Datum27.04.2026 04:00
Quellewww.zeit.de
TLDRExperten zählen in Hessen Vögel für Naturschutzzwecke im Projekt "Adebar 2". Methoden variieren je nach Art, z.B. Zählung während der Balz bei Rebhühnern, Erfassung besetzter Nester bei Graureihern oder das Lauschen auf Rufe bei Spechten. Diese Daten sind entscheidend, um Bestandsrückgänge zu erkennen, wie beim Rebhuhn, und gezielte Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Naturschutz“. Lesen Sie jetzt „Von der Kunst, Vögel zu zählen“. Wie geht es Hessens Vogelwelt? Um diese Frage beantworten zu können, zählen Experten regelmäßig Vögel und Vogelarten. Die Daten sind eine wichtige Grundlage für einen sinnvollen Naturschutz. An den Kartierungen etwa für das aktuelle bundesweite Großprojekt "Adebar 2" beteiligen sich hessenweit zahlreiche haupt- und ehrenamtliche Ornithologen. Aber wie zählt man eigentlich Vögel? "Grundsätzlich gilt, dass jede Art immer dann erfasst wird, wenn die Vögel während des Höhepunktes der Balz am auffälligsten und damit am besten und vollständigsten zu zählen sind", sagt Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz. Jeder Vogel werde mit der Methode erfasst, mit der die Ergebnisse am leichtesten zu erzielen und am vollständigsten seien. Die Feldarbeiten für "Adebar 2", einer Art Inventur der Vogelwelt, laufen seit rund einem Jahr und sollen bis 2029 dauern. In Hessen umfasst die Inventur gut 200 Arten. In der späten Dämmerung auf einem Acker in der Wetterau nördlich von Frankfurt. Es weht ein kalter Wind, Nieselregen setzt ein. Plötzlich ist ein schnarrendes "Girrhäk" zu hören, kurz darauf nochmal. "Girrhäk". Mit geschultem Ohr weiß die Biologin Hannah Zerbe sofort, wo die Verursacher sitzen und deutet nach vorne in die Dunkelheit. "Da sind Rebhähne." In der Wärmebildkamera sind drei Vögel als helle Punkte zu erkennen - und können gezählt werden. Der "Vogel des Jahres 2026" lässt sich auch vom schlechten Wetter nicht von der Balz abhalten. Pünktlich eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang geht es bei den Rebhähnen los, exakt 30 Minuten lang dauert die Partnersuche. Dann ist wieder Ruhe auf dem Acker - um keine Fressfeinde anzulocken. Seit den 1970er-Jahren sind die Rebhuhnbestände als Folge der intensiven Landwirtschaft massiv um 90 Prozent eingebrochen. Seit 2023 will das bundesweite Projekt "Rebhuhn retten - Vielfalt fördern" gegensteuern. Zwei der insgesamt zehn Projektgebiete liegen in Hessen: Im Hessischen Ried und im Landkreis Wetterau. Hier erfassen Experten und Expertinnen wie Hannah Zerbe regelmäßig die Zahl der Brutpaare. Auch Graureiher und Saatkrähen werden in Hessen gezählt - jedoch ganz anders als Rebhühner. Bei diesen Arten werden im März die besetzten Nester in den Brutkolonien erfasst. "Dies muss bis zum Laubaustrieb abgeschlossen sein, da die Nester in den belaubten Bäumen zum Teil sehr gut versteckt sind und dann nicht mehr vollständig erfasst werden können", erklärt Stübing. Nicht ganz leicht zu zählen sind Schwarzspechte oder Grauspechte, da sie weitläufige Reviere besiedeln - bis zu 300 Hektar Waldfläche. Die Chance, zufällig einen solchen Specht zu sehen, sei ziemlich gering, daher laufe die Zählung über die Rufe, erläutert Stübing. Dazu werden Klangattrappen abgespielt und mögliche Antwort der Vögel registriert. Diese Methode ist nur für wissenschaftliche Zwecke erlaubt und muss so sparsam wie möglich eingesetzt werden, um die Tiere nicht unnötig aufzuschrecken. Für private Beobachtungen oder Fotografien ist es laut Naturschutzgesetz verboten, Vögel anzulocken. Andere Arten sind nach den Worten des Vogelkundlers methodisch schwer zu erfassen. "Auf Platz Eins sehe ich hier das Tüpfelsumpfhuhn", sagt Stübing. Die Art brütet in Sumpfgebieten. "Das Männchen ruft dort gut versteckt tief in der Nacht. Sobald ein Weibchen da ist und die beiden verpaart sind, hält er dann die Klappe." Dann sei die gesamte Brutzeit nichts mehr zu hören. "Beim Tüpfelsumpfhuhn hat man nur wenige Tage die Chance - in absoluter Dunkelheit in einem Sumpfgebiet." Neben Brutvögeln werden auch Vögel gezählt, die während des Zuges oder im Winter in Hessen unterwegs sind - etwa beim Monitoring für rastende Wasservögel. Dazu zählen etwa Entenvögel oder Kiebitze. Viele dieser Arten brüteten in der Arktis - wo wenig Menschen sind und daher auch nur schlecht gezählt werden kann. Um Doppelerfassungen der sehr mobilen Vögel zu vermeiden, wird in Europa zu einem festgelegten Zeitpunkt synchron gezählt. "Es kommt vor, dass sich mehrere Tausend Individuen in einem Gebiet aufhalten", berichtet Stübing. Bei großen Vogelschwärmen hilft den Experten die Erfahrung - und die Anzahl wird über ein fiktives Raster geschätzt. Fliegt ein Schwarm einigermaßen ruhig, ließen sich die Tiere auch durchzählen. Auch wenn diese Daten nicht auf den einzelnen Vogel genau seien, lasse sich mit der Methode grundsätzlich sehr gut abschätzen, wie sich eine Population entwickelt. "Gibt es bestandsbedrohende Abnahmen, können wir versuchen, die Art durch gezielte Naturschutzmaßnahmen zu erhalten", bekräftigt Stübing. Zählungen seien daher für den Naturschutz von enormer Bedeutung. © dpa-infocom, dpa:260427-930-997105/1