Datum27.04.2026 08:07
Quellewww.spiegel.de
TLDRDeutschland und Großbritannien streben eine engere Kooperation nach dem Brexit an, besonders in Wirtschaftsfragen. Handelshürden wie Bürokratie und unterschiedliche Standards bestehen weiterhin. Trotz Fortschritten durch den Kensington-Vertrag und Bemühungen um eine Annäherung an die EU, sind konkrete Schritte für Unternehmen nötig. Der Nahostkonflikt könnte den Handel belasten. Stattdessen konzentriert sich Großbritannien auf den Energiesektor und die Verteidigungsindustrie, wo deutsche Unternehmen bereits investieren. Der Automobilsektor bleibt ein wichtiger deutscher Exportartikel.
InhaltDeutschland und Großbritannien bemühen sich um eine Wiederannäherung. Gut sechs Jahre nach dem Brexit geht es heute in Berlin um eine intensivere Kooperation in Wirtschaftsfragen. Gut sechs Jahre nach dem Brexit bemühen sich die deutsche und die britische Regierung um eine Wiederannäherung. Als "Freunde mit gewissen Vorzügen" beschreibt die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) die Beziehung der beiden Länder. Experten sehen jedoch trotz aller Fortschritte noch deutlichen Nachholbedarf. "Die deutsch-britische Wiederannäherung ist aus wirtschaftlicher Perspektive überfällig", schreibt Marc Lehnfeld von der bundeseigenen Gesellschaft Germany Trade and Invest (GTAI) in London. York-Alexander von Massenbach von der Britischen Handelskammer in Deutschland (BCCG) sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Die Herausforderungen der Post-Brexit-Welt sind in der Praxis für unsere Mitglieder unverändert spürbar." Das Vereinigte Königreich war 2022 nach dem EU-Austritt 2020 zwischenzeitlich aus den Top 10 der deutschen Handelspartner gefallen. Mit einem Handelsvolumen von 118,4 Milliarden Euro lag UK 2025 immerhin wieder auf dem neunten Platz – vor dem Brexit hatten die Briten aber dauerhaft zu den Top 5 gehört. Nach wie vor sind die durch den Brexit entstandenen Hürden beim Handel und für Unternehmen hoch. Dazu gehören die über-bürokratisierte Zollabfertigung sowie unterschiedliche Produktstandards und Zertifizierungen. Der fehlende EU-Standard der Arbeitnehmerfreizügigkeit führt zu Unsicherheiten und Planungsschwierigkeiten. Eine Rückkehr in die Zollunion schließt die britische Regierung von Premierminister Keir Starmer bislang aus. "Grenzüberschreitend ist der Arbeitskräftemangel eine große Hürde. Hinsichtlich der Visa-Regulationen wäre mehr Flexibilität wünschenswert", sagte von Massenbach. Insgesamt sei es vor allem zur administrativen Entlastung von kleinen und mittleren Unternehmen sinnvoll, die Regulation zu vereinfachen, ergänzte der Partner der Wirtschaftskanzlei GSK Stockmann in London. Mit dem Kensington-Vertrag waren vor bald einem Jahr Fortschritte auch für die Wirtschaft in Aussicht gestellt worden – über die britischen Bemühungen hinaus, generell wieder näher an die EU zu rücken. "In der bilateralen Kooperation beobachten wir nach wie vor ernsthafte Bestrebungen zwischen Deutschland und Großbritannien", sagte von Massenbach. "In der Umsetzung wären für viele Unternehmen aber konkrete Schritte wünschenswert." Der Krieg in Nahost wird nach Einschätzung der Experten auch den Handel beider Nationen belasten. "Steigen die Energiepreise weiter und verteuern sich Produktion und Vorleistungen entlang der industriellen Wertschöpfungsketten, drohen Investitionspläne auf Eis gelegt zu werden", sagte GTAI-Direktor Lehnfeld. "Auch die Industrieproduktion könnte niedriger ausfallen. Dann gehen auch die deutschen Exporte von Industriemaschinen und Vorleistungsgütern zurück. Das könnte die sonst so gute Stimmung in der deutsch-britischen Wirtschaft kurzfristig eintrüben." Aus Sicht der Briten stehen besonders der stark wachsende britische Energiesektor und die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie im Fokus der Verhandlungen. Die britische Regierung hatte das Ziel ausgegeben, zur "Supermacht der sauberen Energie" zu werden, bis 2030 soll die Stromproduktion praktisch emissionsfrei sein. Im Verteidigungsbereich hatte Premierminister Starmer im Verlauf des Ukrainekriegs immer wieder die deutliche Erhöhung der Ausgaben ab 2027 auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angekündigt. Aus Deutschland haben sich bereits mehrere Unternehmen niedergelassen. Rheinmetall produziert laut GTAI-Angaben unter anderem Transportpanzer für die britische Armee, auch für die Produktion von Drohnen wechselten deutsche Start-ups über den Ärmelkanal. Eine hohe Bedeutung hat das Vereinigte Königreich zudem als Investitionsstandort und Finanzplatz in London. Es sei zu beobachten, "dass auch deutsche Unternehmen verstärkt Finanzierungen über London abwickeln, da deutsche Banken bereits seit Längerem deutlich weniger aktiv, zum Beispiel bei Projektfinanzierungen, sind", sagte von Massenbach. Mit Blick auf die Warenexporte aus Deutschland spielt das Auto wenig überraschend eine große Rolle. "Die Neuwagenregistrierungen in UK sind 2025 um 3,5 Prozent auf über zwei Millionen Pkw gestiegen", sagte Lehnfeld. "Die deutschen Pkw-Exporte wiederum stiegen im gleichen Zeitraum um über 12 Prozent auf 15,8 Milliarden Euro an. Deutschlands wichtigstes Exportgut auf die Insel macht nun wieder jeden fünften Euro der deutschen Ausfuhren nach UK aus."