden Tag registrieren Krankenhäuser Fälle von Patienten, die wegen Vorfällen im Zusammenhang mit Nagetieren aufgenommen werden, besonders unter Kindern, älteren Menschen und Kranken", sagte Abu Selmia vom Schifa-Krankenhaus. Zugleich sei die Angst vor der Ausbreitung gefährlicher Krankheiten groß.