Datum27.04.2026 09:31
Quellewww.spiegel.de
TLDR
InhaltEr provoziert und polarisiert, dennoch ist Vizeparteichef Wolfgang Kubicki die beste Hoffnung für die Liberalen. Es gibt allerdings ein großes Problem. Darf ein Mann, der den Bundeskanzler unflätig beleidigt, eine liberale Traditionspartei führen? Die Frage stellt sich, seit der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki einem Podcast erzählt hat, was ihm nach einer abfälligen Äußerung von Friedrich Merz durch den Kopf ging: "Du Eierarsch!". Es war nicht die einzige provokante Äußerung Kubickis, der auf dem Parteitag Ende Mai für den FDP-Vorsitz kandidiert. Zur AfD sagte er im selben Podcast, eine Brandmauer kenne er nicht (er schloss allerdings aus, mit den Rechtsradikalen zu koalieren oder sich von Ihnen dulden zu lassen). Ralf Neukirch leitet das Meinungsressort des SPIEGEL Sollte so jemand ein Amt übernahmen, das einst Politiker wie Theodor Heuss, Walter Scheel oder Hans- Dietrich Genscher bekleidet hatten? Die Frage ist falsch gestellt. In Wahrheit müsste sie lauten: Hat die FDP ohne einen Chef, der die Kunst des permanenten Zuspitzen, Provozierens und Schmutzelns beherrscht, überhaupt noch eine Chance? Die Antwort lautet: vermutlich nicht. Oder wissen Sie, wer Henning Höne ist? Das ist der Partei- und Fraktionschef der Liberalen in NRW, der gegen Kubicki antritt. Ein seriöser Mann mit seriösen Positionen und viel kommunalpolitischer Erfahrung. Zur Debatte über den Tankrabatt oder der Gesundheitsreform hätte er möglicherweise gewichtigeres beizutragen als sein Konkurrent. Doch spielt das im Überlebenskampf der Partei nur eine Nebenrolle. Mediale Aufmerksamkeit ist ein kostbares Gut im politischen Wettbewerb. Eine Partei, die nicht einmal im Bundestag sitzt, kann noch so gute Konzepte gegen Altersarmut oder Steuerflucht habe. Sie wird damit kaum gehört werden. Das geht nur auf andere Weise: Freche Sprüche, über die sich die anderen aufregen, gezielte Grenzüberschreitungen. Kubicki weiß das. Falls Höne es auch weiß, hat er sich bisher nichts anmerken lassen. Man kann sich kaum vorstellen, dass er die Befürchtung äußert, er könne zum "Hurenbock" werden. Kubicki hatte damit in einem legendären Interview mit der "Zeit" kein Problem. Dass Show wichtiger sein kann als Inhalte, wussten schon andere FDP-Vorsitzende. Nachdem die FDP 1998 aus der Regierung geflogen war, erfand der damalige Parteichef Guido Westerwelle das "Projekt 18" – angeblich die angestrebte Prozentzahl bei der Bundestagswahl. Er reiste mit dem "Guidomobil" durchs Land und ließ sich, obwohl chancenlos, als erster Vorsitzender der Liberalen zum Kanzlerkandidaten küren. Christian Lindner, der die FDP aus der außerparlamentarischen Opposition wieder in den Bundestag und dann in die Regierung führte, wusste ebenfalls, wie man auf aufmerksam macht. Er dürfte der erste deutsche Parteichef gewesen sein, der in einem Wahlspot im Unterhemd posierte. Man kann das alles aus guten Gründen abgeschmackt oder trostlos finden. Das ändert nichts daran, dass es funktioniert. Es gibt bei dieser Methode, Politik zu machen, ein zentrales Problem: Sie funktioniert in der Opposition. Aber sie schwächt in einer Partei den Willen und die Fähigkeit, seriös zu regieren. Darauf deuten zumindest die Erfahrungen der FDP hin. Westerwelle hatte die FDP als Oppositionsführer vor allem auf einen Programmpunkt festgelegt: Steuersenkungen. Das war plausibel: Mit mehr als einer inhaltlichen Forderung dringt eine kleine Partei bei den Wählerinnen und Wählern ohnehin nicht durch. Als Westerwelle bei den Koalitionsverhandlungen mit der Union im Jahr 2009 Steuersenkungen nicht durchsetzen konnte, war er im Grunde bereits gescheitert. Vier Jahre später flogen die Liberalen aus dem Bundestag. Was für die Westerwelle die Steuersenkungen waren, war für Lindner die Schuldenbremse. An der hielt er auch dann noch fest, als längst klar war, dass diese weder zur der Lage des Haushalts noch zur Lage der Welt passte. Wieder verschwand die FDP aus dem Parlament. Kernige Forderungen helfen in der Opposition und im Wahlkampf. Beim Regieren sind sie eher hinderlich. Dafür muss ein Politiker andere Fähigkeiten haben: Er muss ausgleichen können, Kompromisse schließen, Positionen infrage stellen. Wie schwierig es ist, von seinen starken Worten wieder herunterzukommen, muss auch Friedrich Merz erleben. Dass ausgerechnet Kubicki der FDP das Regieren beibringen wird, kann man sich kaum vorstellen. In der Ampelregierung war er mit seiner Kritik an den Koalitionspartnern SPD und Grünen ein ständiger Störfaktor. Provokationen helfen nicht gut, wenn man zusammenarbeiten muss. Es ist für die Liberalen ein echtes Dilemma: Sie brauchen einen Typ wie Kubicki, um eine Chance zu haben, wieder in den Bundestag einzuziehen. Und sie brauchten jemanden, der ganz anders ist als Kubicki, um wieder regierungsfähig zu werden. Aber zunächst geht es ums nackte Überleben. An Kubicki führt vermutlich kein Weg vorbei.