Laureus Awards: Deutschland? Bayern.

Datum25.04.2026 12:08

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Artikel diskutiert die Wahrnehmung des deutschen Sports international, die oft hinter der Bewunderung für den FC Bayern zurückbleibt. Fußballgrößen wie Cafú, Gullit und Figo loben den Spielstil des FC Bayern und sehen darin ein Vorbild für den Fußball weltweit. Obwohl Bayern-Spieler wie Michael Olise als potenzielle Weltfußballer gehandelt werden, sind ihre Zukunftspläne ungewiss. Toni Kroos erhielt für sein soziales Engagement einen Preis, was die Bedeutung von Talent und Persönlichkeit unterstreicht.

InhaltWenn die Granden von einst über deutschen Sport reden, geraten sie derzeit voll ins Schwärmen. Blöd nur, dass sie dabei das Wort Deutschland nicht in den Mund nehmen. In unserer Kolumne "Grünfläche" schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 17/2026. Mitunter fragt sich die Selbstzweifelnation Deutschland ja gern, ob sie noch eine Sportnation ist. Bei Olympia und sogar in der Fußballweltrangliste nur noch Zehnter – was sind wir international überhaupt noch wert? Bei dieser Selbstbefragung geht es nicht nur um die nackten Fakten, sondern um Gefühle: Wie viel Respekt zollt man uns, wie ernst werden wir genommen? Anfang der Woche bot sich nun in Madrid die Gelegenheit, den weltweiten Stellenwert des deutschen Sports in Augenschein zu nehmen. Im prächtigen Palacio de Cibeles, dem Sitz der Madrider Stadtverwaltung unweit des Prado, wurden am Montagabend die Laureus World Sports Awards verliehen, seit 26 Jahren so etwas wie die Oscars des Weltsports und ein Stelldichein der Superstars. Vor der Preisgala, diesmal moderiert von Novak Djokovic und der Snowboard-Olympiasiegerin Eileen Gu, gab es anderthalb Tage Gelegenheit, von etlichen Größen des Weltsports zu hören, wie sie auf die Gegenwart blicken. Und siehe da: Deutschland ist in aller Munde. Nun ja, nicht wirklich. Nicht bei allen, immerhin aber bei etlichen Grand Old Schachteln der Fußballgeschichte. Und auch nicht ganz Deutschland. Sondern der FC Bayern. So wie die Münchner derzeit spielen – offensiv und angstfrei – würde sich jeder den Fußball wünschen, hörte ich, als Teil der Medienmeute aus aller Welt, Cafú schwärmen, den zweifachen Weltmeister und brasilianischen Rekordnationalspieler: "Es ist wunderschön, den Bayern beim Fußballspielen zuzusehen. Heutzutage ist der FC Bayern für den Rest der Welt ein Vorbild für die Kunst des Fußballspiels." Dass der 55-Jährige sich in Fragen von Schönheit immer noch auskennt, beweist er später auf dem roten Teppich, wo er mit seiner Frau eine perfekte Samba tanzte. Auch Ruud Gullit, der niederländische Fußballgott der Achtziger und frühen Neunzigerjahre, der manchen Strauß mit den Deutschen auszufechten hatte, bekennt sich dazu, die Bayern zu lieben. "Es ist eine Schande, dass sie schon im Halbfinale gegen Paris Saint-Germain spielen, das müsste eigentlich das Finale sein", sagt er in einer Talk-Runde mit Cafú und Luís Figo, dem alterslosen portugiesischen Altstar. "Die beiden spielen auf ähnliche Art, mit jungen Spielern und immer auf Angriff. Es wird ein schwieriges, aber wunderschönes Duell. Einer von beiden wird die Champions League gewinnen." Und Figo hält es sogar für möglich, dass ein Bayern-Spieler den Ballon d’Or als weltbester Fußballer bekommt: der Franzose Michael Olise. Als Teil einer deutschen Mannschaft konnten in den 70 Jahren, die es den Preis schon gibt, überhaupt nur zwei internationale Stars ihn gewinnen, der Brite Kevin Keegan (beim HSV) und der Däne Alan Simonsen (in Mönchengladbach). "Er ist ein großer Spieler", sagt der Portugiese, der selbst im Jahr 2000 den Goldenen Ball gewann, "einer, der den Unterschied machen kann, und das nicht irgendwann, sondern jetzt schon." Die zahlreichen Journalisten aus Madrid empfinden die Vorstellung, dass ein Weltfußballer nicht in ihrer Stadt spielt, natürlich als Provokation. Ob Olise nicht einer für das Real-Jersey sei, wollen sie von dem Mann wissen, der Anfang der 2000er-Jahre in dem weißen Leibchen nicht nur die Champions League gewann, sondern sich als Träger des königlichen Ritterordens unserer lieben Frau zur Empfängnis von Vila Viçosa mit Titeln aller Art bestens auskennt. "Das wird kompliziert", antwortet Figo. "Er ist in einem der größten Teams Europas. Und die Bayern haben sich sehr früh voll zu ihm bekannt, das war eine clevere Operation." Doch bevor man an der Säbener Straße jetzt schon aufatmet, müssen wir noch eine letzte prominente Stimme aus dem Palast zitieren: "Ich bin mir nicht sicher, ob er lange bei Bayern München bleibt", sagt Olises Landsmann Marcel Desailly. Mit seinen modischen Brillen, die er in den beiden Madrider Tagen trägt, sieht er nicht nur aus wie ein Fußballprofessor – als Welt- und Europameister, Champions-League-Sieger und Wandervogel zwischen Großvereinen (AC Mailand, Chelsea) weiß auch er, wovon er spricht. "Olise ist jung, lass die Weltmeisterschaft erst einmal vorübergehen. Sein Talent ist so groß – vielleicht geht er in die Premier League? Sie wollen die Besten haben. Und er ist einer der Besten." Und Geld spielt auf der Insel ohnehin schon lange keine Rolle mehr; die 140 Millionen, die Bayerns Juwel im Moment wert sein soll, können dort sogar die Abstiegskandidaten aufbringen. Wo auch immer Olise welchen Preis auch immer gewinnt – eine Trophäe ist dem deutschen Sport nach diesen Madrider Tagen nicht mehr zu nehmen. Mit nach Hause nehmen darf sie – fast möchte man sagen: naturgemäß – ein ehemaliger Bayern-Spieler: Toni Kroos, der in der spanischen Hauptstadt eine "neue Heimat" gefunden hat, wie er im Laufe der Preisverleihung mehrfach betont. Ausgezeichnet wird er freilich nicht für seine Verdienste auf dem Platz (dort hat er mit mehr als 30 Titeln schon genug gewonnen). Den Laureus Sporting Inspiration Award, den vor ihm erst drei andere Sportler bekommen haben, erhält er für sein soziales Engagement. Seit 2015 unterstützt er mit der Toni-Kroos-Stiftung schwerkranke Kinder und deren Familien in Deutschland. Und in seiner Toni Kroos Academy in Madrid will er nicht nur fußballerisches Können, sondern auch "Menschlichkeit und Charakter" fördern – "damit aus starken Spielerinnen und Spielern auch starke Persönlichkeiten werden". Eine Kostprobe seines eigenen Selbstbewusstseins liefert der Preisträger dann auf der Pressekonferenz nach der Preisverleihung: In perfektem Spanisch bürstet er einen spanischen Journalisten ab, der ihm mit trickreich formulierten Fragen ein paar Aussagen zur Krise von Real Madrid entlocken will. Was lernt man aus all dem über das Standing des deutschen Sports? Dass die Welt vor allem den bayrischen Fußball bewundert. In den vielen Titel-Prognosen zur kommenden Weltmeisterschaft kam das Wort Deutschland nicht einmal vor.