Datum25.04.2026 07:24
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel thematisiert, wie Kinder lernen, sich zu entschuldigen. Die Autorin teilt Erfahrungen mit ihrem Sohn, der kämpft, das Wort "Entschuldigung" zu schreiben. Sie plädiert dafür, dass Eltern ein Vorbild sein und sich selbst bei ihren Kindern entschuldigen, um ihnen zu zeigen, dass Fehlbarkeit menschlich ist und Fehler zuzugeben eine Stärke, keine Schwäche. Dies fördert die Fähigkeit des Kindes, Verantwortung zu übernehmen.
InhaltMein Sohn lernt, sich zu entschuldigen. Und ich kann mir etwas von ihm abschauen. Mein Erstklässler wartete am Schultor, mit hängenden Schultern und finsterer Miene. Auf dem Weg nach Hause schwieg er, erst in der Küche bekam ich so langsam die ganze Geschichte heraus. Er hatte sich mit seiner besten Freundin gestritten. Sie hat ihn ausgelacht, und er wusste nicht, wohin mit seiner Wut. Er boxte seine Freundin an den Arm, die haute zurück. Den Rest des Schultags verbrachten die beiden mit Abstand, notgedrungen nach einer Standpauke der Pausenaufsicht. Und vermissten sich schon in der nächsten Pause. "Aber leid tut es dir jetzt?", fragte ich. Er nickte. "Magst du dich entschuldigen?", schlug ich vor. Er entschied sich dafür, eine Karte zu schreiben und sie am selben Nachmittag in den Briefkasten des Mädchens zu werfen. Mit dem Bleistift aus dem Federmäppchen mühte er sich mit den Buchstaben ab. Er kam in Großbuchstaben bis ÄNSCHULDID, bevor er den Stift auf die Küchentheke knallte. "Das ist ein voll schweres Wort, ich kann das nicht!" Entschuldigung ist ein schweres Wort, damit hat mein Sohn recht. Aber es besitzt eine große Kraft. Und gerade deswegen würde ich es meinen Kindern gern beibringen. Aber wie? Als ich selbst Kind war, war es eine gängige Erziehungsmethode, von Kindern Entschuldigungen einzufordern. Ich erinnere mich an einen Streit mit Thomas aus der Kindergartengruppe. Er forderte mich auf, auf einen Baum zu klettern. Ich weigerte mich. Er nannte mich Feigling, ich schrie ihn an. Die Erzieherin griff durch und zwang uns dazu, einander die Hand zu geben. Die Demütigung, mich bei jemandem entschuldigen zu müssen, der mich Feigling genannt hatte! Mein sechsjähriges Ich war empört. In der Kindertagesstätte meiner heute zehnjährigen Tochter hing ein gerahmtes Plakat, vor dem ich oft stehen blieb: "Zehn Forderungen eines Kindes an seine Eltern und Erzieher". An zwei Aufforderungen erinnere ich mich besonders: Denke nicht, dass es unter deiner Würde sei, dich bei mir zu entschuldigen. Und versuche nicht, so zu tun, als seiest du perfekt und unfehlbar. Deswegen bitte ich meine Kinder regelmäßig um Verzeihung: Tut mir leid, dass ich so ungeduldig war. Ich war im Stress, ich hätte durchatmen müssen. Tut mir leid, dass ich nicht zu deinem Auftritt kommen konnte, weil ich arbeiten musste. Tut mir leid, dass ich manchmal mehr Zeit für den einen habe und die anderen Geschwister warten müssen. Ich mache das hier auch zum ersten Mal, ich lerne auch noch dazu. Man sollte als Elternteil ein Vorbild sein, aber man ist ja auch nur ein Mensch. Aber vielleicht sehen meine Kinder, dass ich Verantwortung für mein Handeln übernehme und sie das auch können. Fehler zuzugeben, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Mein Siebenjähriger warf die Karte noch am selben Nachmittag in den Briefkasten des Mädchens ein. Das Wort "Entschuldigung" hatte ich ihm vorgeschrieben, den Rest bekam er allein hin. ENTSCHULDIGUNG FÜR HAUN stand dort. Um ganz sicherzugehen, legte er noch einen Schokoladen-Lolli dazu. Wie haben Sie Ihren Kindern das Entschuldigen beigebracht? Schreiben Sie an familiennewsletter@spiegel.de . "Wir müssen unsere Demokratie schützen", diesen Satz hört man in letzter Zeit immer häufiger. Aber was ist eigentlich eine Demokratie? Und wovor sollte man sie wie schützen? Eine Demokratieforscherin, ein Bürgermeister, eine Demoschild-Influencerin, ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter und eine Klassensprecherin liefern Antworten – in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: wie ein Klavierbauer arbeitet. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen: Kürzlich ist ein Kinderbuch, aus dem Tschechischen übersetzt, in Deutschland erschienen: "Weder Junge noch Mädchen", von Marita Kelbl. Lukas merkt auf dem Schulhof, wie sich die Regeln ändern: Hier die Mädchen, die sich für Klamotten interessieren, dort die Jungen, die über Sport reden – und mittendrin die Frage, wo er eigentlich hingehört. Als Lukas den Satz "Ich bin weder Junge noch Mädchen" ins Handy tippt, öffnet sich ihm eine neue Perspektive: Er entdeckt Menschen und Gemeinschaften, in denen Geschlecht seit Langem anders gelebt wird – etwa die Hidschras in Indien, die Muxes in Mexiko oder queere Communitys in New York. Schritt für Schritt entsteht daraus eine tröstliche Erkenntnis: Die Welt ist größer, als er gedacht hat. Ein ganz besonderes und wichtiges Buch. Preisabfragezeitpunkt 25.04.2026 07.25 Uhr Keine Gewähr In meinem letzten Newsletter schrieb ich über den Nachmittagswahnsinn mit meinen Kindern: Geschrei, Toben, Streit und die Lautstärke, die das mit sich bringt. Leser Andreas hat diese Nachricht geschickt: "Warum sollten Kinder, die herumtoben, vor Energie sprühen, Grenzen austesten oder, mit anderen Worten, sich wie ein Kind benehmen, unnormal sein? So bilden sich Persönlichkeiten heran. Und nachdem nun meine Kinder voriges Jahr ausgezogen sind, kann ich nur sagen ›Genießt es!‹, auch wenn es oft anstrengend ist. Diese Zeit kommt nicht wieder. Das Leben mit Kindern ist eines der letzten oder das größte Abenteuer im Leben. Worauf man sich da eingelassen hat, weiß man trotz all den ›Ratgebern‹ in der Buchhandlung oder im Netz nie vorher. Und selbst mittendrin kann man nicht sagen, wo die Reise hingeht, was für Ideen die Kinder noch haben, wie sie später mal auf die Welt blicken oder was sie aus ihrem Leben machen. Sie austoben lassen, ihnen den Freiraum geben, aber auch Grenzen aufzeigen. Und wenn eine Grenze erreicht ist, es so vermitteln oder ausfechten, dass die Kinder wissen, an diesem Punkt lohnt sich keine Diskussion mehr. Dass sich Kinder wie Erwachsene benehmen, kann man nun wirklich nicht erwarten, das wird nur allzu oft vergessen in einer überalterten Gesellschaft." Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Herzlich Ihre Antonia Bauer