Datum30.04.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Artikel beleuchtet den Wandel von Hamburger Drehorten, die zunehmend verschwinden, und feiert gleichzeitig die Erfolge des Hamburger Films auf der Berlinale. Er thematisiert den Abriss der Soulkitchen-Halle als Symbol für den Verlust besonderer Orte, während neue Filme wie "Gelbe Briefe" und "Rose" im Kino laufen. Daneben werden die Sanierung der Bahnstrecke Hamburg-Hannover, die Beteiligung der chinesischen Reederei Cosco, der Schutz eines Wolfs in Hamburg, stagnierende Immobilienpreise und das milde Aprilwetter erwähnt. Der 1. Mai kündigt zudem mehrere Demonstrationen an.
InhaltDie Elbvertiefung am Donnerstag – Mit Kino aus Hamburg, einem Wolf auf geheimem Kurs und der Wahrheit über Toast "Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein …" Wenn Sie dieses Filmzitat in Gedanken zu Ende bringen, haben Sie wahrscheinlich Absolute Giganten gesehen, einen der Hamburg-Filme schlechthin. Ich mag ihn sehr. Es geht um drei Freunde, die eine letzte Nacht durchmachen, bevor einer von ihnen zur See fährt. Bei meinem ersten Besuch in Hamburg bin ich mit einem Freund zu einem der Drehorte nach Steinwerder geradelt – eine legendäre Szene spielt nämlich auf der Wiese neben dem "König der Löwen"-Haus. Wir saßen im Gras, blickten wie Protagonist Floyd (gespielt vom leider früh verstorbenen Frank Giering) auf den Kaispeicher 4. Inzwischen ist die Wiese abgesperrt, und der Speicher ist der Sockel der Elbphilharmonie. Überhaupt fühlt sich Absolute Giganten heute oft wie eine Zeitreise an. Ein anderer Drehort, die Soulkitchen-Halle in Wilhelmsburg, wurde vor zwei Wochen abgerissen. Ich verbinde damit nicht nur den gleichnamigen Film von Fatih Akın, sondern auch den Versuch von Anwohnern, die Halle nach dem Dreh mit Partys und Konzerten wiederzubeleben. Spannende Zeiten waren das. 2012 wurde die Halle geschlossen. Danach stand sie leer, verfiel – und erinnerte am Ende vor allem daran, wie schwer sich Hamburg manchmal damit tut, wilde, besondere Orte zu erhalten. Aber um hier nicht ganz in Nostalgie abzudriften: In dieser Stadt werden weiter starke Filme gemacht! Bei der diesjährigen Berlinale sorgten gleich vier von der MOIN Filmförderung unterstützte Produktionen für Aufsehen. Ein schöner Erfolg, den der Senat gestern mit einem Frühstück im Rathaus würdigte. Gelbe Briefe von İlker Çatak gewann den Goldenen Bären, Sandra Hüller erhielt den Silbernen Bären für ihre Rolle in Rose, der Teddy Jury Award ging an den Film Der Heimatlose von Regisseur Kai Stänicke und No Good Men von Shahrbanoo Sadat (hier ein Interview mit ihr (Z+)) eröffnete das Festival. Wer Lust bekommen hat, Rose läuft ab heute im Kino, Gelbe Briefe ist schon angelaufen. Der Heimatlose soll Anfang August starten, No Good Men Ende August. Vielleicht wäre das eine Idee fürs Wochenende: erst eine kleine Drehorte-Tour, danach ins Kino. Wie wär's? Am 1. Mai sollten Sie aber etwas mehr Zeit einplanen, in vielen Teilen der Stadt wird demonstriert. Wer wo unterwegs ist, lesen Sie weiter unten. Uns lesen Sie am Montag wieder, wir machen eine Feiertags-Pause. Ich wünsche entspannte Tage! Und immer Musik. Ihre Annika Lasarzik Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de. Morgen beginnt die Sanierung der Bahnstrecke Hamburg-Hannover, einer der meistbefahrenen Strecken in Deutschland. Nach Angaben der Infrastruktur-Gesellschaft DB InfraGo sollen etwa 66 Kilometer Gleise und Dutzende Weichen erneuert werden. Viele Regionalverbindungen fallen aus, Fern- und Güterzüge werden großräumig umgeleitet. Die Qualitätsoffensive ist bis zum 10. Juli angesetzt. Die chinesische Staatsreederei Cosco will sich mit 80 Prozent an der Hamburger Spedition Konrad Zippel beteiligen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz äußerte Bedenken bezüglich der "kumulativen Erwerbsvorhaben" des Konzerns in Deutschland und der Europäischen Union. Letztlich muss das Bundeskabinett entscheiden. Gut einen Monat nach dem Wolfsangriff soll der jetzige Aufenthaltsort des Tieres geheim bleiben. Anfang April wurde der Wolf im Grenzgebiet zu Niedersachsen ausgewildert. Er befinde sich mehr als 100 Kilometer von der Stadtgrenze entfernt, hieß es von der Hamburger Umweltbehörde, die ihn über einen Sender verfolgen kann. Seinen genauen Standort nennt sie aus Tierschutzgründen nicht. Die Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser sowie für Eigentumswohnungen sind 2025 im Vergleich zum Vorjahr mit einem Plus von einem Prozent fast unverändert geblieben. Das geht aus dem Immobilienmarktbericht des Gutachterausschusses für Grundstückswerte hervor. Deutlich teurer hingegen wurden Mehrfamilienhäuser – hier stieg der Quadratmeterpreis um 14 Prozent. Der April hat überdurchschnittlich viel Sonne, milde Temperaturen und wenig Regen nach Hamburg gebracht. Im Schnitt war es 9,3 Grad warm, wie der Deutsche Wetterdienst mitteilte. Zum Vergleich: In den Jahren 1961 bis 1990 lag die Temperatur bei 7,5 Grad. "Erst unsere Jobs – dann eure Profite". Das Motto der Demo des Deutschen Gewerkschaftsbundes verrät schon: Man sehnt sich nach der guten alten Sozialpartnerschaft, die der Lieferdienst-Kapitalismus (Z+) brutal an den Rand drängt. Mit dabei: der "klassenkämpferische Block", diverse migrantische kommunistische Gruppen und ein großer Jugendblock. Los geht’s ab 10.30 Uhr an der S-Bahn Ottensen. Etwas später, ab 14.30 Uhr, versammelt sich Hamburgs undogmatische Linke am Jungfernstieg zur "Wer hat, der gibt"-Demo. "Geld ist da – ran an die Reichen!", lautet das Motto. Es geht um wachsende Ungleichheit, sprechen wird unter anderem Linken-Chef Jan van Aken. Dazu ziehen ein queerfeministischer Block, Omas gegen Rechts und ein Familienblock durch die Stadt. Um 18 Uhr starten schließlich gleich zwei weitere Demonstrationen: Am Neuen Pferdemarkt formiert sich die Schwarz-Rote 1.-Mai-Demo unter dem Motto "Anarchismus wagen – Dystopien bekämpfen". Den zweifellos poetischsten Aufruf liefert sie gleich mit: "Die alte Welt liegt im Sterben. Nicht geräuschlos, sondern im Spektakel: eine Menschheit, gefesselt an Bildschirme." Am Bahnhof Altona beginnt zeitgleich die antiimperialistische Revolutionäre 1.-Mai-Demo – mit Hammer-und-Sichel- sowie Palästinaflaggen und Reden gegen Aufrüstung. "Wir lassen uns nicht als Kanonenfutter für imperialistische Interessen verbraten", heißt es in einem Aufruf. "Wir kämpfen für die Arbeiterklasse." Ob die in diesem Jahr mitläuft? Christoph Twickel In Hamburg gab es den wohl ältesten Paternoster der Welt. Er wurde aufwendig saniert, dann ließ ihn der neue Eigentümer entfernen und behauptet: Es ging nicht anders. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von ZEIT-Autor Christoph Twickel. Als der Restaurator Patric Wagner am Freitag, 17. April, am Flüggerhaus in der Hamburger Innenstadt vorbeispazierte, stand die Tür des historischen Kontorhauses offen. Er wagte einen Blick in das Innere des Gebäudes, so erzählt er es, und erschrak: Der historische Paternoster, den er zwei Jahre lang restauriert hatte, war verschwunden. "Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag", sagt Wagner. "Er war einfach weg." Das Flüggerhaus, 1907 bis 1908 für die Firma Farben Flügger errichtet, ist seit Jahren eine Baustelle. 2019 hatte es der österreichische Immobilienzar René Benko mit seinem Unternehmen Signa erworben. Es sollte Teil der Flüggerhöfe werden, ein Komplex mit Edelbüros, Wohnungen und Einzelhandel. Weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht, ist auch der Paternoster denkmalgeschützt. Patric Wagner, ein Experte für historische Aufzüge, bekam den Auftrag, das alte Gefährt wieder in Schuss zu bringen. "In allen Hamburger Kontorhäusern gab es Paternoster", sagt Wagner. "Man konnte damit deutlich mehr Angestellte in kürzester Zeit in ihre Büroetagen befördern als mit konventionellen Aufzügen." Das Exemplar im Flüggerhaus war aus der Sicht des Restaurators ein besonders wertvolles, weil fast vollständig erhaltenes Beispiel. Das lag wohl auch daran, dass der Paternoster ab den 1970er-Jahren hinter einer Wandverschalung versteckt gewesen und erst 2018 wieder freigelegt worden war. Wagner sagt: "Alles war da, als hätte das Haus im Dornröschenschlaf gelegen." Mehr als 40 Jahre war der Paternoster nicht gefahren, einiges war defekt, eine aufwendige Sanierung begann: "Von den Fahrkörben waren drei zerbrochen, weil da das Dach drauf gefallen war. Die haben wir geschweißt und wieder befahrbar gemacht." Wagner und seine Kollegen zerlegten sämtliche Teile, machten sie sauber, prüften sie auf Haltbarkeit, bauten alles wieder zusammen und schmierten Ketten und Zahnräder. Rund 2.500 Arbeitsstunden habe die Restaurierung verschlungen, schätzt Wagner. Im Herbst 2023 sei der Paternoster wieder fahrbar gewesen, sagt er. Dann ging die Signa insolvent und alle Arbeiten stoppten. Wagner sagt, Benko schulde ihm noch eine sechsstellige Summe. Wie der neue Investor Harm Müller-Spreer auf die Situation blickt, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) Lesen Sie diesen Text, und Ihr Toastbrot wird anders schmecken Die Deutschen wollen fluffige Backwaren. Dafür brauchen Bauern sehr viel Dünger. Muss das sein? ZEIT-Redakteurin Merlind Theile hat die Entstehung von Toast von einem Feld südlich von Hamburg über eine Mühle in Wilhelmsburg hin zu einem Brothersteller in Schenefeld nachverfolgt. → Zum Artikel (Z+) Vom 2.-4. Mai findet das diesjährige "klangfest – musik und theater für junges publikum" mit neun Produktionen und 20 Aufführungen auf Kampnagel statt. Das umfangreiche Programm bietet Veranstaltungen drinnen und draußen schon für Kinder ab einem Jahr. "klangfest – musik und theater für junges publikum", 2.-4. 5.; Kampnagel und Alabama Kino, Jarrestraße; alle Hinweise zu den Veranstaltungen und Tickets und finden Sie hier Am Wochenende gegen 22 Uhr am S-Bahnsteig in Ohlsdorf. Die Bahn fährt ein, wir stehen ganz vorne. Der S-Bahn-Führer steigt aus, mit Tasche und Kaffeebecher. "Einen guten Feierabend für Sie," rufen wir ihm zu. "Der ist erst morgen früh um 6!" - "Oh…!" - "Aber der gute Wille zählt!" Gehört von Marilies Brinkmann Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.