Meinung: Die Lage am Morgen - Allein mit einem enthemmten Regime

Datum28.04.2026 05:37

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Menschen im Iran verlieren die Hoffnung auf einen Machtwechsel angesichts eines repressiven Regimes und wirtschaftlicher Not. König Charles III. spricht vor dem US-Kongress, um die Beziehungen zu stärken, muss aber einen Grat zwischen amerikanischer Kriegspolitik und britischer Skepsis navigieren. In Mali und dem Sudan nehmen Dschihadisten und Milizen an Boden und begehen Gräueltaten, während die internationale Gemeinschaft weitgehend tatenlos bleibt, da die Krisen am Rande der westlichen Interessen liegen.

InhaltDie Menschen in Iran verlieren die Hoffnung auf einen Machtwechsel. König Charles spricht vor dem US-Kongress. Und: In Mali sind die Dschihadisten auf dem Vormarsch. Das ist die Lage am Dienstagmorgen. Heute geht es um die verzweifelte Lage der Menschen in Iran. Um einen geschichtsträchtigen Auftritt des britischen Königs. Und um den gefährlichen Siegeszug der Dschihadisten im Sahel. Da ist die Rentnerin aus Zentraliran, die sagt, die Waffenruhe zwischen ihrer Führung und den USA mache ihr ebenso viel Angst wie der Krieg selbst. "Sobald es dunkel wird, verkriechen sich die Leute in ihren Wohnungen." Da ist der Übersetzer aus Teheran, der davon berichtet, dass Lebensmittel durch die Inflation in Iran kaum mehr bezahlbar seien. Da ist die Journalistin, ebenfalls aus Teheran, die sich nur noch wenig Hoffnung auf einen Machtwechsel macht. "Alles ist wie eingefroren: die Wirtschaft, die soziale Lage, die politische Situation." Meine Kolleginnen Susanne Koelbl und Anna-Sophie Schneider und mein Kollege Fritz Schaap haben in den vergangenen Tagen mit Iranerinnen und Iranern gesprochen – am Telefon, denn für Journalistinnen und Journalisten ist es nach wie vor nur schwer möglich, in das Land zu reisen. Was ihre Gesprächspartner ihnen berichtet haben, ist bedrückend. Viele Menschen in Iran haben jede Hoffnung verloren, dass sich an den desaströsen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen in dem Land auf absehbare Zeit etwas ändert (mehr dazu hier ). Als Donald Trump vor zwei Monaten den Krieg gegen Iran begann, sollte es auch um die Iranerinnen und Iraner gehen. "Hilfe ist auf dem Weg", hatte der US-Präsident bereits zu Jahresbeginn versprochen. Von den Menschen in Iran ist in Washington längst keine Rede mehr. Es mag sein, dass sich Trump mit den Mullahs noch auf eine Art Deal einigt, auch wenn die Verhandlungen gegenwärtig auf Eis gelegt sind (mehr dazu hier ). Schwer vorstellbar scheint jedoch, dass es in Teheran rasch zu einem Machtwechsel kommt, wie Trump ihn lange propagiert hat. Die Menschen in Iran begreifen zunehmend, dass sie bald allein sein werden mit einem Regime, das militärisch zwar geschwächt, politisch jedoch gefestigt und radikalisiert ist – und das gewillt ist, jede Form des Widerstands notfalls mit barbarischer Gewalt zu unterdrücken. König Charles III. ist bereits seit gestern in Washington. Sein wohl wichtigster Termin auf der mehrtägigen Reise steht jedoch heute an: Charles spricht vor dem US-Kongress. Das bislang einzige Mal, dass eine britische Monarchin vor die Abgeordneten und Senatoren in Washington treten durfte, liegt dreieinhalb Jahrzehnte zurück, wie mein Kollege Christoph Giesen berichtet. Königin Elizabeth II., die Mutter von Charles, wurde diese Ehre 1991 zuteil (mehr dazu hier ). Für Großbritanniens Premier Keir Starmer ist der König eine Art diplomatische Wunderwaffe. Er soll das Verhältnis zwischen der Londoner Regierung zu Donald Trump kitten, das unter anderem durch Starmers skeptische Haltung gegenüber dem Irankrieg gelitten hat (mehr dazu hier ). Es ist kein Geheimnis, dass Trump fasziniert ist von dem Glanz, den das britische Königshaus für viele Menschen ausstrahlt. Charles muss in Washington dennoch einen schwierigen Balanceakt vollziehen. Denn viele Briten sehen wie Starmer den amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran kritisch und erwarten mahnende Worte von ihrem König. Hinzu kommt der Fall Epstein, der bereits zur Degradierung von Charles’ Bruder Andrew geführt hat und nun auch Starmer gefährdet. Der Premier hatte mit Peter Mandelson einen Mann zum US-Botschafter gemacht, der eng mit Epstein verbunden war. Just an dem Tag, an dem Charles im Kapitol auftritt, muss Starmers ehemaliger Stabschef Morgan McSweeney im Parlament zur Mandelson-Berufung aussagen. Im Zeitalter der immer rastloser werdenden Nachrichtenzyklen tat sich im vergangenen Herbst ein Fenster auf, in dem die Welt plötzlich auf den Sudan blickte. Die Miliz Rapid Support Forces (RSF) hatte in ihrem mehrjährigen Krieg gegen die Armee gerade die Stadt Faschir in der Region Darfur eingenommen und dabei wohl eine Reihe grausamster Kriegsverbrechen begangen. Mehrere Tausend Menschen wurden laut Schätzungen getötet, Zehntausende mussten fliehen. Die internationale Gemeinschaft beteuerte, dem Morden Einhalt gebieten zu wollen – und unternahm doch wenig (mehr dazu hier). Inzwischen ist der Krieg weitergezogen, die beiden Konfliktparteien bekämpfen sich nun vor allem in den Kordofan-Regionen. Dabei könnten sich Verbrechen wie in Darfur wiederholen, warnte Abdullahi Hassan, Sudan-Experte bei Amnesty International, unlängst im Gespräch mit dem SPIEGEL in Berlin. Und doch ist es auch diesmal unwahrscheinlich, dass die Staatengemeinschaft interveniert – etwa indem sie den Druck auf RSF-Unterstützer wie die Vereinigten Arabischen Emirate erhöht. Für die Untätigkeit gibt es verschiedene Gründe. Einer ist wohl auch, dass Sudan am Rande der Sahel-Zone liegt und damit in einer Region, für die sich gerade der Westen nur sehr begrenzt interessiert. Zu beobachten ist das auch in Mali. Dort sind die Dschihadisten auf dem Vormarsch, haben am Wochenende den Verteidigungsminister getötet und könnten die Hauptstadt Bamako einnehmen (mehr dazu hier). Die Europäer nehmen das weitgehend gleichgültig hin. Es ist eine Ignoranz, die moralisch falsch ist und sich auch politisch rächen dürfte, weil die Geschichte gezeigt hat, dass Krisen im Sahel selten auf die Region begrenzt bleiben. Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games. …ist Olaf Scholz. Es war ruhig geworden um den Altbundeskanzler. Im Bundestag fristet er weitgehend ein Schattendasein. Nun jedoch wird er in New York geehrt. Scholz erhält die Leo-Baeck-Medaille für seine Verdienste um das jüdische Leben in Deutschland. Laudator ist Antony Blinken, US-Außenminister unter Präsident Joe Biden – ein weiterer Mann also, der den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn wohl schon hinter sich hat. Wer Sport treibt, tut etwas für seine Gesundheit. Wer es falsch macht, landet oft auf der Behandlungsbank. Zwei Physiotherapeuten und ein Osteopath erzählen, warum sich viele unnötig verletzen – und was man präventiv dagegen tun kann . Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihr Maximilian Popp, stellvertretender Ressortleiter Ausland