Datum29.04.2026 09:42
Quellewww.zeit.de
TLDRUlrich Köhlers Film "Gavagai" ist eine postkoloniale Satire, die eine Neuverfilmung des Medea-Mythos im Senegal zeigt. Die Dreharbeiten werden von Konflikten zwischen den Kulturen und dem Personal überschattet. Der Film thematisiert die Machtdynamiken und Rassismus im Kontext von Filmproduktionen und realen Begegnungen. Köhler verknüpft dabei antike Tragödien mit modernen Diskursen.
InhaltWenn im Film ein Film gedreht wird: Ulrich Köhlers Film "Gavagai" braust in alle postkolonialen Minenfelder. Eine Neuverfilmung des Medea-Mythos im Senegal? Mit einer weißen Schauspielerin als gedemütigter Titelheldin, die wegen ihrer Hautfarbe ausgegrenzt wird? Der französischen Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) scheint nicht klar zu sein, was sie da angezettelt hat. Mit Maja, ihrer Hauptdarstellerin (Maren Eggert), ist sie nicht zufrieden ("Das war keine Medea heute!"); dass ihre minderjährigen Darsteller in einer Bootsszene an der Atlantikküste Schwimmwesten tragen müssen, war ihr nicht bewusst ("Zieht sofort die Dinger aus!"), und dann fordern rebellische senegalesische Statisten auch noch die bessere Verpflegung aus dem VIP-Bereich: "Wir wollen auch Hähnchenkeulen!" Schon mit seinem Film Schlafkrankheit (Silberner Berlinale-Bär für die beste Regie 2011) warf sich der Regisseur Ulrich Köhler mitten rein in die post- und neokolonialen Minenfelder. Mit der Figur eines weißen Arztes, der in Kamerun hängen bleibt, setzte er unbequeme Wahrheiten über Europa und Afrika ins Bild – und löste sie in einem dampfenden Urwald auf. In Gavagai schaltet Köhler jetzt noch einen Gang höher. Seine Film-im-Film-Satire befragt die Diskurse unserer Zeit und lässt sie zugleich mit einer von der Wucht des antiken Dramas aufgeladenen Erzählung hinter sich. Während der turbulenten Dreharbeiten im Senegal beginnt Maja eine Affäre mit ihrem Kollegen Nourou (Jean-Christophe Folly), dem Darsteller des Jason, Medeas Gatten. Monate später, der Medea-Film läuft im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele, begegnen sich die beiden wieder. Ihr Miteinander zwischen Entfremdung, Fragen, neu aufflammender Leidenschaft wird überschattet von einem rassistischen Vorfall im Hotel. Wer richtet mehr Schaden an: der polnische Security-Mann, der an Nourou, dem schwarzen Berlinale-Gast, seine Frustration auslässt? Oder Maja, die deutsche Starschauspielerin, die übergriffig dessen Entlassung fordert? Zum Glück sitzen (fast) alle irgendwann im Kino, bei der Berlinale-Premiere der weißen Medea. Diese Film-im-Film-Szenen sind von Ulrich Köhler und seinem Kameramann Patrick Orth ganz klassisch, ja statisch gedreht. Doch bald nimmt das Drama auf der Leinwand Fahrt auf, überschlägt sich: Zwei kleine Jungen brausen mit einem Boot durch die schäumende Brandung aus einem antiken Sorgerechtsstreit heraus. In eine bessere Zukunft, von der zumindest das Kino weiß? Diese Medea würde man nach Gavagai dann auch gerne sehen.