Prozess um Flucht des Wirecard-Managers: Er half Jan Marsalek, und geht doch als freier Mann

Datum24.04.2026 18:52

Quellewww.zeit.de

TLDREin Unternehmer und ehemaliger FPÖ-Politiker, Thomas Schellenbacher, wurde in Wiener Neustadt vom Vorwurf der Fluchthilfe für den Wirecard-Manager Jan Marsalek freigesprochen. Er organisierte Marsaleks Flug nach Minsk, behauptete aber, Marsaleks Bedrängnis nicht gekannt zu haben. Die Richterin urteilte, dass der Tatbestand der "absichtlichen Fluchthilfe" nicht erwiesen sei, da kein Haftbefehl vorlag. Der Prozess enthüllte Details über Marsaleks diskrete Flucht und die Rolle von Mittelsmännern, während Marsalek selbst untergetaucht bleibt.

InhaltIn Wiener Neustadt wird die Flucht des mutmaßlichen Milliardenbetrügers Jan Marsalek vor Gericht verhandelt. Mit einem Freispruch – und neuen Details. Es ist keine Flucht wie im Film. Keine spektakuläre Verfolgungsjagd, keine quietschenden Reifen, keine heulenden Sirenen. Für ein bisschen Nervenkitzel sorgt lediglich das Taxi, das immer wieder die Einfahrt verpasst. Aber am Ende finden das Auto und der bald so prominente Fahrgast doch noch den Weg zum Flugplatz. Am 19. Juni 2020, genau 20.02 Uhr, steigt ein Privatjet über der Provinzstadt Bad Vöslau, 20 Kilometer südlich von Wien, in den Himmel. Das Ziel: die belarussische Hauptstadt Minsk. Der einzige – abgesehen von den beiden Piloten – Passagier an Bord: Jan Marsalek. Ein mutmaßlicher Milliardenbetrüger, die zentrale Figur im Wirecard-Skandal, ein möglicher Mitarbeiter des russischen Geheimdiensts. Und kurze Zeit später der wohl meistgesuchte Mann Europas. Es sind die mysteriösen Umstände seines klandestinen Abgangs vor knapp sechs Jahren, die am heutigen Freitag am Landesgericht Wiener Neustadt verhandelt werden. Auf der Anklagebank: Thomas Schellenbacher, 61 Jahre alt, gelernter Ziviltechniker, Unternehmer, ehemaliger Politiker der Rechts-außen-Partei FPÖ. Angeklagt ist er wegen Begünstigung, also Fluchthilfe. Er war es, der am 19. Juni 2020 den Flieger für Jan Marsalek vom Flugplatz Bad Vöslau nach Belarus organisierte. Schellenbacher trägt einen dunkelblauen Anzug ohne Krawatte, als er im großen Schwurgerichtssaal erscheint. Hinter seiner getönten Brille zeigt sich keine Gefühlsregung. Auch nicht, als die Richterin nach nicht einmal fünf Stunden Verhandlung ein Urteil fällt: Freispruch. Die Sitzreihen hinter Schellenbacher sind fast leer, nur drei Journalisten tippen in ihre Laptops. Dabei ging es heute darum, wie der entscheidende Mann im Wirecard-Skandal, Jan Marsalek, sich via Österreich dem Zugriff der Sicherheitsbehörden entzog. Im Zentrum des Prozesses stand die Frage: Was wusste der Angeklagte Thomas Schellenbacher zu diesem Zeitpunkt über Jan Marsalek? War er sich dessen bewusst, dass er ihm möglicherweise bei seiner Flucht half? Das kann laut Strafgesetzbuch mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden. Nein, urteilte die Richterin am Ende. Der Tatbestand verlange, dass jemand einen Täter "absichtlich der Verfolgung" entziehe. Diesen Punkt sah die Richterin bei Schellenbacher nicht als erwiesen an. Zuvor hatte dessen Verteidiger argumentiert, dass es gegen Marsalek zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Haftbefehl gegeben hatte. Immerhin hätte er auch die Sicherheitskontrolle der österreichischen Behörden überstanden. "Warum sollte der Angeklagte mehr wissen als die Behörden?", fragt der Anwalt Farid Rifaat. Der Haftbefehl kam erst drei Tage nach dem Abflug aus Bad Vöslau. Da war Marsalek schon über alle Berge. In Minsk verliert sich seine Spur, später wollten ihn Journalisten von Spiegel und Standard in der russischen Hauptstadt Moskau ausfindig gemacht haben. Im Juni 2020 war es bei Wirecard, dem gefeierten und börsennotierten Zahlungsdienstleister aus München, immer enger geworden. Milliarden fehlten in der Bilanz. Einen Tag vor seiner Flucht war der Topmanager Jan Marsalek vom Aufsichtsrat rausgeworfen worden. Er wolle sich nun persönlich auf die Suche nach den verlorenen Milliarden machen, sagte er noch, auf den Philippinen. Einen Tag später stieg er in ein Taxi nach Bad Vöslau und später in den Flieger nach Minsk. Marsalek hatte prominente Fluchthelfer. Da ist einerseits Martin Weiss, ein ehemaliger österreichischer Verfassungsschützer und Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz und Nachrichtendienste (BVT), der eng mit Wirecard und Marsalek zusammengearbeitet haben soll. Am Abend vor seiner Ausreise soll Weiss noch mit Marsalek in einem italienischen Restaurant in München zusammengesessen sein. Ein ehemals hochrangiger Beamter im österreichischen Verfassungsschutz, bestens vernetzt im Sicherheitsapparat. Er soll, so die Vermutung österreichischer Staatsanwälte, zu einem Netzwerk um Marsalek und Egisto Ott gehört haben, noch so ein schlecht beleumundeter Ex-Verfassungsschützer. Er steht gerade in Wien vor Gericht. Weiss bestreitet die Vorwürfe gegen ihn. Er habe nichts von Marsaleks Fluchtplänen gewusst, sagte er bei einer Einvernahme. Für Weiss gilt freilich die Unschuldsvermutung. Kurz nach seiner Vernehmung floh er allerdings selbst nach Dubai, in einen Staat ohne Auslieferungsabkommen mit Österreich. Er entzieht sich seither dem Zugriff der österreichischen Justiz.  Und eben Thomas Schellenbacher. Ein Unternehmer und ehemaliger FPÖ-Politiker, der zugibt, den Flug im Auftrag von Martin Weiss vermittelt zu haben. Am Morgen des 19. Juni habe ihm dieser eine Kopie des Passes von Jan Marsalek geschickt, mit der Bitte, einen Flug zu organisieren. Schellenbacher wandte sich an eine lokale Flugfirma und buchte. Ob Schellenbacher wusste, wie sehr Marsalek da schon in Bedrängnis geraten sei? Er müsse jedenfalls "heute weg", habe ihm Weiss über Marsalek gesagt. Was er sich dabei gedacht habe, fragt die Richterin. Nichts, sagte Schellenbacher. "Das war bei denen oft während einer Besprechung so: auf und weg", sagt er. "Das waren sonderbare Menschen, so schnell und hektisch." Jan Marsalek habe er nicht gut gekannt, er habe ihn nur zweimal kurz getroffen, manchmal sei er bei Videokonferenzen dabei gewesen, wenn es um gemeinsame Projekte mit Wirecard ging. Eng, sogar "freundschaftlich", sei hingegen der Kontakt zu Martin Weiss gewesen, sagt Schellenbacher. Wie unwohl Schellenbacher bei der ganzen Sache war, brachte hingegen der Staatsanwalt vor. Schellenbacher hatte bei einer Einvernahme im Jahr 2021 ausgesagt, dass er natürlich "mitbekommen" habe, dass es bei Wirecard "stinkt". Mehr noch: "Mir ist der Arsch auf Grund gegangen, wie man sagt. Da habe ich mir gedacht, es stimmt da etwas nicht." Dennoch habe er die Ausreise für Marsalek organisiert. Auch weil Weiss versucht haben soll, seine Zweifel auszuräumen: "Alles safe", habe ihm dieser versichert. Heute, vor Gericht, zog Schellenbacher diese Aussagen zurück. Er sei "unter Stress" gestanden, als er die Aussage tätigte. Vielmehr habe er Marsalek lediglich den Flughafen zeigen wollen, er habe "Präsentationsunterlagen" dabeigehabt. Die Richterin folgte seinen Ausführungen, die Staatsanwaltschaft will gegen den Freispruch berufen. Schellenbacher hat eine eigene, skandalträchtige Geschichte. Von 2013 bis 2017 saß er für die Freiheitlichen im Nationalrat. Sein Mandat soll der Niederösterreicher, der politisch zuvor nie in Erscheinung getreten war, einer Gruppe ukrainischer Geschäftsleute zu verdanken haben. Sie sollen der FPÖ einen Millionenbetrag gezahlt haben, um ihren Geschäftspartner ins Parlament zu bringen, so berichtete es ein Zeuge in einer eidesstattlichen Erklärung. Die FPÖ setzte den Unternehmer auf ihre Wahlliste für die Nationalratswahl – und hievte ihn letztlich, vorbei an drei Vorgereihten, ins Parlament. Die FPÖ bestritt die Vorwürfe. Illegal war der Mandatskauf damals aber ohnehin nicht, ein dementsprechendes Gesetz wurde erst später verabschiedet. Der Prozess brachte zumindest ein paar neue Details über Marsalek und seine Flucht ans Licht. Marsalek habe den Flug direkt vor Ort, wie zuvor vereinbart, gezahlt, knapp 8.000 Euro, auf den Cent genau. Prinzipiell sei es ihm "egal, wer hinten einsteigt, Hauptsache, er zahlt", sagte einer der beiden Piloten aus. Marsalek habe die Geldscheine vor dem Abflug aus seiner Lederjacke herausgezogen, erinnert sich einer der beiden geladenen Piloten. Ob es stimme, dass Marsalek nicht einmal Trinkgeld gegeben habe, will die Richterin wissen. Der Pilot muss kurz auflachen. "Ja, stimmt." Als Zeuge war auch ein Polizist von der nahe gelegenen Polizeistelle geladen, die üblicherweise die Pässe am Flughafen Bad Vöslau kontrolliert. Er konnte sich aber nicht mehr an Marsalek erinnern, er habe den Namen erst später "gegoogelt", als das Ausmaß des Wirecard-Skandals publik wurde, sagt er. Aus den Ermittlungen hatte sich ergeben, dass kein Polizist mehr vor Ort war, als Marsalek – nach einigen Stunden Verspätung – erst am Abend eintraf, seine Passdaten waren lediglich in Abwesenheit kontrolliert worden. Ob das normal sei, dass ausreisende Personen, die den Schengen-Raum verlassen, nicht persönlich kontrolliert werden, will der Verteidiger wissen. Eigentlich nicht, sagt der Polizist. Warum das hier nicht geschehen sei – und ob es dann nicht möglich sei, dass am Ende eine ganz andere Person in den Flieger steige, etwa ein "René Benko" statt Jan Marsalek, fragte der Verteidiger. "Möglich ist alles", antwortete der Polizist.