Reduzierung der US-Truppenstärke in Deutschland: Trump rächt sich

Datum02.05.2026 03:57

Quellewww.zeit.de

TLDRFriedrich Merz kritisierte die US-Iran-Strategie und beklagte Demütigungen. Daraufhin kündigte Donald Trump Zölle auf EU-Autos und den Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an. Dies wird als Rache für Merz' Kritik und mangelnde Unterstützung der EU im Iran-Konflikt interpretiert. Der Abzug, obwohl nicht Teil einer strategischen Neuausrichtung nach Asien, wird als Schlag gegen die NATO gesehen und wirft Fragen zur Zuverlässigkeit der US-Verbündeten auf.

InhaltFriedrich Merz hatte die Planlosigkeit der US-Regierung im Iran beklagt. Jetzt kommt die Quittung: Erst kündigt Donald Trump neue Zölle an. Dann den Abzug von US-Truppen. Ein Auftritt des Bundeskanzlers vor Schülern am Carolus-Magnus-Gymnasium im sauerländischen Marsberg – was kann schon schiefgehen? Vier Tage hat es gedauert, und nun kennen wir die Antwort: eine Menge. Er glaube nicht an ein schnelles Ende des Krieges im Iran, hatte Friedrich Merz am Montag in der Aula in Marsberg gesagt, "weil die Iraner offensichtlich stärker sind als gedacht und die Amerikaner offensichtlich auch in den Verhandlungen keine wirklich überzeugende Strategie haben." Eine ganze Nation werde deshalb nun durch die iranischen Revolutionsgarden "gedemütigt". Damit meinte er die USA. Demütigung, das ist so ein Wort, mit dem schon mittelgroße Egos ihre Probleme haben dürften. Aber Donald Trump? Auch hier herrscht jetzt Klarheit: Am Freitagmorgen kündigte Trump zuerst die Erhöhung von US-Zöllen auf Autos und Lkws aus der EU an – um 25 Prozent ab kommender Woche. Noch am selben Abend erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, das US-Militär werde in den kommenden zwölf Monaten 5.000 Soldaten aus Deutschland abziehen. Die zweitgrößte US-Militärpräsenz außerhalb der Vereinigten Staaten wird von gut 36.000 Einheiten um etwa 15 Prozent reduziert. Welche Standorte und Einheiten betroffen sind, teilte das Verteidigungsministerium nicht mit. Die Botschaft ist trotzdem klar: So lässt Trump nicht mit sich reden. Er rächt sich: An der EU, dafür, dass sie ihm im Irankrieg nicht zur Hilfe geeilt ist. Und an Deutschland, weil der Bundeskanzler es gewagt hat, ihn auf offener Aula-Bühne zu kritisieren. Seit Barack Obama vor fast 15 Jahren den "Pivot to Asia" (Schwenk nach Asien) verkündete, rechnet die Bundesregierung im Stillen damit, dass die USA früher oder später ihre Truppenkontingente in Europa reduzieren wird, um sich der Rivalität mit China im Pazifik zuzuwenden. Nur kam es dazu nie. Dass der Abzug in dieser Woche verkündet wird, fügt sich in keine größere Truppen-Verlagerung nach Ost-Asien, das US-Militär ist derzeit im Nahen Osten gebunden. Entsprechend eindeutig ist das Signal an Merz. Und entsprechend groß die Sorge, dass Merz (durch seine Unbedachtheit) und Trump (durch seine Rachelust) der NATO hier gerade den nächsten schweren Schlag beibringen. Denn selbst wenn die 5.000 Soldaten verzichtbar sein sollten, vertieft der offen ausgetragene Streit doch mindestens bestehende Zweifel: Wer so miteinander umgeht, steht der im Ernstfall auch füreinander ein? Begonnen hatte das Rache-Manöver des Präsidenten mit einem Post im Netz. Merz wisse nicht, worüber er rede, schrieb Trump am Mittwoch auf Truth Social, "kein Wunder, dass es Deutschland so schlecht geht, ökonomisch und auch sonst." Dabei hatten nur wenige Stunden zuvor der deutsche Generalinspekteur Carsten Breuer und ein hoher Beamter aus Boris Pistorius‘ Verteidigungsministerium im Pentagon in Washington D.C. vorgesprochen, dort die neue deutsche Militärstrategie vorgestellt und den Amerikanern die Entsendung eines Minenräum-Schiffs zur Unterstützung in der Straße von Hormus in Aussicht gestellt. Mit leisem Stolz hatte Breuer im Anschluss vor amerikanischen und deutschen Journalisten über die Gespräche berichtet, der wichtige US-Verteidigungsbeamte Elbridge Colby hatte das Engagement Deutschlands öffentlich gelobt. Ein zartes Pflänzchen Hoffnung – darauf, dass sich das deutsch-amerikanische Verhältnis unter Trump, wenn auch nicht zum Guten, dann vielleicht immerhin zum Nicht-Noch-Schlechteren wenden würde. Ist all das mit Trumps Ankündigung vom Freitag nun passé? Wer in dieser Woche das Zusammentreffen der deutschen und amerikanischen Militär-Planer in Washington aus der Nähe beobachtete, konnte den Eindruck bekommen, dass die amerikanische Verwaltungsebene Trumps Drohungen gegen die NATO zumindest ein stückweit ignoriert: Es laufen Gespräche über neue gemeinsame Rüstungsprojekte, die US-Seite lobt die gewaltigen deutschen Militär-Investitionen als erfreuliches Signal. Mitte der Woche noch hätte man die These aufstellen können, dass Trump Blitze wirft, während seine Beamten im Hinterzimmer versuchen, dem deutsch-amerikanischen Verhältnis Sauerstoff zuzufächeln. Aber jetzt? Wie groß die materiellen Folgen des Abzugs sind, ist noch nicht klar. Er rechne nicht mit der Schließung ganzer Standorte, hatte der deutsche Außenminister Johann Wadephul in dieser Woche noch vor der Ankündigung des Abzugs erklärt. Tatsächlich ist davon auch bislang auf US-Seite keine Rede. Denn während die Bundesregierung am politischen Signal einer starken US-Präsenz und dem Erhalt der an den Stützpunkten hängenden lokalen Wirtschaft interessiert ist, können auch die Amerikaner kurzfristig nicht ohne ihre Basen auf deutschem Staatsgebiet: Aktuell baut das US-Militär im rheinland-pfälzischen Weilerbach für 1,59 Milliarden Euro ihre größte Armeeklinik außerhalb des eigenen Landes, noch immer befinden sich die Einsatzzentralen des Europa- und des Afrika-Kommandos in Stuttgart. So erklärte auch die US-Militärexpertin Kori Schake kürzlich gegenüber der ZEIT mit Blick auf Trumps öffentlich geäußerte Zweifel an der NATO: "Alles, was die USA in der Welt tun, wird ohne unsere Verbündeten schwieriger und teurer." Dass sie damit Recht haben könnte, zeigt ein Blick auf einen der im Internet verfügbaren Flug-Scanner am Tag von Trumps Ankündigung: Ein steter Strom amerikanischer Militärflugzeuge ist auf dem Weg in den Nahen Osten, möglicherweise stehen neue Luftangriffe auf den Iran bevor. Die Flugzeuge starten nicht in den USA: Sondern von Luftwaffen-Stützpunkten im Vereinigten Königreich und Deutschland, und machen sich von dort auf in Richtung Südosten. Ganz allein geht es offenbar auch nicht.