Datum26.04.2026 12:47
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel kritisiert das Manifest von Palantir-CEO Alex Karp, das als Beispiel für den autoritären und machtgetriebenen Charakter des Silicon Valley gesehen wird. Karp äußert dort provokante politische Ansichten und die Firma Palantir nutzt oft staatliche Gelder und Daten. Der Autor stellt fest, dass die europäische Abhängigkeit von US-Technologie, selbst bei vermeintlich europäischen Diensten, die "digitale Souveränität" Europas untergräbt und europäische Werte gefährdet.
InhaltDas Manifest der US-Firma Palantir steht für das neue Silicon Valley: autoritär, latent rassistisch, angetrieben von Machtgier und Steuergeld – gern auch aus Deutschland. Doch unser Digitalproblem reicht tiefer. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Stellen Sie sich einmal vor, der Vorstandsvorsitzende von BMW, SAP oder Siemens würde öffentlich Folgendes erklären: "Manche Kulturen sind dysfunktional und regressiv", ja "schädlich". Pluralismus, also die Akzeptanz unterschiedlicher Weltbilder und Vorstellungen vom guten Leben, sei "leer und hohl", eine "platte Versuchung". Die eigene Branche müsse künftig eine wichtige Rolle dabei spielen, "Gewaltverbrechen" zu bekämpfen. Die "Kastration" Deutschlands und Japans nach dem Zweiten Weltkrieg müsse "aufgehoben werden". Man würde den jeweiligen Spitzenmanager – zu Recht – für größenwahnsinnig halten. Aktionärinnen und Aktionäre würden darauf drängen, den Chefposten schnell mit jemandem zu besetzen, der sich um sein Geschäft kümmert und sich keine Urteile über "schädliche Kulturen" und Geopolitik anmaßt. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Alle oben zitierten Passagen stammen aus dem offiziellen X-Account des US-Unternehmens Palantir. Dessen CEO Alex Karp hat vergangenes Jahr gemeinsam mit einem Co-Autor ein Buch veröffentlicht, das für die sozialen Medien zu einem bizarren Manifest mit 22 Punkten destilliert wurde. "Auf vielfachen Wunsch", wie der einleitende Post erklärte. Es gibt zwischen den reaktionären politischen Ansichten von Alex Karp und der Unternehmensposition von Palantir augenscheinlich keinen Unterschied. Und die US-Tech-Oligarchen fühlen sich mittlerweile so mächtig und sicher, dass sie nicht einmal mehr einen Hehl daraus machen, dass sie politische Macht anstreben und sehr konkrete Vorstellungen davon haben, wie die politische Zukunft der Welt auszusehen habe. Die zwei Palantir-Mitgründer Peter Thiel und Joe Lonsdale denken ähnlich. Das Palantir-Manifest strotzt vor kaum verhohlenem Augenzwinkern in die Richtung rechtsextremer Ideologien. Es stellt verklausuliert die Pressefreiheit und Kritik an Regierenden infrage ("wir sollten viel gnädiger mit jenen sein, die sich einem Leben in der Öffentlichkeit unterwerfen"), atmet offene Staatsverachtung ("Beamte müssen nicht unsere Priester sein") und behauptet, es herrsche vielerorts eine "Intoleranz gegenüber Religiosität", der man sich "widersetzen" müsse. All das im Angesicht der Tatsache, dass der "Kriegsminister" der USA sein Militär zum Beten nötigt und der Präsident, für den Karp und andere fleißig spenden , sich selbst für den Messias zu halten scheint. Karp und andere stehen für etwas, das Quinn Slobodian und Ben Tarnoff in einem aktuellen Buch "Muskismus" getauft haben, Hannah Pilarczyk hat das in einem SPIEGEL-Leitartikel gerade am Beispiel des Manifests aufbereitet . Die vermeintlichen Staatsverächter aus dem Silicon Valley sind nicht nur politisch reaktionär, militaristisch und größenwahnsinnig: Sie mögen am Staat in Wahrheit sehr, dass er ihnen und ihren Unternehmen garantierte Gewinne und, im Zuge der Privatisierung hoheitlicher Aufgaben, auch immer weiter wachsende Macht verspricht. Parallel investieren Sie in Alternativstaaten, in denen es gar keine demokratischen Regeln mehr gibt. Donald Trumps ICE-Schläger- und Killertruppe setzt selbstverständlich Palantir-Software ein, um Jagd auf unerwünschte Bewohnerinnen und Bewohner der USA zu machen . Vermeintlich libertäre Akteure wie Karp, Palantir-Mitgründer Peter Thiel oder eben Elon Musk arbeiten tatkräftig an einem effizienten, allwissenden Überwachungsstaat, einem digital-polizeilichen Komplex, privat organisiert, privat abgeschöpft. Unterfüttert mit rechtsradikalen Fantasien über "überlegene" Kulturen. Es fließen Milliardensummen. Palantir nimmt derzeit auch deutsches Steuergeld ein: In Hessen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und künftig auch in Baden-Württemberg sind Palantir-Dienste im Einsatz. In diesen Ländern sind Union, Freie Wähler, Grüne und SPD die Regierungsparteien. Es gibt also bislang eine breite Koalition in diesem Land, die mit den Diensten der Firma mit den autoritären Fantasien kein großes Problem zu haben scheint. Bundesinnenminister Dobrindt will Palantir-Software womöglich auch bundesweit einsetzen. Gleichzeitig ist in Europa ständig von "digitaler Souveränität" die Rede. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb schon 2020 einen Gastbeitrag über "technologische Souveränität" für das "Handelsblatt". Darin steht: "Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Rechte und unsere Privatsphäre online genauso geschützt sind wie offline, dass wir die Kontrolle über unser Leben und unsere personenbezogenen Daten haben und dass wir der Technik vertrauen können." Nun wertet Software von Palantir in großem Stil "personenbezogene Daten" deutscher Staatsbürger aus. Die Updates kommen aus dem zunehmend autoritär denkenden Silicon Valley. Das Phänomen beschränkt sich aber nicht auf Palantir. Die Firma ist nur das krasseste Beispiel für ein grundsätzliches Phänomen: "Wenn wir ›unsere‹ digitalen Dienste nutzen, nutzen wir in Wahrheit amerikanische Infrastruktur, reguliert durch amerikanische Gesetze im Dienste amerikanischer Interessen", schreibt Francesca Bria, Professorin am University College London, ehemalige Chief Technology Officer von Barcelona und Beraterin der EU-Kommission. In einem Projekt namens "The Authoritarian Stack" hat Bria gemeinsam mit einem Kollegen das Netzwerk des neuen, rechts-autoritär denkenden Silicon Valley und dessen Machtstrukturen und Kapitalströme kartiert. Mit "Stack" ist der "Stapel" aus Soft- und Hardware gemeint, mit dem ein Netzwerk aus Tech-Oligarchen, Venture-Kapital-Firmen und politischen Akteuren derzeit nicht nur die USA infiltriert, sondern zunehmend auch europäische Gesellschaften. Im "Authoritarian Stack" sind auch Personalrochaden zwischen Techfirmen wie OpenAI, Palantir oder SpaceX und US-Behörden und -Militär nachgezeichnet. Und die Abermilliarden, die diese Firmen mit staatlichen Verträgen umsetzen. Palantir hat nicht nur Verträge mit deutschen Polizeibehörden, sondern beispielsweise auch mit dem britischen National Health Service. Auch dort geht es um Hunderte Millionen Euro. Trumps Begeisterung für Massenabschiebungen ist für Karp, Thiel und Co. ein sensationelles Geschenk: "Firmen einschließlich Palantir und Deloitte haben vergangenes Jahr gemeinsam mehr als 22 Milliarden Dollar durch Verträge mit den Behörden eingenommen, die den Kern von Donald Trumps aggressivem Vorgehen gegen Immigranten verantworten", berichtete die "Financial Times" im Januar. Eine zentrale Figur jedoch kommt in Brias "Authoritarian Stack" nicht vor: Amazon-Gründer Jeff Bezos, immer noch größter einzelner Anteilseigner des Konzerns. Dessen Cloudsparte Amazon Web Services (AWS) ist das derzeit vielleicht potenziell mächtigste Werkzeug der Allianz aus Trump-Regierung und US-Tech-Branche. Auch AWS verdient an Donald Trumps ICE-Armee, allerdings derzeit nur vergleichsweise bescheidene 25 Millionen Dollar . Die europäische Abhängigkeit von US-Anbietern ist kein theoretisches Problem: So blockierten Amazon, Google, Kreditkartenfirmen und diverse andere US-Dienstleister auf Wunsch der US-Regierung die Accounts und Karten mehrerer Richterinnen und Richter des internationalen Strafgerichtshofs (ICC) in Den Haag. Warum? Weil die US-Regierung mit deren Ermittlungen zu möglichen Kriegsverbrechen in Afghanistan nicht einverstanden ist. Sogar die Tochter einer Richterin wurde einfach mitsanktioniert . Gleichzeitig aber nutzt der Gerichtshof , so wie viele andere EU-Einrichtungen auch, Amazons AWS. Preisabfragezeitpunkt 26.04.2026 12.48 Uhr Keine Gewähr Selbst als Alternativen zu US-Diensten beworbene europäische Dienste wie seit Neuestem das Übersetzungstool DeepL (das in dieser Kolumne vor einigen Wochen noch als Schritt in Richtung digitale Souveränität gelobt wurde) und der explizit als Alternative zu Peter Thiels PayPal beworbene Bezahldienst Wero ("Die starke und unabhängige europäische Lösung beim digitalen Bezahlen") greifen mindestens teilweise auf AWS-Infrastruktur zurück. Das bedeutet, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz: Wenn es hart auf hart kommt, werden US-Behörden Zugriff auf dort verarbeitete oder gespeicherte Daten bekommen, könnten Accounts gesperrt, Dienste eingestellt, Daten beschlagnahmt werden, von Überwachung gar nicht zu reden. Zwar verspricht Amazon selbst "digitale Souveränität", und auch Microsoft betont standhaft, dass man sich im Zweifel auf die Seite europäischer Kunden schlagen werde, wenn US-Behörden anklopfen. Was solche Versprechen wert sind, zeigt exemplarisch aber eben der Fall des Internationalen Strafgerichtshofs. Amazon verspricht seit Jahresanfang sogar eine "European Sovereign Cloud", eine laut Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) "eigenständigen Cloud-Infrastruktur, die sich vollständig innerhalb der EU befindet und deren Betrieb physisch wie auch logisch von der globalen AWS-Instanz unabhängig sein wird". Da steht leider wirklich "wird", und dieser BSI-Pressetext ist erst vier Monate alt. Das Problem ist zwar erkannt, und europäische Behörden versuchen auch, etwas dagegen zu unternehmen. Derzeit aber kann von "technologischer Souveränität" keine Rede sein. Eine echte Euro-Cloud, betrieben von europäischen Unternehmen, wäre ein gewaltiger Gewinn. Das Ziel sei die "Fähigkeit Europas, seine eigenen Entscheidungen im Einklang mit seinen eigenen Werten und Regeln zu treffen", schrieb Ursula von der Leyen vor sechs Jahren. Im Moment scheinen wir davon weiter entfernt als damals. Wenn von der Leyen sich heute öffentlich äußert, auch und gerade zu digitalpolitischen Themen, tut sie das bevorzugt wo? Auf Elon Musks Desinformationsschleuder X .