Lieferstopp von kasachischem Öl: Was bedeutet der Druschba-Öl-Lieferstopp für Deutschland?

Datum01.05.2026 19:09

Quellewww.zeit.de

TLDRRussland stoppt ab Mai kasachische Öllieferungen über die Druschba-Pipeline nach Deutschland und begründet dies mit technischen Problemen. Dies betrifft insbesondere die Raffinerie PCK in Schwedt, die für die Versorgung Ostdeutschlands entscheidend ist. Brandenburg versucht, die Versorgung durch alternative Routen wie den Hafen Danzig und durch Umleitung von kasachischem Öl über russische Seehäfen sicherzustellen. Kurzfristig werden keine Preissteigerungen erwartet, langfristig sind diese jedoch nicht auszuschließen. Die genauen Gründe für den Stopp sind unklar.

InhaltRussland stoppt die Öllieferung durch die Druschba-Pipeline von Kasachstan nach Deutschland. Welche Auswirkungen hat das? Und wird Sprit in Berlin bald richtig teuer? Russland will ab dem 1. Mai kein kasachisches Öl mehr über die Pipeline Druschba nach Deutschland durchlassen. Die Regierung in Moskau beruft sich dabei auf technische Schwierigkeiten. Warum kann Russland die Lieferung überhaupt stoppen, und wieso ist die Pipeline so wichtig? Die Druschba-Pipeline (von russisch: дружба; deutsch: Freundschaft) ist eine der weltweit längsten Erdöl-Pipelines und verbindet russische und kasachische Ölfelder mit Raffinerien in Ost- und Mitteleuropa. Das Hauptprojekt wurde zwischen 1959 und 1964 erbaut und wurde anschließend immer weiter verzweigt und ausgebaut. Sie diente jahrzehntelang dazu, sowjetisches und später russisches Rohöl nach Mittel- und Osteuropa zu transportieren. Heute hat die Pipeline grob zwei Hauptstränge: Der Nordstrang führt über Belarus Richtung Polen und weiter nach Deutschland. Dieser Teil versorgt auch unter anderem die PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt. Der Südstrang führt wiederum über die Ukraine Richtung Slowakei und weiter nach Ungarn sowie Tschechien. Rund 200 Kilometer östlich von der Gabelung der beiden Hauptstränge in Belarus zweigt zudem ein dritter Strang in Richtung Lettland und Litauen ab.  Die Druschba-Pipeline ist für mehrere europäische Länder bis heute von zentraler Bedeutung für die Rohölversorgung. Viele Raffinerien entlang der Pipeline sind technisch und logistisch auf die Rohöllieferungen über die Druschba ausgelegt und deshalb von deren Transit abhängig. Die russische Regierung hat Ende April angekündigt, ab Mai kein Öl aus Kasachstan mehr über die Pipeline nach Deutschland weiterzuleiten. Das Land begründete den Stopp mit technischen Schwierigkeiten, nannte aber keinen Zeitraum für deren Behebung. Ob tatsächlich technische Probleme dahinterstecken oder politische Gründe eine Rolle spielen, ist unklar. Brandenburgs Infrastrukturminister Robert Crumbach (SPD) sagte im Deutschlandfunk, die Behauptung der russischen Regierung, man wolle die Druschba-Pipeline reparieren, sei mit Sicherheit eine Schutzbehauptung und falsch. Kasachstans Energieminister Jerlan Akkenschenow vermutete zuletzt, dass Schäden an der russischen Infrastruktur durch ukrainische Angriffe der Auslöser sein könnten. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine spielt die Pipeline politisch eine große Rolle. Deutschland bezieht kein Öl mehr direkt aus Russland. Stattdessen ist Kasachstan zu einem wichtigen Lieferanten geworden. Doch weil die Pipeline durch Russland verläuft, kann dieses den Transport kontrollieren, auch dann, wenn es sich nicht um russisches Öl handelt. Immer wieder gab es entlang der Hauptstränge Vorfälle, die zeitweise Lieferunterbrechungen durch Beschädigungen auf einzelnen Abschnitten zur Folge hatten. So war etwa im April der Transit von russischem Erdöl über die Ukraine in die Slowakei und nach Ungarn unterbrochen. Die Bundesregierung hatte vor dem Stopp angegeben, dass die Versorgung in Deutschland nicht gefährdet sei. Auch die brandenburgische Landesregierung zeigte sich optimistisch, dass die PCK-Raffinerie in Schwedt das fehlende Öl zunächst mithilfe von Reserven abfedern könne. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte, dass die Raffinerie im Mai noch mit rund 80 Prozent Auslastung arbeiten und die Versorgung mit Treibstoff sichern könne. Zugleich rief Woidke dazu auf, die Zeit im Mai zu nutzen, um alternative Ölmengen als Ersatz zu beschaffen. Es gebe "sehr gute Gespräche", vor allem mit der polnischen Seite, sagte Brandenburgs Regierungschef. Es werde erwogen, die Ölmengen über den Hafen Danzig zu erhöhen. Ähnlich wurde das bereits in der Energiekrise 2022 gehandhabt. Zudem kündigte Kasachstan offiziellen Angaben zufolge an, 260.000 Tonnen Öl, die für die Raffinerie in Schwedt bestimmt waren, anstelle der Druschba-Pipeline über russische Ölhäfen umzuleiten. Eine Vertreterin des kasachischen Energieministeriums sagte der Nachrichtenagentur Kazakhstan Today zufolge: "100.000 Tonnen gehen über Ust-Luga und 160.000 Tonnen über das System des Kaspischen Pipeline-Konsortiums." Ust-Luga ist ein russischer Ölumschlaghafen in der Ostsee. Das Kaspische Pipeline-Konsortium betreibt eine Ölleitung, die von der Lagerstätte Tengiz im Nordwesten Kasachstans bis zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk führt. In beiden Fällen würde das Öl dann auf Schiffe verladen und auf dem Seeweg weitertransportiert. Jedoch werden sowohl Ust-Luga als auch Noworossijsk immer wieder von der Ukraine mit Drohnen attackiert. Die PCK-Raffinerie ist von entscheidender Bedeutung für die Energieversorgung in Ostdeutschland. Neun von zehn Autos in Berlin und Brandenburg fahren mit Sprit aus der Raffinerie, auch der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) hängt von der Raffinerie ab. Zudem versorgt sie weite Teile Westpolens mit Benzin und Diesel. Auch Bitumen für die Bauindustrie stellt die Raffinerie her. PCK gehört zu 54 Prozent deutschen Tochterunternehmen des russischen Staatskonzerns Rosneft, die der Bund wegen des Kriegs in der Ukraine unter Treuhandverwaltung gestellt hat. 2025 verarbeitete das Unternehmen nach eigenen Angaben 10 Millionen Tonnen Rohöl am Standort Schwedt. Bisher liegt die Auslastung der Raffinerie bei rund 90 Prozent, wie es zuletzt immer wieder hieß. Das Öl aus Kasachstan gilt bisher als unerlässlich für die Absicherung und Wirtschaftlichkeit der Raffinerie. Der Anteil macht nach Angaben der Landesregierung rund 20 Prozent der gesamten Rohöl-Menge der PCK aus. Die zweite große Raffinerie in Deutschland, die an der Druschba-Pipeline liegt, ist die TotalEnergies-Raffinerie in Leuna in Sachsen-Anhalt. Sie bezieht laut einer Sprecherin jedoch kein Öl aus Kasachstan. Leuna wird stattdessen über eine Pipeline aus dem Hafen Danzig mit US-Öl versorgt. Kurzfristig ist in Berlin und Brandenburg nicht mit steigenden Preisen zu rechnen. Auch ein akuter Engpass an den Tankstellen gilt als unwahrscheinlich. Die Bundesnetzagentur gab in dieser Hinsicht Entwarnung, berichtete der Spiegel. Langfristig sieht die Lage jedoch anders aus: Sollte der Lieferstopp bestehen bleiben, steigt das Risiko für höhere Spritpreise. "Regionale Preiseffekte sind nicht ausgeschlossen", zitiert der Spiegel die Bundesnetzagentur. Mit Material der Nachrichtenagentur dpa.