Nur eine Frage: Sind unsere Kinder glücklicher ohne soziale Medien, Jonathan Haidt?

Datum29.04.2026 10:01

Quellewww.zeit.de

TLDRSozialpsychologe Jonathan Haidt argumentiert vehement für ein Verbot von sozialen Medien für Kinder unter 16 Jahren, basierend auf zahlreichen Evidenzquellen. Er weist die Behauptung, es gäbe keine eindeutigen Belege für die Schäden, zurück. Haidt verweist auf Selbstauskunft von Kindern, Aussagen von Eltern und Pädagogen sowie auf interne Meta-Dokumente, die die negativen Auswirkungen digitaler Plattformen auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen bestätigen. Strafprozessuale Beweislast sei hier der falsche Maßstab.

InhaltJonathan Haidt ist der Kopf hinter Social-Media-Verboten für Kinder. Hier widerspricht er dem Vorwurf, es mangele dafür an Evidenz. Und sagt, was er Erwachsenen rät. Jonathan Haidt ist der wohl lauteste Social-Media-Kritiker der Welt. Der US-amerikanische Sozialpsychologe ist Professor an der renommierten NYU Stern School of Business. Sein 2024 erschienenes Buch "Generation Angst" über die Schäden, die Smartphones und soziale Medien bei Kindern anrichten, stand mehr als 100 Wochen auf der Bestsellerliste der "New York Times". Darin forderte er schon 2024 ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren. Was damals nahezu aussichtslos klang, ist in Australien heute Gesetz. Viele andere Länder wollen folgen. Auch in Deutschland haben sich die beiden Regierungsparteien für ein Verbot ausgesprochen. 2026 hat Haidt einen neuen Ratgeber herausgebracht: "Generation Glücklich". Das Buch, das er gemeinsam mit der US-Autorin Catherine Price verfasst hat, richtet sich speziell an Kinder und soll ihnen einen Weg in eine Smartphone-reduzierte und Social-Media-freie Jugend weisen. Dieses Interview basiert auf einem Gespräch für den ZEIT-Podcast "Nur eine Frage". Die Auszüge wurden gekürzt, redigiert und teilweise umgestellt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Alle Folgen sind auf www.zeit.de/n1f zu finden. Dort können Sie auch den N1F-Newsletter abonnieren. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de. Redaktion: Lisa Hegemann, Jens Lubbadeh DIE ZEIT: Sind unsere Kinder ohne soziale Medien glücklicher, Jonathan Haidt? Jonathan Haidt: Oh, das ist eine der leichtesten Fragen, die mir seit Langem gestellt wurden. Die Antwort ist sehr eindeutig: Ja! ZEIT: Warum ist das so klar? Haidt: Wir wissen das aus vielen, vielen Quellen. Das Offensichtlichste ist: Mitglieder der Gen Z, die nach 1995 geboren … ZEIT: … und die als erste mit sozialen Medien aufgewachsen sind … Haidt: … hegen einen großen Groll. Sie wissen am besten, dass soziale Medien ihnen geschadet haben. Dass diese schlecht sind für ihre mentale Gesundheit und ihr Glück. Und Meta (der Konzern hinter den Social-Media-Plattformen Facebook und Instagram, Anm. d. Red.) weiß es am zweitbesten. Wir haben 35 interne Untersuchungen des Unternehmens zusammengetragen, aus Gerichtsakten und Veröffentlichungen der Ex-Meta-Mitarbeiterin Frances Haugen. Sie zeigen, dass dieses Unternehmen wusste, dass es Kindern mit seinen Produkten schadet. Also: Die Kinder, die es erlebt haben, wissen es; die Leute, die es erfunden haben, wissen es. Sie alle sagen: Es schadet Kindern. ZEIT: Jeder würde das intuitiv sofort bestätigen. Aber in der Wissenschaft gibt es immer noch große Debatten genau über diese Frage. Wenn die Lage so eindeutig ist, warum finden sich keine harten Belege? Haidt: Es gibt doch Belege! Die Menschen, die sagen, es gebe keine Belege, liegen falsch. Sie sagen, dass es sich nur um Zusammenhänge handle, aber dass die noch keine Kausalität bewiesen. ZEIT: Damit ist gemeint, man kann nicht sicher sagen, dass das eine zum anderen führt. Haidt: In Experimenten aber, in denen man Menschen bittet, sich für eine Woche von sozialen Medien zu verabschieden, sieht man, dass Depressionen und Angstzustände abnehmen. Es gibt zwar auch Studien mit anderen Ergebnissen, aber dort ist der Zeitraum des Verzichts kürzer. Manche Wissenschaftler sagen auch, die Zusammenhänge und der Effekt solcher Experimente seien winzig. Bei einem großen korrelativen Datensatz liegt die Pearson-Korrelation bei 0,1 oder 0,2, ungefähr in dieser Größenordnung. ZEIT: Diese statistische Methode misst, wie stark der Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen ist, etwa psychischer Gesundheit und Social-Media-Nutzung. 0,1 oder 0,2 sind nicht viel. Haidt: Die Kritiker vermuten, dass diese Varianz dem realen Leben entspricht. Aber die Daten haben eine große Unsicherheit. Wir fragen nur, wie viel Zeit jemand online verbringt und wie er seine Ängstlichkeit am Tag zuvor bewerten würde. Selbst wenn soziale Medien zu 100 Prozent toxisch wären, würden wir da nur einen kleinen Effekt finden, weil wir nur einen kleinen Ausschnitt dessen ansehen, was soziale Medien bewirken. ZEIT: Wenn wir so ungenaue Daten haben, warum können Sie dann so genau sagen, dass soziale Medien starke Schäden verursachen? Haidt: Können wir zu 100 Prozent sicher sein? Es ist sehr schwer, bei irgendetwas zu 100 Prozent sicher zu sein. Wenn wir eine Million Kinder im Alter von acht Jahren mit sozialen Medien aufwachsen ließen und eine weitere Million Kinder bis zum Alter von 16 Jahren warten lassen, dann hätten wir ein besseres Verständnis. Aber das können wir nicht. Also müssen wir uns viele verschiedene Arten von Evidenz anschauen. "Ich möchte mein Kind nicht von Social Media fernhalten, bis wirklich klar ist, dass es schädlich ist" – das ist der falsche Standard. Den würde man in einem Strafprozess fordern. ZEIT: Auf welche Evidenz müssen wir dann schauen? Haidt: Für meinen Artikel im World Happiness Report haben wir sieben Evidenzpfade identifiziert. Der Tenor war eindeutig. Erstens sagen die Kinder laut Umfragen selbst, soziale Medien seien schädlich. Zweitens sagen Eltern, Lehrer, Trainer, Therapeuten, Social Media mache die Kinder ängstlich. Drittens sagen auch die Unternehmen, dass sie Schaden verursachen. Allein diese drei Argumentationslinien sollten genügen. Die ganze Forschung fokussiert sich auf Depressionen, Angststörungen und Wohlbefinden. Aber keiner bestreitet, dass zehn Millionen Kinder mit Nacktbildern online erpresst werden. Das wird in diesen Studien genauso wenig untersucht wie die Effekte von Onlinemobbing oder Drogen, die über soziale Medien verkauft werden und einen umbringen können.