Soziale Ungleichheit: Wie das Elternhaus die Chance auf einen Gymnasialbesuch prägt

Datum28.04.2026 11:52

Quellewww.spiegel.de

TLDRSoziale Herkunft bestimmt maßgeblich die Gymnasialchancen deutscher Kinder. Weniger gebildete und einkommensschwache Eltern verringern die Wahrscheinlichkeit ihres Kindes, das Gymnasium zu besuchen, erheblich. Dies hat gravierende Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Neben sozioökonomischen Faktoren spielen auch Geschlechterunterschiede eine Rolle. Forscher fordern daher tiefgreifende Reformen des Bildungssystems, darunter frühkindliche Förderung und längeres gemeinsames Lernen.

InhaltSie sind kein Akademiker und nicht wohlhabend? Dann haben es Ihre Kinder deutlich schwerer, aufs Gymnasium zu kommen. Forscher fordern nun einen radikalen Schulumbau. Das Mädchen, das hier Dalia heißen soll, sitzt am Tisch und sagt dieselben Worte immer wieder leise vor sich hin. "Endlich April." Pause. "Du lässt das Herz wieder höherschlagen." Minipause. "Mit deinem frühlingsbunten Kleid." Die Zwölfjährige übt für die Schule, ein Frühlingsgedicht auswendig aufzusagen. Fünf Strophen, je vier Zeilen. Es klappt schon gut. Das Gedichtüben sei keine Hausaufgabe, erzählt Dalia, sondern freiwillig. Sie könne dafür eine Eins plus bekommen. Diese Aussicht spornt sie an. Bisher habe sie in Deutsch eine Zwei im Zeugnis, ebenso wie in den meisten anderen Fächern. Nur in Musik sei es leider eine Drei, sagt Dalia. Gute Noten sind ihr wichtig. Die Zwölfjährige besucht die fünfte Klasse eines Gymnasiums in Elmshorn, in Schleswig-Holstein. Sie möchte Abitur machen, Medizin studieren, Ärztin werden. "Anderen Menschen helfen", wie sie sagt. Bisher sieht es so aus, als ob Dalia das schaffen könnte. Und das ist bei einem Mädchen wie ihr in Deutschland das Bemerkenswerte. Dalia ist eins von rund einem Dutzend Kindern, das nachmittags regelmäßig den Kinderschutzbund Elmshorn besucht, um hier zu spielen und Hausaufgaben zu machen. Es ist eine Anlaufstelle für Kinder, die nicht aus klassischen Bildungsbürgerfamilien kommen; die Eltern sind meist weder Akademiker noch wohlhabend. Für solche Kinder ist es, statistisch betrachtet, höchst unwahrscheinlich, dass sie nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln und dort auch noch gute Noten haben. Das zeigt erneut der ifo-Chancenmonitor , der an diesem Dienstag vorgestellt wird. Der Chancenmonitor wurde erstmals 2023 veröffentlicht und betrachtet, wie sich der Bildungsabschluss der Eltern, das Haushaltseinkommen, die familiäre Einwanderungsgeschichte und der Alleinerziehendenstatus auf die Bildungschancen von Kindern auswirken. In der aktuellen Ausgabe liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Frage, welche Rolle das Geschlecht der Kinder spielt. Durchgeführt wird der Chancenmonitor vom ifo – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München. Die Autorinnen und Autoren sind Ludger Wößmann, Vera Freundl, Franziska Pfaehler, Florian Schoner und Olesia Tsaberaba. Auftraggeberin ist die Hilfsinitiative "Ein Herz für Kinder". Die Forschenden nutzen Daten der amtlichen Repräsentativstatistik Mikrozensus, der größten jährlichen Haushaltsbefragung in Deutschland. Für den Chancenmonitor 2026 konnte eine Stichprobe von 67.851 Kindern und Jugendlichen ausgewertet werden. Die Ergebnisse sind damit repräsentativ für Deutschland. Er stellt, zum zweiten Mal nach 2023, fest, "dass in Deutschland je nach familiärem Hintergrund ein enormer Unterschied in der Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, besteht". Von echter Chancengerechtigkeit könne man nach wie vor nicht reden. Die Ungleichheit der Bildungschancen habe sich "über die drei Jahre weiter verfestigt". Die Studie beruht auf einer umfangreichen Stichprobe, wie sie in solchen Untersuchungen sonst selten erreicht wird: Für die Auswertung wurden Daten von 67.851 Kindern und Jugendlichen genutzt. Welche weiterführende Schulform besuchen sie? Wie sind Einkommen, Bildungsstand und Werdegang der Eltern? Sind Vater oder Mutter alleinerziehend? Dabei zeigte sich: Alleinerziehendenstatus und familiäre Migrationsgeschichte haben eher schwache Effekte auf die Bildungswege der Schülerinnen und Schüler. Entscheidend sind zwei andere Faktoren: "Der Bildungserfolg der Kinder hängt besonders stark mit dem Bildungsniveau der Eltern und deren Haushaltseinkommen zusammen", heißt es in der Untersuchung. Dabei zeigten sich riesige Unterschiede bei der Chance auf einen Gymnasialbesuch. Haben beide Eltern kein Abitur und ein Haushaltseinkommen von unter 2750 Euro pro Monat, liegt – ohne Migrationshintergrund und bei gemeinsam erziehenden Paaren – die Chance der Kinder aufs Abitur bei gerade einmal 16,9 Prozent. Ganz anders bei einem Elternpaar, das eine Zuwanderungsgeschichte mitbringen, sehr gut verdient und bei dem beide Abitur haben: Hier landen die Kinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 80,3 Prozent auf dem Gymnasium. "Die Startchancen von Kindern und Jugendlichen werden noch immer viel zu sehr von ihrer sozialen Herkunft bestimmt", schreibt Ludger Wößmann, einer der Autoren der Studie, in seiner Zusammenfassung: "Das führt zu sozialen Spannungen und gefährdet den Zusammenhalt in der Gesellschaft." Hinzu kommen "auffällige Geschlechterunterschiede", so Wößmann: Jungen werden häufiger verspätet eingeschult als Mädchen, erhalten öfter eine Diagnose wie Lern- oder Rechtschreibschwäche oder ADHS, bekommen häufiger sonderpädagogischen Förderbedarf attestiert und bleiben in ihrer Schulkarriere häufiger sitzen als Mädchen. Das wirkt sich massiv auf die Schulkarrieren aus: Im Schuljahr 2024/25 lag der Anteil männlicher Schüler an Haupt- und Mittelschulen bei 57 Prozent, an Förderschulen sogar bei 65 Prozent. Und bereits seit Beginn der Achtzigerjahre zeigen die Daten, dass es mehr Abiturientinnen als Abiturienten gibt – mit steigender Tendenz. Die Ursache sehen die Bildungsfachleute unter anderem in fehlenden Rollenvorbildern, häufig schon zu Beginn der Bildungskarriere. "Geschlechterstereotype Ansichten über Mädchen und Jungen besagen oft, dass Lesen schon im frühen Alter ›Mädchensache‹ ist und Mädchen eher ein angepasstes, schulkonformes Verhalten an den Tag legen, während Jungen oft mit geringem Bildungsinteresse konnotiert werden", heißt es in der Studie. Als Maßnahme empfehlen die Forschenden unter anderem mehr Männer im Kita- und Schulbereich, die Sensibilisierung von Eltern und Lehrkräften für solche Stereotype – und den deutlichen Ausbau der Leseförderung für Jungen: Gute Lesekompetenzen seien "die Grundlage für weiterführendes Lernen in allen Fächern". Claas Schmidt-Riese ist Vorsitzender des Kinderschutzbundes in Elmshorn und versucht, der Ungerechtigkeit des Bildungssystems etwas entgegenzusetzen. Mit seinem Team und rund einem Dutzend Ehrenamtlichen bietet Schmidt-Riese zweimal pro Woche Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe an. Ohne Anmeldung, kostenlos. "Niedrigschwelliger geht es nicht", sagt er. Das Angebot sei rein spendenfinanziert. Dalia kommt regelmäßig her, um mit anderen Kindern zu spielen und ihre Hausaufgaben zu machen. "Wenn ich etwas nicht verstehe", sagt sie, "kann ich jemanden fragen." Ob das zu Dalias Schulerfolg beigetragen hat? Schmidt-Riese zuckt die Achseln. "Wir tracken nicht, wie sich die Noten der Kinder entwickeln. Wir wollen einfach Bildung breit streuen." In Elmshorn ist fast jedes vierte Kind armutsgefährdet; mehr als im bundesweiten Schnitt. Die Anlaufstelle des Kinderschutzbundes liegt zentral. Ein langgestreckter Flachbau zwischen zwei fünfgeschossigen Wohnblöcken, innen hängen an blau gestrichenen Wänden selbst gemalte Bilder und Basteleien von den Kindern. An einem Donnerstagnachmittag sitzen rund zehn Mädchen und Jungen an einem großen Tisch in der Küche. Ein Zweitklässler kämpft mit dem Einmaleins: "Ich brauche Hilfe." Eine Betreuerin erklärt ihm, wie er 3 mal 2 rechnen kann. Sie malt dreimal zwei Punkte auf ein Blatt. Er zählt nach, rechnet 2 plus 2 plus 2: "Sechs." Die Betreuerin nickt. "Perfekt." Der Junge strahlt, macht dann konzentriert weiter mit seinen Hausaufgaben. Schmidt-Riese sagt, die meisten Kinder, die er in den vergangenen Jahren beim Kinderschutzbund kennengelernt habe, seien genauso intelligent wie andere. Aber viele hätten aufgrund ihrer Lebensumstände gleich mehrere Hürden zu überwinden, um in der Schule erfolgreich zu sein. Erstens, zählt Schmidt-Riese auf, werde von vielen verlangt, jüngere Geschwister zu betreuen. "Dadurch fehlt den Kindern Zeit, um Hausaufgaben zu machen oder sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten." Zweitens lebten viele Familien auf sehr engem Raum, teils zu acht in zwei Zimmern. Die Kinder hätten kaum Rückzugsmöglichkeiten und Ruhe. Die dritte Hürde: Deutsch, weil zu Hause eine andere Sprache gesprochen werde. "Manchmal verstehen Kinder eine Aufgabe nicht, weil sie ein zentrales Wort nicht kennen", sagt Schmidt-Riese. Seine Kollegin, Janina Rohloff, nennt Hürde Nummer vier: Einige Eltern seien überfordert damit, sich richtig um ihre Kinder zu kümmern. "Viele gehen ohne Frühstück aus dem Haus, sitzen hungrig in der Schule und können sich deshalb schlecht konzentrieren." Hürde Nummer fünf: Armut. Schmidt-Riese sagt, viele Eltern seien arbeitslos oder hätten prekäre Jobs. Zugewanderte Eltern hätten in Deutschland oft schlechtere Jobs als in ihrer Heimat. Als Paketbote, Reinigungskraft oder Aushilfe im Supermarkt. "Die Eltern lieben ihre Kinder", betont der Ehrenamtliche, und ihnen sei die Bildung ihrer Kinder sehr wichtig. Aber ihnen fehle schlicht das Geld für Nachhilfe. Oder sie scheiterten an bürokratischen Hürden. Etliche wüssten gar nicht, welche Unterstützung ihnen zustehe und wo sie diese beantragen könnten. Die Liste dieser Hürden ließe sich fortsetzen, sagt Schmidt-Riese. Er habe häufiger erlebt, dass eine Negativspirale einsetzt: "Das Kind glaubt, es verstehe in der Schule sowieso nichts. Es ist frustriert, wird verhaltensauffällig, bekommt eine schlechte Note, traut sich nichts mehr zu und so fort." Neulich habe ein Junge wütend sein Mathebuch weggeschleudert, weil er nicht auf Anhieb verstanden hatte, was ein Parallelogramm ist. "Er hat schon so viele Misserfolge gehabt, dass ihm die Geduld für die Erklärung fehlte." Manche Kinder würden in der Schule "in eine Schublade gesteckt" und kämen da kaum noch allein heraus, kritisiert Schmidt-Riese. Dabei bräuchten sie nur von Anfang an mehr Unterstützung. "Aber", sagt er, "diesen Kindern fehlt die Lobby." Und daran hat sich, trotz zahlreicher Schulleistungsstudien seit dem Pisa-Schock 2001, kaum etwas geändert. Die internationale Vergleichsstudie belegt seither in regelmäßigen Abständen, dass der Schulerfolg in Deutschland deutlich stärker vom Elternhaus abhängt als in vielen anderen Industrienationen. Die Politik hat darauf bisher im Wesentlichen nur eine Antwort gefunden: das Startchancenprogramm. Bund und Länder investieren über zehn Jahre insgesamt 20 Milliarden Euro in 4000 Schulen in sogenannten herausfordernden Lagen. Das Geld soll etwa in zusätzliche Stellen für Schulsozialarbeit, in Schulentwicklung und Gebäudesanierung fließen. 20 Milliarden klingen zwar nach einer gewaltigen Summe, aber das Programm erreicht nur etwa jede zehnte Schule in Deutschland und nur einen Bruchteil der knapp elf Millionen Kinder und Jugendlichen, die aktuell zur Schule gehen. Grundsätzliche Strukturreformen sind nicht vorgesehen, allen Mahnungen zum Trotz. Im Dezember hatte das ifo-Institut vorgerechnet, dass von besserer Bildung nicht nur Menschen persönlich profitieren. Sondern der Wohlstand des ganzen Landes steigt. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) könnte bis zum Jahr 2105 um insgesamt rund 20,9 Billionen Euro zusätzlich steigen, hieß es in der Analyse. Dies entspräche ungefähr dem Fünffachen des Gesamt-BIP von rund 4,33 Billionen Euro im Jahr 2024. Für ihre Modellrechnung hatten die Bildungsökonomen simuliert, wie viel zusätzliche Wirtschaftsleistung im Verlauf eines im Schnitt 80 Jahre dauernden Lebens eines heute geborenen Kindes entsteht, wenn sich die Leistungen verbessern. Unter anderem müsste sich die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die an den Mindestanforderungen in Deutsch und Mathematik scheitern, innerhalb der nächsten zehn Jahre halbieren. Auch im Chancenmonitor haben die Wirtschafts- und Bildungsforschenden aus München jetzt wieder politische Handlungsoptionen formuliert. Sie fordern frühkindliche Bildungsangebote für benachteiligte Kinder, Erziehungshilfen für deren Familien, Mentoring-Programme für betroffene Kinder und frühe und kostenfreie Nachhilfeangebote – so wie in Elmshorn. Und sie nehmen die Politik in die Pflicht. Die müsse "die besten Lehrkräfte an Schulen mit vielen benachteiligten Kindern bringen" und die "Aufteilung auf unterschiedliche weiterführende Schulen verschieben", heißt es in der Untersuchung. Sprich: Längerer gemeinsamer Unterricht deutlich über die vierjährige Grundschulzeit hinaus, wie sie derzeit in fast allen Bundesländern üblich ist. Dabei ist auch den Forscherinnen und Forschern klar: Das wäre ein radikaler Umbau der Schullandschaft – und dürfte die beteiligten Ministerien weitgehend kaltlassen. Das Team in Elmshorn macht sich keine Illusionen. Dort möchte man sich nicht auf die Politik verlassen, weder finanziell noch strategisch, sondern den Druck an anderer Stelle erhöhen, wenn der Staat schon nicht von sich aus die nötigen Maßnahmen ergreift: "Wir besuchen Schulen hier in der Region und klären Klassen darüber auf, dass jedes Kind Rechte hat, auch ein Recht auf Bildung", sagt Janina Rohloff, "und dass es dieses Recht einfordern darf."