Videos aus einem Schlachthof: »Wir reden hier über Schweine, die einen Todeskampf führen«

Datum29.04.2026 11:44

Quellewww.zeit.de

TLDRTierschutzaktivisten filmen mit versteckten Kameras Schweine bei der CO₂-Betäubung in einem Schlachthof. Der Betreiber verklagt die Aktivisten auf Schadensersatz wegen der Verbreitung der befürchteten Bilder. Der Prozess am Oberlandesgericht Oldenburg verhandelt, ob das öffentliche Interesse an den Aufnahmen einen Hausfriedensbruch rechtfertigt, obwohl die Methode legal ist. Die Bilder zeigen die Tiere in Panik.

InhaltAktivisten filmen in einem Schlachthof, wie Schweine mit Gas betäubt werden. Durften sie die Bilder verbreiten? Der Betreiber will die Tierschützer vor Gericht stoppen. Oberlandesgericht Oldenburg, Dienstagmorgen, ein grünes Villenviertel. Man kann sich gut vorstellen, dass hier normalerweise in aller Ruhe verhandelt wird. An diesem Vormittag aber haben sich vor dem Eingang etwa 250 Menschen versammelt. Sie haben Trommeln, Gitarren und ein Megafon dabei. Sie halten Pappschilder in die Luft, auf manchen sind Schweine zu sehen: "CO₂-Betäubung verbieten!", "Qualvolle Betäubung im Gasschacht für den Konsum!", "Jeder Atemzug brennt!", "Die Bilder bleiben an der Öffentlichkeit!" Die Bilder sind das, worum es hier heute geht. Sie sind auf Instagram zu sehen, in mehreren Medienberichten. Sie zeigen Schweine, die in einem sogenannten Paternoster-System mit CO₂ betäubt werden. In Metallkäfigen werden die Tiere hinab in einen mit dem Gas befüllten Schacht gefahren, ihre Körper stoßen gegeneinander, man sieht sie erst panisch zappeln, dann umfallen und liegen bleiben. Auf den veröffentlichten Videos ist ein ohrenbetäubendes Kreischen zu hören. Entstanden ist das Material in einem Schlachthof der Brand Qualitätsfleisch GmbH & Co. KG in Lohne, Landkreis Oldenburg in Niedersachsen. Der Schlachthof hat die beiden Aktivisten verklagt, die diese Bilder aufgenommen haben. Sie heißen Anna Schubert und Hendrik Haßel, sind 35 und 37 Jahre alt. 2024 verschafften sie sich Zutritt zum Schlachthof und versteckten kleine Kameras. Später veröffentlichten der Verein Animal Rights Watch und der NDR Auszüge des Materials. Noch eine Stunde bis zum Prozess, Hendrik Haßel steht vor dem Oberlandesgericht (OLG) und gibt einem Journalisten ein kurzes Interview, der filmt mit dem Handy. Haßel sagt, nur weil sie die CO₂-Betäubung aufgedeckt hätten, drohe ihnen der Schlachthof jetzt mit 100.000 Euro Schadensersatzforderung. "Wir haben nichts Verbotenes getan", sagt Haßel. Das aber muss sich noch zeigen. Der strafrechtliche Prozess wegen Hausfriedensbruchs folgt erst später, im Zivilverfahren vor dem OLG geht es erst einmal nur darum, ob sie die Bilder verbreiten dürfen. Und dass man nichts Verbotenes tue, sagt auch der Schlachthof. Die CO₂-Betäubung ist umstritten, aber nach geltendem EU-Recht erlaubt. An diesem Dienstag wird darüber verhandelt, ob das öffentliche Interesse an den Videos dennoch so groß ist, dass ein Unternehmen dafür einen Eingriff in seine Rechte, etwa das Hausrecht, in Kauf nehmen muss. Es ist eine Frage, die sich immer wieder stellt, wenn Aktivisten sich illegalen Zugang zu Unternehmen verschaffen: Wie schwer muss der aufgedeckte Missstand wiegen, damit man dafür einen Hausfriedensbruch begehen darf? Oder im konkreten Fall: Kann auch eine Methode der industriellen Schlachtung, die per Gesetz erlaubt ist, von öffentlichem Interesse sein, weil sie den allermeisten Deutschen wohl schlichtweg unbekannt ist? Kurz vor halb zehn, eine halbe Stunde noch bis zum Termin. Schubert und Haßel betreten das Gerichtsgebäude, laufen mit ihrem Anwalt die Wendeltreppe hoch in den zweiten Stock, ein Kamerateam filmt sie für einen Dokumentarfilm. Oben in Saal I sind schon fast alle Plätze besetzt. Ein paar Journalisten sind da, vereinzelte Anzugträger, vor allem aber Unterstützer von Schubert und Haßel. Sie sind die wenigen, die einen der rund 30 Plätze ergattert haben, die meisten müssen draußen vor der Tür warten. Ganz hinten links sitzt ein überraschender Gast: Sky du Mont, 78, ein berühmter Schauspieler (Schuh des Manitu, Samba in Mettmann) und bekennender Tierschützer. Er unterhält sich mit seinen Nebensitzern, gerade geht es um den Wal Timmy. "Da stehen Menschen, die weinen wegen des Wals und haben in der anderen Hand ein Fischbrötchen", sagt er. "Das ist so krank. Diese Gesellschaft ist so doof." Ein Aktivist, drei Stühle weiter, nickt und sagt: "Und die anderen zwei Millionen Tiere, die täglich in Deutschland geschlachtet werden, sind den Leuten egal."