Jüdische Gemeinden in Deutschland: Sinkende Solidarität mit Juden in Deutschland

Datum01.05.2026 05:03

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Solidarität mit jüdischen Gemeinden in Deutschland ist seit 2023 um fast die Hälfte gesunken. Laut einer Studie des Zentralrats der Juden fühlen sich diese zunehmend bedroht und alleingelassen. Antisemitismus hat sich normalisiert, was zu verborgenen jüdischen Symbolen und abgesagten Veranstaltungen führt. Verschlechtert hat sich auch das Verhältnis zu muslimischen Verbänden und der Partei Die Linke. Trotz hohen Vertrauens in deutsche Sicherheitsbehörden sehen nur 13% der Befragten eine positive Perspektive für jüdisches Leben in Deutschland.

InhaltJüdische Gemeinden fühlen sich bedroht und zunehmend alleingelassen. Laut einer Studie ist die gesellschaftliche Solidarität seit 2023 fast um die Hälfte gesunken. Die zivilgesellschaftliche Solidarität mit Jüdinnen und Juden sowie jüdischen Gemeinden in Deutschland hat weiter abgenommen. Zu diesen Erkenntnissen kommt das vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegebene Lagebild zur Sicherheitssituation jüdischer Gemeinden in Deutschland. Die wahrgenommene Unterstützung ist demnach seit der ersten Erhebung 2023 um fast die Hälfte von 62 auf 35 Prozent gesunken. An der nun zum dritten Mal durchgeführten Studie nahmen 102 jüdische Gemeinden und Landesverbände teil. Nach dem "explosionsartigen Anstieg" des Antisemitismus infolge des 7. Oktober habe sich eine "neue Normalität herausgebildet", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zu den Ergebnissen der Untersuchung. Man habe nun eine Lage, "in der jüdische Gemeinden permanent geschützt werden müssen und der Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren hat". Es sei eine Lage, in der auch Graffitis, die mitten in Berlin offen zum Mord an Juden aufrufen, keinen Sturm der Entrüstung mehr auslösten. Solche Zustände seien unhaltbar. In der Nacht zu Sonntag hatten Unbekannte in Berlin-Pankow an mehreren Hauswänden Todesdrohungen hinterlassen: "Nur ein toter Jude ist ein guter Jude", stand direkt neben den Fenstern einer Wohnung im Erdgeschoss, an einem Eckhaus der Schriftzug "Kill all Jews", flankiert von einem Hakenkreuz. Wenige Tage später markierten Unbekannte die Klingelanlage eines Berliner Wohnhauses mit einem roten Hamas-Dreieck und beschmierten das Namensschild eines dort lebenden Journalisten mit roter Farbe. Der Mann ist Mitarbeiter des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA). Die Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung und Sachbeschädigung mit politischem Hintergrund. In der Nacht zu Montag beschmierten zudem Unbekannte in Cottbus eine Synagoge mit einem Hakenkreuz. Besonders das Verhältnis zu muslimischen Verbänden und Moscheegemeinden habe sich laut der Studie verschlechtert. Ein Austausch zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinden sei heute mehr Ausnahme als die Regel, sagte ein Sprecher des Zentralrats, der die Ergebnisse der Erhebung erläuterte. Auch das Verhältnis zur Partei Die Linke habe sich in den letzten Jahren verschlechtert. Für viele Juden sei sie vor dem Hintergrund ihrer zunehmend antizionistischen Ausrichtung nicht mehr wählbar, obwohl sie früher als Verbündete wahrgenommen worden sei. Die Bedrohung werde aber aus allen politischen Richtungen wahrgenommen, da Antisemitismus ein ideologieübergreifendes Phänomen sei, sagte der Sprecher. Das Gefühl der Unsicherheit hat insgesamt leicht abgenommen, bewegt sich aber weiter auf einem hohen Niveau. Laut der Untersuchung nehmen 68 Prozent der befragten Gemeindefunktionäre ihr Leben unsicherer war als noch vor dem 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Gazakrieg. Vor zwei Jahren sagten das noch 84 Prozent der Befragten. Je größer die Stadt und je präsenter die Gemeinde, desto größer werde die Gefahr empfunden, sagte der Sprecher. Anders als in vorherigen Kriegen habe die brüchige Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2025 die Sicherheitswahrnehmung der jüdischen Gemeinden nicht verbessert: 66 Prozent der Befragten berichten von keiner Veränderung, 18 Prozent von einer Verbesserung, 13 Prozent sogar von einer Verschlechterung des eigenen Sicherheitsgefühls, so das Lagebild. Außerdem gaben 62 Prozent der Befragten an, dass sich ihre Sicherheitslage seit Beginn des Irankriegs weiter verschlechtert habe. Im Alltag zeige sich die Bedrohung in verändertem Verhalten: Jüdische Symbole würden verborgen, besonders Kinder und Jugendliche verheimlichten ihre Identität. Jede fünfte Gemeinde habe im vergangenen Jahr Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen absagen müssen. Zudem meldeten 46 Prozent der Gemeinden antisemitische Vorfälle im vergangenen Jahr. Dabei handelte es sich laut Lagebild vor allem um Beleidigungen, Anfeindungen im Internet, Drohanrufe und antisemitische Zuschriften, Sachbeschädigungen oder Schmierereien sowie Demonstrationen. Über 90 Prozent der Führungspersonen und Mitarbeitenden jüdischer Gemeinden fühlen sich demnach durch die Situation merklich belastet, 41 Prozent davon stark oder sehr stark. Die Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung sei in 63 Prozent der Gemeinden gestiegen. Auch auf die Entwicklungen im Ausland blicke man mit Sorge, sagte der Sprecher des Zentralrats. Dabei bezog er sich auch auf die jüngsten Vorfälle in England und Belgien. Im Londoner Viertel Golders Green hatte am Dienstagabend ein Angreifer mit einem Messer zwei jüdische Männer attackiert und schwer verletzt. Die proiranische islamistische Gruppe Hayi beanspruchte den Anschlag für sich. In Brüssel wurde ein jüdischer Mann Ende vergangener Woche in der U-Bahn von drei Tätern angegriffen. Sie hatten auf ihn eingeschlagen, antisemitische Parolen gerufen und seine Davidsternkette entwendet. 89 Prozent der Befragten sehen das Sicherheitsgefühl in ihren Gemeinden durch Terroranschläge im Ausland teilweise bis sehr stark beeinträchtigt. Während es Auswanderungsbewegungen von Juden aus England, Frankreich, Spanien und Belgien nach Israel gebe, sei dieser Trend in Deutschland allerdings noch nicht zu verzeichnen. Das Vertrauen in deutsche Sicherheitsbehörden liegt mit 91 Prozent Zufriedenheit unter den Befragten sehr hoch, auch wenn der Wert seit 2023 um fünf Prozentpunkte gesunken ist. Der Zusammenhalt innerhalb der jüdischen Gemeinden sei dagegen gestiegen: "Gerade junge Menschen suchen in diesen Zeiten Zusammenhalt in Gemeinden und auf Jugendfreizeiten", sagte der Sprecher des Zentralrats. Jedoch schätzten nach Angaben des Lagebilds nur 13 Prozent der Befragten die Perspektive für jüdisches Leben in Deutschland positiv ein. "Die Ergebnisse dieser repräsentativen Erhebung müssen für Entscheidungsträger und die Gesellschaft gleichermaßen Alarmsignal und Ansporn sein", sagte der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster. Nur enorme Kraftanstrengungen könnten diesen Trend umkehren.