Dresdner Kunst-Provokateur: Der Unberechenbare: Holger John zeigt sein Lebenswerk

Datum29.04.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRHolger John, Dresdner Kunst-Provokateur, zeigt im Oktogon der Hochschule für Bildende Künste eine Retrospektive seines Lebenswerks. Die Ausstellung "Alles so schön bunt hier!" präsentiert unveröffentlichtes Schaffen aus sechs Jahrzehnten. John, Maler, Zeichner und Galerist, wird als "unberechenbar" und "Enfant terrible" beschrieben. Seine Kunst verbindet Kunstgeschichte mit Popkultur und Humor. Die Schau gewährt Einblicke in sein persönliches Archiv und seine Rolle als wichtiger Impulsgeber der Dresdner Kunstszene.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Dresdner Kunst-Provokateur“. Lesen Sie jetzt „Der Unberechenbare: Holger John zeigt sein Lebenswerk“. Wenn Holger John einlädt, kann das alles Mögliche heißen. Nur nicht, dass es gewöhnlich wird. Gleiches gilt für den Mann selbst, der seit Jahrzehnten die Dresdner Kunst- und Kulturszene prägt. John ist Zeichner und Maler, zugleich Galerist, oft Zeremonienmeister und mal alles gleichzeitig. In jedem Fall ist er alles, außer berechenbar.  Andere nennen ihn ein "Enfant terrible". Sich selbst bezeichnet John auf Nachfrage als "Clown" - und verweist darauf, dass er in Greifswald auf einer Kirmes gezeugt worden sei. "Seit ich das weiß, wundert mich gar nichts mehr." "Ich wollte eigentlich immer Bühnenbildner am Theater werden, das hat mich interessiert", sagt der Künstler, der in diesem Monat 66 Jahre alt geworden ist. "Jetzt habe ich mein eigenes Theater", scherzt er. "Wenn ich die Leute einlade, sind die Schauspieler. Die müssen nicht mal einen Text lernen, die merken manchmal nicht mal, dass sie Schauspieler sind." Er selbst, stehe dann "eher so hinter dem Vorhang, so als Beobachter, als kleiner Inszenator." In dieser Woche wird seine frühere Lern- und Wirkungsstätte, die Hochschule für Bildende Künste in Dresden (HfBK), die Bühne für eine besondere John’sche Inszenierung: Im Oktogon, dem weithin sichtbaren imposanten Glaskuppelbau der Hochschule, heißt es ab Donnerstagabend: "Alles so schön bunt hier!". In einer Retrospektive zeigt John sein bislang unveröffentlichtes Schaffen aus sechs Jahrzehnten - von den ersten Kinderzeichnungen bis hin zu jüngsten Werken. An der Hochschule hat John einst studiert und provoziert, später auch gelehrt. Der Tausendsassa hat aber auch eine Zeit lang als Assistent von Jörg Immendorff gearbeitet und in seiner eigenen Galerie in der Dresdner Neustadt unter anderem Gedichte von Rammstein-Sänger Till Lindemann präsentiert. John gilt als wichtiger Impulsgeber der Dresdner Kunstszene.  Susanne Greinke, Ausstellungskuratorin der HfBK, sagt, die Exponate der Retrospektive zeugten gleichermaßen von Johns Schaffen sowie von seiner Rolle in der Stadt und der Hochschulgeschichte. Handgezeichnete Plakate etwa sind Überbleibsel der vielen Kunstperformances und Partyevents, die John einst in der DDR als Student an der Hochschule organisiert hat.  Federführend beteiligt war er auch an den Dresdner "Frühjahressalons", die Studierenden die Möglichkeit gaben, Arbeiten fernab der Vorgaben des SED-Regimes ausstellen zu können. Wer John zuhört, merkt schnell: Die Ausstellung ist auch ein Familien- und Lebensarchiv. Da ist etwa die bemalte Schranktür, Überrest aus einer alten Fischräucherei auf der Insel Usedom, in der seine Eltern als junge Kunststudierende mit einem befreundeten Paar wohnten. Für Kinderzeichnungen nutzte er den Tuschekasten der "Oma aus dem Westen": "Da war ich der King, weil Gold und Silber drin waren und das sonst keiner hatte", sagt John und lacht. Daneben Schulblätter und frühe Studien: Es ist, als würde man einmal durch die Schubladen eines Künstlerlebens gehen.  Die Schau folgt keinem roten Faden, sondern gleicht, laut John eher einem Wollknäuel. Er selbst sieht sich nach wie vor "eigentlich mehr als Zeichner". Die Malereien auf Papier, die nun im Fokus stehen, nennt er "einen fremden, aber lustvollen Ausflug". Ungemischte knallbunte Farben, aus der Tube aufs Papier gebracht, stehen im Gegensatz zum Äußeren des Mannes, der sich gern komplett in Schwarz mit Hut kleidet.  Doch sie komplementieren seinen Hang, Motive zu überdrehen und Kunstgeschichte mit Popkultur und Klamauk kurzzuschließen. Etwa, wenn er Edvard Munchs "Der Schrei" als Micky Maus im Dynamo-Dresden-Trikot adaptiert oder Eva ans Kreuz "gedübelt und geschraubt" hat - statt genagelt, "weil muss ja modern sein". Dahinter klingt immer auch der Satz mit: "Das kann man sich eigentlich gar nicht trauen." Genau deshalb scheint es ihm Spaß zu machen. Dass John sich traut, hat er schon als HfBK-Student unter Beweis gestellt: bei seiner Diplomverteidigung, wie er selbst erzählt. Er nahm demnach den Begriff der Verteidigung wörtlich und ließ sich von einem Rechtsanwalt vor der Prüfungskommission vertreten, statt brav über Farbwahl und Komposition zu referieren. Die Darbietung beendete Prüfling John seiner Schilderung zufolge, indem er eine Schallplatte mit DDR-Schlagermusik auflegte. "Danach war Todesstille. Es wurde zwei, drei Stunden diskutiert, ob man mir das Diplom aberkennt. Zwei Tage später war ich Assistent vom Rektor." So schließt sich der Kreis gewissermaßen, wenn John am Donnerstagabend (30. April) zur Vernissage und "Walpurgisnacht" in die Hochschulräume lädt, die er selbst "die heiligen Hallen" nennt. Der Abend folgt dabei dem bekannten John-Muster: Hochkultur trifft auf Party-Event und Prominenz. Eintritt frei, Grußwort von Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU), Musik von LUYS - einem jungen Musiker samt Band aus Leipzig. Am DJ-Pult steht Otis Hagen, neuerdings Schauspieler und bislang eher bekannt als Sohn der "Godmother of Punk", Nina Hagen. Diese sei zwar selbst verhindert, aber entzückt gewesen darüber, dass John seine Schau nach einer ihrer Liedzeilen benannt hat, versichert der Impresario. John selbst gesteht, dass er auch nach Jahrzehnten des Schaffens jedes Mal "Lampenfieber bis zum Abwinken" habe. "Ich habe immer Angst, dass keiner kommt. Ich bin total aufgeregt, wirklich." Die Frage, ob er ans Aufhören denkt, liegt nahe, wenn einer mit 66 seine "Retrospektive" zeigt. Seine Antwort: "Entweder geht man in Rente oder ins Kloster oder Attacke. Ich habe mich immer mehr für Attacke entschieden." © dpa-infocom, dpa:260429-930-7230/1