Datum28.04.2026 14:43
Quellewww.zeit.de
TLDRPräsident Selenskyj kritisiert Israel scharf für den Empfang eines zweiten Schiffes mit mutmaßlich gestohlenem ukrainischem Getreide, das von Russland aus besetzten Gebieten entwendet wurde. Er bezeichnet den Kauf als illegal und fordert Israel auf, solche Machenschaften zu unterbinden, die die bilateralen Beziehungen belasten. Das ukrainische Außenministerium bestellte den israelischen Botschafter ein. Israel bestreitet die Vorwürfe mangels formaler Beweise und betont, gesetzeskonform zu handeln. Die Ukraine kündigte Sanktionen gegen Beteiligte an.
InhaltZum zweiten Mal ist ein Schiff in Israel eingelaufen, das durch Russland entwendetes Getreide geladen haben soll. Selenskyj verurteilt die Transporte als "illegal". Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft Israel vor, russische Transporte von Getreide zu empfangen, das von Russland aus besetzten Gebieten der Ukraine entnommen worden sei. "Ein weiteres Schiff mit einer solchen Getreideladung ist in einem Hafen in Israel eingelaufen und bereitet sich auf das Entladen vor", schrieb Selenskyj auf X. Damit äußerte sich der ukrainische Präsident erstmals im Streit zwischen den Regierungen Israels und der Ukraine über ein zweites solches Schiff, das binnen weniger Wochen Israel erreicht habe. "In jedem normalen Land ist der Kauf gestohlener Waren ein Handeln, das eine rechtliche Verantwortung nach sich zieht", schrieb Selenskyj weiter. "Dies ist kein legitimes Geschäft und kann kein solches sein." Die israelischen Behörden "könnten nicht unwissend" darüber sein, welche Schiffe in ihren Häfen einlaufen und welche Ladung sie transportieren. Damit warf Selenskyj Israel vor, bewusst aus der Ukraine entwendetes Getreide von Russland beziehungsweise von Personen zu kaufen, "die mit den Besatzern verbunden sind." Das ukrainische Außenministerium hat laut Minister Andrij Sybiha den israelischen Botschafter in diesem Zusammenhang einbestellt. Die Einbestellung eines Botschafters gilt als symbolisch wirkmächtiges Signal äußersten diplomatischen Protests. Derartige Käufe seien nicht nur nach ukrainischem Recht, sondern auch in Israel gesetzeswidrig, argumentiert nun Selenskyj: "Russland beschlagnahmt systematisch Getreide auf vorübergehend besetztem ukrainischen Gebiet", schrieb er. "Solche Machenschaften verstoßen gegen die Gesetze des Staates Israel selbst." Sybiha hatte am Montag gewarnt, "Russlands illegaler Handel mit ukrainischem Getreide" könne das ukrainisch-israelische Verhältnis belasten. "Es ist schwierig zu verstehen, warum Israel nicht angemessen auf die berechtigte ukrainische Aufforderung bezüglich des vorherigen Schiffs reagiert hat, das gestohlene Waren nach Haifa geliefert hat. Jetzt, da ein weiteres Schiff in Haifa eingetroffen ist, warnen wir Israel erneut davor, das gestohlene Getreide anzunehmen und unsere Beziehungen zu schädigen", schrieb Sybiha auf X. Damit zog der ukrainische Außenminister Widerspruch seines israelischen Amtskollegen Gideon Saar auf sich. Dieser warf der Ukraine vor, kein formelles Rechtshilfeersuchen an Israel überstellt zu haben und seine Angaben, wonach das Getreide aus besetzten ukrainischen Gebieten stammen soll, nicht belegt zu haben. "Diplomatische Beziehungen, insbesondere zwischen befreundeten Nationen, werden nicht auf Twitter oder in den Medien geführt", schrieb Saar auf X. Israel sei ein Rechtsstaat und werde "im Einklang mit dem Gesetz handeln." Der Aussage Saars widersprach der ukrainische Präsident. "Die Ukraine hat alle notwendigen Schritte unternommen, um solche Vorfälle zu verhindern. Allerdings sehen wir, dass ein weiteres Schiff nicht gestoppt wurde", schrieb Selenskyj. Bei dem ersten Schiff handelt es sich laut einer Mitteilung des ukrainischen Außenministeriums vom 16. April um den Frachter ABINSK. Demnach hat die Ukraine Israel bereits am 23. März darüber informiert, dass das Schiff nach ukrainischen Erkenntnissen entwendetes Getreide geladen habe. Dennoch hätten israelische Behörden dem Schiff zwischen dem 12. und dem 14. April erlaubt, das Getreide in Haifa zu entladen. Die Ukraine ist ein bedeutender Exporteur von Getreide und weiteren landwirtschaftlichen Gütern. Russland hatte vor allem in den ersten beiden Kriegsjahren versucht, den ukrainischen Getreideexport zu unterbinden und dabei unter anderem Protest seitens mehrerer afrikanischer Regierungen auf sich gezogen, die um die Lebensmittelversorgung in ihren Ländern fürchteten. Zwar hatte Russland ihnen kostenlose Getreidelieferungen versprochen, allerdings in einem Umfang, der einem Bruchteil der ukrainischen Lieferungen entspricht. Nach dem Scheitern eines von den Vereinten Nationen vermittelten Abkommens zum Schutz ukrainischer Getreideexporte vor russischen Angriffen gelang es der Ukraine, Russlands Schwarzmeerflotte aus dem westlichen Schwarzen Meer zu verdrängen und ihre Exporte auf eigene Faust zu sichern. In den von Russland besetzten Gebieten wirft die Ukraine den Besatzern weiterhin vor, sich an der dortigen Landwirtschaft zu bereichern. In seiner Mitteilung kündigte Selenskyj an, die Ukraine bereite auf Basis von Geheimdienstinformationen Sanktionen gegen Personen vor, die sich an den Transporten unmittelbar beteiligten, sowie gegen Unternehmen oder Behörden, die darin verwickelt seien. Man arbeite auch darauf hin, dass die Betroffenen auch in EU-Sanktionslisten eingetragen würden. "Die Ukraine setzt auf Partnerschaften und gegenseitigen Respekt mit jedem Staat. Wir arbeiten aufrichtig daran, die Sicherheit, besonders in der Nahostregion, zu stärken", schrieb Selenskyj mit Blick auf die ukrainischen Angebote an Nahoststaaten, mit Abfangdrohnen und Sonderteams bei der Abwehr iranischer Drohnenangriffe zu helfen. "Wir erwarten, dass die israelischen Behörden die Ukraine respektieren und von Handlungen absehen, die unsere bilateralen Beziehungen untergraben." Das Verhältnis zwischen der Ukraine und Israel war in den vergangenen Jahren von unterschwelligem Konflikt geprägt. Israel hat sich trotz seiner weltweit führenden Rolle im Bereich der Flugabwehr kaum an Militärhilfen für die Ukraine beteiligt und ein gutes Verhältnis zu Russland gewahrt. Erst im September 2025 bestätigte Selenskyj Berichte, wonach ein Flugabwehrsystem des US-Typs Patriot von Israel an die USA zur Weitergabe an die Ukraine übergeben worden ist, und sprach bereits zuvor von einer Verbesserung der Beziehungen. Der Ukraine wird wiederum angelastet, bei UN-Abstimmungen regelmäßig nicht im Interesse Israels zu entscheiden. So hat die Ukraine nach ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion die sowjetische Anerkennung eines palästinensischen Staates übernommen. 2022 schloss sich die Ukraine einer UN-Resolution an, die den Internationalen Gerichtshof damit beauftragt hat, unter anderem den Vorwurf von israelischen Annexionen in Palästinensergebieten zu untersuchen. Israel bestellte daraufhin den ukrainischen Botschafter ein und versagte wiederum einer UN-Resolution, wonach Russland der Ukraine Reparationen zahlen solle, seine Unterstützung. Die konfliktgeprägten Beziehungen zwischen der Ukraine und Israel stehen im Kontrast zur öffentlichen Meinung in beiden Ländern: Eine deutliche Mehrheit der Ukrainer sympathisiert im Nahostkonflikt mit Israel, wo wiederum ein Großteil der Bevölkerung im russischen Krieg gegen die Ukraine das angegriffene Land unterstützt.