Pressestimmen zum Korrespondentendinner: »Trump hat die Gewalt salonfähig gemacht«

Datum27.04.2026 09:47

Quellewww.zeit.de

TLDR

InhaltInternationale Medien verurteilen den Angriff in Washington. Doch viele betonen auch den Anteil des US-Präsidenten an einem Klima, in dem politische Gewalt entsteht. Nach den Schüssen bei einem Gala-Dinner mit Donald Trump in Washington, D. C. sehen mehrere internationale Medien einen Beitrag des US-Präsidenten zu einem Klima der Gewalt in den Vereinigten Staaten. Trump habe die Gewalt in den USA nicht erfunden, schreibt etwa die italienische Zeitung La Stampa, aber: "Er hat sie salonfähig gemacht. Er hat das Opferdenken in eine Ideologie verwandelt, Groll in eine Wahlstrategie, Grausamkeit in ein Spektakel, Rache in eine Regierungsform. Er hat früher als viele Republikaner verstanden, dass Angst stärker mobilisiert als Hoffnung, dass Wut stärkere stammesartige Bindungen schafft als Programme, und dass es einfacher ist, Feinde zu erfinden, als Probleme zu lösen." Die Schüsse in Washington seien ein "Symptom" gewesen, heißt es weiter. "Sie spiegeln eine Gesellschaft wider, in der zu viele gelernt haben, dass Grausamkeit Stärke ist, Demütigung Unterhaltung, Wut Authentizität und Hass Führung. Trump hat das nicht allein geschaffen. Die Spaltungen gehen ihm lange voraus. Aber er hat sie vergrößert, monetarisiert, glamourös gemacht und in ein permanentes Rauschen verwandelt. Vor allem hat er Millionen Amerikaner davon überzeugt, dass Bosheit eine legitime Form des Regierens ist." Jahrzehntelang hätten die USA der Welt gezeigt, wie eine Demokratie geführt werden könne. "Unter Trump laufen sie Gefahr, etwas Dunkleres zu lehren: wie eine Demokratie ihre Seele verlieren kann, während sie dem Spektakel applaudiert", schreibt La Stampa aus Italien. Der britische Guardian betont, nicht nur "die einflussreichsten Persönlichkeiten" seien bedroht, wie Trump das zuvor behauptet hatte. "Gewalt hat in den USA Demokraten und Republikaner auf allen Ebenen der Politik das Leben gekostet" – etwa die demokratische Abgeordnete Melissa Hortman oder den Trump-Verbündeten und Aktivisten Charlie Kirk. Viele US-Amerikaner würden auch die aggressive Sprache in der Politik für Gewalttaten verantwortlich machen. "Ein Präsident sollte mit gutem Beispiel vorangehen und einen respektvollen Umgangston pflegen. Stattdessen hat Donald Trump die Polarisierung gefördert, entmenschlichende Rhetorik verwendet und es versäumt, Gewalt seitens der Rechten zu verurteilen", schreibt The Guardian. The Telegraph, ebenfalls aus Großbritannien, blickt auf die Historie von Angriffen auf US-Präsidenten. Das Amt bringe, bei allem Prestige, die Gefahr von Attentaten mit sich. "Vier der bislang 45 US-Präsidenten wurden vor Ablauf ihrer Amtszeit getötet. Zwei weitere wurden verwundet und überlebten: Trump und Ronald Reagan. Selbst mit dem weltweit besten Sicherheitsdienst ist das ein sehr gefährlicher Job." Unabhängig davon, was man von Trumps Politik halte, sei sein Umgang mit dieser Gefahr "vorbildlich": "Trump besteht darauf, an Veranstaltungen teilzunehmen, auch wenn dies ein Risiko für ihn darstellt. Diese Entscheidung ist richtig und setzt ein Zeichen für andere, sich nicht von Terror und Drohungen einschüchtern zu lassen." Die Neue Zürcher Zeitung hält fest, es sei noch zu früh, um zu beurteilen, ob der Angriff sich auf die Zwischenwahlen im November auswirken könne. Trump und seine Republikaner stünden jedoch "unter großem Druck", insbesondere wegen der wirtschaftlichen Lage und des Irankriegs. "Trumps Reaktion auf das Attentat vor zwei Jahren hat ihm zumindest einen kurzfristigen Sympathiebonus gegeben. Auch an diesem Samstagabend fand er rasch die Fassung und die passenden Worte; bei der eilends anberaumten Pressekonferenz im Weißen Haus trat er staatsmännisch auf." Zu Recht hätten Staats- und Regierungschefs weltweit in Reaktion auf die Schüsse in Washington betont, dass politische Gewalt in einer Demokratie keinen Platz haben dürfe, ist in The Irish Times aus Dublin zu lesen. "Die Häufigkeit der Drohungen gegen Trump spiegelt jedoch einen besorgniserregenden Trend in einem zunehmend polarisierten politischen Umfeld wider." Zum Hintergrund der Tat gehöre ein vergiftetes politisches Klima. "In den USA ist die Sprache der politischen Debatte unter der Führung von Trump und seinen ›Make America Great Again‹-Anhängern zunehmend aggressiver geworden." "Der neue Anschlagsversuch auf Donald Trump zeigt, wie tief politische Gewalt inzwischen im öffentlichen Leben der USA verankert ist", heißt es in der spanischen Zeitung El Mundo. "Dieses Ereignis lässt sich nicht vom Klima extremer Polarisierung trennen, das die älteste Demokratie der Welt erfasst hat." Nun müsse die Politik besonnen reagieren – weder Republikaner noch Demokraten dürften diesen Angriff zur "Munition im Wahlkampf" machen: "Keine Demokratie überlebt es, wenn aus politischen Gegnern Feinde werden. Nach dem Angriff auf Trump stehen die Vereinigten Staaten erneut genau an diesem Abgrund." Trump sei unter der Bedrohung durch die Schüsse "wie gewohnt gelassen" geblieben, heißt es im Wall Street Journal aus den USA. "Dies ist offenbar bereits der dritte Attentatsversuch auf Trump – und es ist etwas dran an seiner Behauptung, dass er ins Visier genommen wird, weil er etwas bewirkt hat. Er versucht, einen Großteil des Status quo in Washington zu verändern, was neben seiner oft scheußlichen Rhetorik dazu geführt hat, dass viele seiner Gegner jegliches Urteilsvermögen und jedes Augenmaß verloren haben." Politiker und Medienvertreter müssten aufhören, in "apokalyptischen Tönen" zu sprechen und zu schreiben, fordert das Wall Street Journal. Vielmehr müsse die Vernunft in die politischen Debatten zurückgebracht werden. "Wir müssen die traditionelle moralische Grundhaltung wiederbeleben, dass Gewalt inakzeptabel ist. Das wird die wirklich Geistesgestörten nicht von kriminellen Handlungen abhalten, aber es könnte dazu führen, dass weniger Menschen denken, Gewalt sei moralisch gerechtfertigt."